Eishockey
Damien Brunner nach WM-Out: «An Sean Simpson lag es sicher nicht»

Die Schweizer Eishockey-Nati hat nach dem Silberjahr an der Weltmeisterschaft die Viertelfinals verpasst. Damien Brunner nimmt den Nationalcoach Sean Simpson in Schutz und hält die Thematisierung der vielen Absagen für respektlos.

Klaus Zaugg, Minsk
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NHL-Stürmer Damien Brunner hält die Thematisierung der vielen Absagen für «respektlos».

NHL-Stürmer Damien Brunner hält die Thematisierung der vielen Absagen für «respektlos».

Keystone

Damien Brunner, Sie waren auch nach der zweiten Turnier-Niederlage gegen die USA nach wie vor optimistisch. War Ihr Optimismus ein Irrtum?

Damien Brunner: Nein, überhaupt nicht. Es hat schliesslich sehr wenig gefehlt. Das zeigte sich gerade nach der Niederlage gegen Weissrussland. Wir haben nach diesem Spiel im Speisesaal die Tische zusammengeschoben und seither essen alle am gleichen Tisch. Das ist symbolisch für den sehr guten Zusammenhalt dieser Mannschaft.

Aber es hat eben nicht gereicht. Warum?

Wir hatten uns durch die Startniederlage gegen die Russen nicht entmutigen lassen und waren gegen die Amerikaner bereit. Die Geschichte mit den zwei aberkannten Toren in diesem Spiel ist ja bekannt. Entscheidend war letztlich für den weiteren Verlauf des Turniers, dass wir das 3:2 gegen die Weissrussen nicht über die Zeit gebracht haben. Bis zu diesem 3:2 war in diesem Spiel alles für uns gelaufen. Nach dieser dritten Niederlage ist die Situation im psychologischen Bereich schwierig geworden.

WM-Viertelfinals? - Die Schweiz ist ausgeschieden

Das Schweizer Nationalteam kann an der WM in Minsk die Viertelfinals nicht mehr erreichen. Finnland gewann im gestrigen Nachmittagsspiel gegen Kasachstan mit 4:3. Damit können die Schweizer nicht mehr Vierter werden. Ein Jahr nach dem sensationellen Gewinn der Silbermedaille haben die «Eisgenossen» nun am fünften WM-Turnier unter Trainer Sean Simpson zum dritten Mal die Viertelfinals verpasst. Völlig belanglos ist das abschliessende Spiel gegen Lettland aber nicht, schaffen doch nur jene Teams direkt den Sprung an die Olympischen Spiele 2018, die in der Weltrangliste nach der nächsten WM unter den Top 8 stehen. Die Enttäuschung über das vorzeitige Scheitern war im Schweizer Lager selbstredend gross, lag es doch auch an zwei Linienrichter-Fehlentscheiden im Spiel gegen die USA, dass die Schweiz die Viertelfinals verpasst. «Die Fehlentscheide bestrafen unsere gute Leistung», sagte Thomas Rüfenacht. Mit einem Sieg gegen Lettland könnten die Schweizer Simpson in dessen 112. und letztem Spiel als Nationaltrainer immerhin einen positiven Abschluss bescheren. (NCH/SI)

Wie meinen Sie das?

Es klingt vielleicht wie eine Ausrede. Aber es ist so: Nach drei Niederlagen nahm der Druck zu und das haben wir gespürt. Fast alle Spieler sagen zwar, dass sie nichts gelesen haben. Aber jeder liest heute online und weiss, was los ist. Es spielt dann schon eine Rolle, wenn die Kritik in der Heimat weitgehend negativ ist.

Das beeinflusst tatsächlich eine Mannschaft?

Ja, es bringt einfach eine gewisse Hektik rein. So im Sinne: Jetzt müssen wir aber unbedingt! Und das erschwert es, Gelassenheit zu wahren. Das soll aber keine Ausrede sein, es ist einfach ein Faktor unter vielen anderen.

Dann ist es im Kommunikations- und Handy-Zeitalter schwieriger geworden, eine Mannschaft zu führen?

Wenn Sie so wollen, ja.

Sie bekamen nach dem Spiel gegen Deutschland einen trainingsfreien Tag. Was war da los?

Nun ja, ich bekam frei.

Aber warum? Jetzt können Sie es ja erzählen.

Ich hatte bereits in der Vorbereitung gegen Deutschland und im letzten Vorbereitungsspiel gegen Kanada Schläge gegen den Kopf erhalten. Dann erwischte es mich in der Partie gegen Deutschland noch einmal.

Eine Gehirnerschütterung?

