National League

Das Ende der Davoser Romantik – Der HCD befindet sich in einer Sinnkrise

Musste schon mehrmals hinter sich greifen: Der ausländische Torhüter Anders Lindbäck im Einsatz für den HC Davos.

Musste schon mehrmals hinter sich greifen: Der ausländische Torhüter Anders Lindbäck im Einsatz für den HC Davos.

In der 23. Saison mit Trainer Arno Del Curto ist der HCD in eine Sinnkrise geraten. Grund dafür ist auch, dass der Star-Trainer seine Philosophie wechseln musste.

Rückschläge und wilde Zeiten hat es immer wieder mal gegeben. Aber es waren nur Episoden, die das tiefe HCD-Selbstvertrauen nicht einmal zu ritzen vermochten. Dieses Selbstverständnis, auf einer Mission zu sein, um das Eishockey ständig zu verbessern und dabei immer neue Gipfel des Ruhmes zu erstürmen.

Immer schneller, immer besser, immer anders. Immer HCD. Und jetzt zwei Pleiten gegen Lugano (1:3) und Ambri (2:5) mit dem ausländischen NHL-Lottergoalie Anders Lindbäck (Fangquote 89,90 Prozent). Krise! Oder besser: Sinnkrise!

Kürzlich fragte ein bekannter Spieleragent, was eigentlich mit Arno Del Curto los sei. Er habe in Arnos Auftrag nach einem starken ausländischen Center gesucht, einen gefunden und offeriert. Arno habe sich bedankt und versichert, man werde sich umgehend melden.

Am anderen Tag habe er den Medien entnommen, dass die Davoser einen ausländischen Torhüter verpflichtet haben. Um zu verstehen, wie es im aufgewühlten HCD-Innenleben zu- und hergeht, können wir uns nicht mehr auf offizielle Verlautbarungen verlassen. Erst recht nicht mehr, seit Präsident Gaudenz Domenig seinem Trainer untersagt hat, sich spontan öffentlich zu äussern.

Ein Torhüter darf sofort gehen

Aber es gibt natürlich Gewährsleute, mit denen sich Arno Del Curto austauscht. So ist es einfach, ein wunderbares alpines Hockey-Krisen-Panorama zu entwerfen. Am Anfang steht eine gut gemeinte Naivität der beiden jungen Torhüter Joren van Pottelberghe (21) und Gilles Senn (22).

Sie haben ihrem Chef anvertraut, dass sie im Sommer 2019 ihr Glück in Nordamerika suchen werden. Damit haben sie sich aus dem Spiel genommen: bedingungslose Loyalität ist die Voraussetzung, um ein wahrer «Zeuge Del Curtos» zu sein. Jetzt schon den Kopf in Amerika? Das geht nicht. Das ist sozusagen «Verrat».

Darin stimmen alle Berichte aus dem HCD-Inneren überein: Arno Del Curto habe nicht nur das Vertrauen in seine Goalies verloren, die ihn immerhin schon zweimal in die Playoffs und einmal in den Halbfinal gebracht haben. Er sei zudem überzeugt, dass auch die Mannschaft dieses Ur-Vertrauen nicht mehr habe, das es nun einmal bei Torhütern brauche.

Arno del Curtos Kult-Interview auf Englisch

Er traue beiden nicht zu, mental den Belastungen eines Kampfes um die letzten Playoffplätze gewachsen zu sein. Er habe es sich nicht leicht gemacht und sicherlich fünf Wochen mit sich gerungen, bis er sich schliesslich für die Verpflichtung eines ausländischen Torhüters entschieden habe.

Um das Budget zu entlasten, darf nun einer der beiden heimischen Goalies sofort gehen, um andernorts Spielpraxis zu bekommen. Das bestätigt Arno Del Curto auf Anfrage. Derjenige, der zuerst mit einem konkreten Vorschlag komme, dürfe zu einem anderen Klub wechseln.

Und damit haben wir auch die Erklärung für die Verwirrung des eingangs erwähnten Spieleragenten: Arno Del Curto sucht tatsächlich auch einen ausländischen Mittelstürmer. Als Ersatz für den dauerverletzten Sami Sandell. Vielleicht kommt der besagte Agent mit Arno doch noch ins Geschäft.

Wechsel der Philosophie

Allerdings geht es beim HCD um weit mehr als um die Besetzung der Ausländerpositionen: Arno Del Curto habe erkannt, dass nach dem Aderlass der letzten Jahre ein tiefgreifender Wechsel der Philosophie vonnöten sei. Aus dem «Hockey-Romantiker», der 20 Jahre lang nach dem noch schnelleren, perfekteren Hockey gesucht habe, werde nun ein Hockey-Realist, der auf unerbittliches Zweckhockey («SCB-Hockey») umstellen müsse.

Auf dem Eis zeigt sich, wie schwierig das ist. Soeben sind die Davoser gegen Ambri nach gutem Beginn (1:1 nach einem Drittel) wieder ins alte Fahrwasser des stürmischen Vorwärtsspiels geraten und gnadenlos ausgekontert worden (2:5-Niederlage).

Arno Del Curtohabe im kleinen Kreis einen bemerkenswerten Satz gesagt: Man sei nicht mehr der HC Davos, der auf dem Eis machen könne, was er wolle. Auch in Davos müsse man sich auf die Gegner einstellen.

Aber eigentlich ist Arno Del Curto zu beneiden. Erst im Alter von 62 Jahren wird er im Berufsleben vom Romantiker zum Realisten. Im richtigen Leben wird einem diese Umstellung spätestens mit dem Erreichen des 30. Lebensjahres abverlangt.

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