Eishockey
Bronze-Heldinnen von Sotschi: Nach dem Hype kam der Alltag

Ein Jahr nach Olympiabronze in Sotschi – was hat sich für das Frauen-Eishockeynationalteam verändert? Drei der Bronzeheldinnen von Russland erzählen von ihrem bewegten Jahr seit dem Märchen von 2014.

Raphael Biermayr
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Selbstporträt: Das Frauennationalteam ist für seine Leistung an den Olympischen Spielen auch an den Hockey Awards ausgezeichnet worden.

Selbstporträt: Das Frauennationalteam ist für seine Leistung an den Olympischen Spielen auch an den Hockey Awards ausgezeichnet worden.

KEYSTONE

Hand aufs Herz: Würden Sie eine Olympia-Bronzemedaillengewinnerin des Fraueneishockeynationalteams auf der Strasse erkennen? Okay, Florence Schelling – und sonst? Am 20. Februar 2014 gewann die Equipe dank einer grossartigen Mannschaftsleistung das Spiel um Platz 3 gegen Schweden nach einem 0:2-Rückstand nach 40 Minuten noch mit 4:3. Die Euphorie war gross in den ersten Wochen: Ehrungen, Empfänge, Galas, vereinzelt kleine Werbeauftritte.

Im Herbst und Winter kehrte das Team anlässlich der Swiss Hockey Awards und der Sports Awards in Abendkleidern ins Rampenlicht zurück. Einige waren der Ansicht, dass die Frauen als «echte Mannschaft» die Wahl zum Team des Jahres im vergangenen Dezember verdient hätten anstelle der Davis-Cup-Männer. Doch obwohl die Stimmabgabe von Medienschaffenden und Schweizer Leistungssportlern rund einen Montag vor dem Finalsieg von Federer und Co. beendet war, hatten die Eishockeyanerinnen keine Chance.

Nach dem Hype der Alltag

Und heute? Die Frage geht an den Nati-Captain Julia Marty: «Der Hype nahm nach ein paar Wochen ab, der Alltag war bald wieder da.» Der Alltag bedeutet für die 26-jährige Leistungsdiagnostikerin: Arbeit und daneben Nischen-Sport in der Schweizer Frauenliga. In der Saison der Olympischen Spiele wechselte Marty mit ihrer Zwillingsschwester Stefanie nach Schweden, um sich besser auf den Saisonhöhepunkt vorzubereiten.

Was machen die weiteren Bronzeheldinnen?

Goalie Florence Schelling wurde zur wertvollsten Spielerin des Olympiaturniers gewählt. Das Gesicht des Schweizer Fraueneishockeys stand seither häufiger auf dem roten Teppich als für Männer-Erstligist Bülach auf dem Eis: Eine langwierige Schulterverletzung hat sie zurückgebunden. Nur die WM kann sie mit der laufenden Saison versöhnen. Stefanie Marty ist nach einem Praktikum und einem damit verbundenen temporären sportlichen Engagement in Neuenburg zum schwedischen Meister Linköping zurückgekehrt, wo seit dem 1. Januar auch Sarah Forster spielt. Die beiden treffen ab dem 20. Februar im Europacupfinalturnier auf Lugano. Bei den Tessinerinnen, die die Meisterschafts-Qualifikation gewannen, stehen nach wie vor die Bronzemedaillengewinnerinnen Nicole Bullo, Evelina Raselli, Romy Eggimann und Anja Stiefel unter Vertrag. Nationalteam-Ersatzgoalie Sophie Anthamatten (Saastal, 1.-Liga-Männer) stösst voraussichtlich wie in der Vorsaison auf die Playoffs hin zum Team. Alina Müller, die Schützin des entscheidenden Tors im Bronzespiel steht mit den Novizen Elite der Kloten Flyers vor der entscheidenden Saisonphase. Lara Stalder wurde an der Universität Minnesota von der Verteidigerin zum Center umfunktioniert. In derselben Stadt – Duluth – ist auch die Universität von Nina Waidacher beheimatet. Die Aroserin ist Leistungsträgerin und Captain ihres Teams, das in einer tieferen Liga spielt als Stalders Equipe. Sara Benz wird mit ihrer Zwillingsschwester Laura sowie Livia Altmann mit den ZSC Lions versuchen, nach den Meistertitel nach Zürich zu holen. Dafür muss zuerst Reinach bezwungen werden, wo Sandra Thalmann spielt, die sich von ihrem Kreuzbandriss erholt hat. Janine Alder war dritte Torhüterin in Sotschi. Sie kommt gelegentlich bei den Elite-B-Junioren Winterthurs zum Einsatz. Jessica Lutz hat ihre Sportkarriere auf Eis gelegt und macht in den USA eine Ausbildung zur Krankenpflegerin. Angela Frautschi ist aus gesundheitlichen Gründen vom Eishockey zurückgetreten. (bier)

Mittlerweile ist Julia Marty nach Reinach zurückgekehrt. Was die Liga anbelangt, habe sich seit Sotschi nichts geändert. «Sie hinkt zwei, drei Schritte hinter der Nationalmannschaft hinterher», sagt die Aargauerin, die bislang 141 Länderspiele bestritten hat. Die geringe Anzahl Spielerinnen sorgt für ein Riesengefälle. Die Playoffs (Halbfinal) haben erst gestern begonnen, doch es ist klar, dass Lugano und die ZSC Lions den Titel unter sich ausmachen werden. Jene Teams hatten nach Qualifikation und Masterround gleich viele Zähler auf dem Konto – und doppelt so viele wie der Drittplatzierte.

