National League

Das bröckelnde Reich des HC Davos

Arno Del Curto macht an der Bande oft einen ratlosen Eindruck.

Arno Del Curto macht an der Bande oft einen ratlosen Eindruck.

Beim HC Davos stellt sich nicht nur die Frage, wie es mit Trainer Arno Del Curto weitergeht. Die Krise könnte langfristig gravierende Auswirkungen haben.

Passender könnte das Bild gar nicht sein. Rund um das wunderschöne Davoser Eisstadion herrsch derzeit reger Baustellenbetrieb. Die «Vaillant-Arena», wie der prächtige Holzbau genannt wird, wird renoviert. Es wird gehämmert, gebohrt, abgerissen – man wird automatisch an den aktuellen sportlichen Zustand des HC Davos erinnert. Eine grosse Baustelle.

Doch während die Eis-Arena spätestens beim 100-Jahr-Vereinsjubiläum im Jahr 2021 wieder in modernisiertem Gewand dastehen wird, muss man sich angesichts der epochalen Krise der Davoser Mannschaft Sorgen machen, ob man in drei Jahren, wenn der Schweizer Eishockey-Traditionsklub schlechthin sein grosses Fest feiern wird, überhaupt noch hochklassigen Sport zu sehen bekommt in der renovierten Spielstätte.

Das Herz des Teams

So sehr sich die Diskussionen momentan um die desolaten Darbietungen und folglich die Person von Trainerlegende Arno Del Curto drehen, so sehr muss aus Sicht des Rekordmeisters auch die mittel- bis langfristige Perspektive tiefe Sorgenfalten auf den Stirnen der Verantwortlichen produzieren.

Die Gefahr ist nämlich gross, dass der HCD nicht nur in dieser Saison um den Klassenerhalt kämpfen muss. Sondern, dass ihm am Ende der laufenden Meisterschaft auch noch die wenigen, designierten Leistungsträger davonlaufen und somit die personelle Decke weiter ausgedünnt wird.

Nicht, dass Spieler mit auslaufenden Verträgen wie Enzo Corvi, Andres Ambühl, Dino Wieser, Marc Wieser oder Fabian Heldner momentan viele Argumente für ein weiteres Engagement liefern. Aber genau diese Gruppe bildet kraft ihres eigentlich vorhandenen Potenzials das Fundament, auf dem der HC Davos seine Mannschaft aufbauen muss, wenn er in den kommenden Jahren konkurrenzfähig bleiben will. Es sind allesamt Spieler, die bei den Davoser Junioren gross wurden oder sich beim HCD zu Leistungsträgern entwickelt haben. Oder anders ausgedrückt: Sie bilden das Herz des Teams, sind Identifikationsfiguren.

Die verzwickte Lage

Das Verzwickte an der Geschichte ist, dass genau jetzt die Vertragsverhandlungen im Hinblick auf die kommende Saison in eine heisse Phase kommen. Jetzt, wo sich der HC Davos in seiner schwersten sportlichen Krise seit dem Wiederaufstieg 1993 befindet.

Selbst wenn der HCD für Transferfragen mit René Müller zur Entlastung von Arno Del Curto unlängst einen Sportchef installiert hat, so steht und fällt das sportliche Schicksal des Rekordmeisters letztlich doch mit dem legendären Trainer, dem kraft seines überaus erfolgreichen Wirkens während zweier Jahrzehnte eine Machtposition zugefallen ist, die sich jetzt, in Krisenzeiten, als hinderlich erweist. Alle Fäden liefen bei ihm zusammen. Er sagte, welche Spieler er will und welche er nicht mehr will.

Kein glückliches Händchen

Dass er dabei zuletzt kein glückliches Händchen bewies, zeigt sich nicht nur anhand der wirren Goaliepolitik mit dem kurz vor Saisonstart verpflichteten Schweden Anders Lindbäck und dem abrupten Ende des Experiments mit dem jungen Duo Senn/van Pottelberghe. Die Probleme akzentuierten sich am Freitag sogar noch. Der Vertrag mit dem mit grossen Vorschusslorbeeren gekommenen Shane Prince wurde per sofort aufgelöst. Der Amerikaner fand sich in dieser tiefen Krise nie zurecht in Davos und wurde den hohen Erwartungen in keiner Weise gerecht.

Wobei das Einfädeln von Transfers für den HCD viel schwieriger geworden ist – selbst wenn man mit der Verpflichtung von Fabrice Herzog (ZSC Lions) am Freitag einen Erfolg vermelden konnte. Das liegt nicht nur daran, dass man in Davos wegen der Stadion-Renovation weniger Geld in der Transferkasse zur Verfügung hat und somit im Kampf um die «fertigen» Spieler kaum mithalten kann.

Die ungestüme Arte des Arno Del Curto

War Arno Del Curto früher vor allem für junge, sehr talentierte Spieler ein Magnet und gefragter Förderer, so hat sich die Lage diesbezüglich verändert. Die grossen Talente aus dem Unterland kommen nicht mehr in die Berge. Einerseits verfügt die Mehrheit der Klubs mittlerweile selber über exzellente Juniorenabteilungen, andererseits – so hört man es in der Eishockey-Szene – kommen die Spieler nicht mehr vorbehaltlos mit der bisweilen ungestümen Art Del Curtos zurecht – selbst wenn er sich diesbezüglich auch angepasst hat.

Der HCD-Headcoach sagte jüngst selber in einem Interview: «Die jungen Spieler überlegen sich heute zweimal, ob sie nach Davos kommen wollen. Das Leben spielt in der Stadt. Dort gibt es Schulen, Ausbildungsplätze, Bars und so weiter. Überhaupt muss ich mit den Spielern von heute ganz anders umgehen als früher. Sie hätten wohl mehr Mühe, wenn ich sie so anpacken würde wie damals.»

Momente der Hilflosigkeit

Man kann sich oft des Eindrucks nicht erwehren, dass Arno Del Curto nicht mehr der Arno Del Curto von früher sein kann und darf. Wer ihn während der Spiele beim Coaching beobachtet, stellt fest, dass er kaum mehr Emotionen zeigt, ja bisweilen fast entrückt wirkt und dem Geschehen tatenlos zuschaut. Kommt dazu, dass er nicht mehr das Tempo-Eishockey spielen lassen kann, das er jahrelang gepredigt hat. Der Versuch, seiner verunsicherten Mannschaft eine defensive Grundordnung überzustülpen, endet – mit Ausnahmen – regelmässig in Debakeln.

Die grosse Frage bleibt, wie lange die HCD-Verantwortlichen bereit sind, dem oft desolaten Treiben zuzusehen. Dass der Rekordmeister aus verschiedenen Gründen eine schwierige Phase durchmacht, ist allen Beteiligten bewusst und auch der Grund dafür, dass nicht längst die gängigen Massnahmen ergriffen wurden. Aber es steht sehr viel auf dem Spiel. Nicht nur der Ruf und das Vermächtnis eines der grössten Trainer der Schweizer Eishockey-Geschichte. Es ist die Zukunft eines ganzen Klubs, die vor sich hinbröckelt.

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