Ja, wahrscheinlich schon.

Was sagen Sie zu den vielen Absagen?

Absagen nach einer NHL-Saison kann ich verstehen. Aber die anderen? Nein, lassen wir das.

Nein, lassen wir das nicht.

Doch, lassen wir das. Ich finde die Thematisierung dieser Absagen sowieso respektlos.

Aber es ist halt ein Thema.

Das mag sein. Aber es ist respektlos gegenüber vielen Spielern, die jetzt hier an der WM sind. Sind sie nur als Lückenbüsser da? Sicher nicht. Ich glaube nicht, dass wir beispielsweise künftig auf Reto Schäppi verzichten können. In Detroit wollte Trainer Mike Babcock das Gejammer der Medien über viele Verletzte nicht hören und sagte: Gebt mir ein Team und ich finde einen Weg, um zu gewinnen.

Sean Simpson hat keinen Weg gefunden, um genügend Spiele zu gewinnen.

Aber an Sean Simpson lag es sicher nicht. Ich habe schon immer sehr gerne für Simpson gespielt. Er macht seine Sache einmal mehr perfekt und hat uns die richtigen Anweisungen gegeben.

Zum Beispiel?

Wir bekamen die richtigen Scouting-Reports über Finnlands Goalie Pekka Rinne und waren fürs Penalty-Schiessen bereit. Reto Suri und ich versuchten den richtigen Trick. Aber es fehlten halt ein paar Zentimeter ...

Wie haben Sie diese WM erlebt? Es gab ja kritische Stimmen zu Weissrussland.

Diese WM ist ganz einfach ein tolles Erlebnis. Bei der WM 2009 in der Schweiz wurde vom «Heimnachteil» gesprochen. Das Dümmste, was ich je gehört habe. Hier wird die WM zelebriert. Die Fans tragen nicht nur die Heimmannschaft. Sie unterstützen immer wieder auch die Aussenseiter.

Wie geht es bei Ihnen nach der WM weiter? Trainieren Sie als Vorbereitung auf die NHL-Saison mit New Jersey wieder mit Zug?

Nein. Ich muss mal Felix Hollenstein anrufen. Wahrscheinlich werde ich mit Kloten trainieren.

Handlungsbedarf!

Ein Kommentar von Klaus Zaugg:

Die Schweizer haben in Minsk das Viertelfinale verpasst. Gescheitert! Vor zehn Jahren hätten wir noch gejubelt: Den Klassenerhalt gesichert! Die Deutschen gebodigt!

Aber die Ansprüche sind inzwischen gestiegen. Seit dem WM-Final können wir nur noch mit einer Halbfinalqualifikation restlos zufrieden sein. Und doch: So enttäuschend diese WM auch sein mag, ein Grund zu sportlichen Sorgen gibt es nicht. Eine neue Generation von Spielern, Trainern und Klubmanagern hat uns in die Weltklasse geführt. Daran ändert auch Minsk 2014 nichts. Es braucht jetzt keine sportliche Revolution. Die Ausbildungsprogramme der Klubs und des Verbandes funktionieren und werden von fähigen Funktionären und Trainern umgesetzt. Die Liga gehört zu den besten der Welt und wird von guten Werbepartnern getragen. Die Basis ist gesund.

Also zur Tagesordnung übergehen? Nein, es gibt Handlungsbedarf. Verbandspräsident Marc Furrer, sein CEO Florian Kohler und Sportdirektor Ueli Schwarz waren mit der Verwaltung des silbernen Erbes von Stockholm überfordert. Ihre «Bunker-Mentalität» und Pflege persönlicher Eitelkeiten sorgten monatelang und bis Minsk für Unruhe - auch ums Nationalteam. Einst hatten wir hier die kreativen, mutigen Vordenker, welche die Entwicklung unseres Hockeys befeuerten.

Die Gelassenheit der Grossen im Umgang mit schwierigen Situationen, mit Lob und Kritik, fehlt uns auf höchster Ebene noch. Das muss ändern. Denn nach wie vor sind wir nur Weltklasse, wenn ALLES stimmt. Und das war in Minsk nicht der Fall - sportlich, aber eben auch politisch. Sportliche Probleme (sei es nur die fehlende Hochform des Goalies) sind nie ganz zu vermeiden. Aber hausgemachte Probleme wie in Minsk darf es nicht mehr geben.

Den Zustand unseres Hockeys in einem Satz zusammengefasst: Wir sind beim Versuch knapp gescheitert, mit den Verbandsgenerälen von gestern und den Spielern und Trainern von heute das Eishockey von morgen zu spielen.