Abtritt auf dem Höhepunkt

Martys Reinach unterlag im ersten Playoffspiel den Zürcherinnen. Zum Siegerteam gehörten zahlreiche Teamkolleginnen von Sotschi, so auch Katrin Nabholz (28). Sie ist nach der vergangenen Saison aus dem Nationalteam zurückgetreten. Ein Abtritt auf dem Höhepunkt also. «Ich hätte sowieso aufgehört, weil mein Staatsexamen bevorstand. Es war Glück, dass es so gekommen ist», sagt sie, die noch heute auf den Olympiaerfolg angesprochen werde.

Mittlerweile ist Nabholz promovierte Tierärztin. Sie gehörte wie Julia Marty bereits zum Team, das 2004 das Schweizer Fraueneishockey nach der Stunde null (Abstieg in die zweithöchste WM-Gruppe) in die Moderne führte. Die dramatische Qualifikation für die Olympischen Spiele 2006 war die Initialzündung: Die Schweizerinnen holten den nötigen Sieg gegen Gastgeber China dank eines Treffers sechs Sekunden vor Schluss. «Da lernten wir, immer bis zum Schluss an unsere Chance zu glauben.» Das Mantra des Nie-Aufgebens ging in die DNA der Mannschaft ein, wie sie in Sotschi eindrücklich demonstrierte.

Mehr Unterstützung vorhanden

Das blieb nicht ohne positive Folgen. Während die Frauen im Schweizer Eishockeyverband früher einfach toleriert worden seien, würden sie heute mehr gelten, sagt Nabholz. Die Unterstützung für die Nationalteams ist nachweislich gestiegen. Vor allem die U18-Equipe hat davon profitiert: Bis vor dieser Saison mussten die Spielerinnen während Zusammenzügen täglich 50 Franken aus der eigenen Tasche bezahlen – das ist passé.

Vorkämpferin Nabholz nimmt das mit Genugtuung zur Kenntnis. Denn die Baslerin kann mit Schaueranekdoten aus dem A-Nationalteam aufwarten, die nicht allzu weit zurückliegen: «An einem Turnier waren wir in einer Zivilschutzanlage untergebracht. Wir froren und schliefen schlecht. Unter diesen Umständen war es schwierig, gute Leistungen zu bringen.» Oder: «Wir wurden vor einem Trainingscamp darüber informiert, dass kein Geld für Zwischenverpflegungen zur Verfügung steht – wir mussten diese selbst mitbringen.»

Phoebe Staenz an Eliteuniversität

Diese Verhältnisse kennt Phoebe Staenz nur vom Hörensagen, sie ist seit der Heim-WM 2011 im Nationalteam. Vor Jahresfrist gehörte sie zu den herausragenden Einzelspielerinnen. Das kommt nicht von ungefähr. Wenige Wochen nach Sotschi wurde sie in den USA zur besten Erstsaison-Hochschulspielerin des Landes gewählt. Staenz zog 2012 auf eigene Faust für ein Studium in die USA und wurde nach einem Vorbereitungsjahr im berühmten Yale angenommen.

Dort studiert sie noch fünf Semester lang Mathematik und Wirtschaft. Die 21-Jährige reüssiert nicht nur auf dem Eis, sondern auch im Klassenzimmer: Ihr Notendurchschnitt gehört zu den höchsten, verglichen mit anderen Sportlerinnen. Im Frühlingssemester 2014, in dem sie wegen der Olympischen Spiele drei Wochen verpasste, schnitt sie noch besser ab als im vorangegangenen Herbstsemester. Sie wird ihrem Namen gerecht: Phoebe bedeutet «Die Helle».

Bronze erst der Auftakt?

Für die quirlige Stürmerin waren die Bronzemedaillen an der WM 2012 und an den Olympischen Spielen erst der Auftakt. «Ich glaube, dass wir es schaffen werden, nochmals eine Medaille zu holen – wenn nicht mehrere», schreibt sie auf Anfrage vom Campus. Die nach Sotschi gestiegene Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und des Verbands nimmt Staenz gerne als Ansporn. «Wir wollen nicht, dass es heisst, wir hätten die Medaille nur mit Glück geholt. Wir wollen zeigen, dass wir uns verbessert haben seit Olympia und dass wir nicht zufrieden sind mit dem Erreichten.»

Die Zürcherin dient als Beweis, dass die nach wie vor mädchenunfreundliche Nachwuchssituation in der Schweiz auch international anerkannte Talente hervorbringen kann. Staenz spielte bei den Elite-B-Junioren des EHC Bülach sowie den Noven-Elite-Junioren in Kloten. Nach ihrer Erfahrung sollten Mädchen so lange bei den Jungs spielen wie möglich, bei den Frauen sei die Intensität in den Trainings tiefer und die Liga sei «einfach zu klein und zu einseitig». Die kecke Staenz geht noch einen Schritt weiter: «Wenn wir zeigen, dass Frauen aus der Schweiz bessere Hockeyspielerinnen sind, weil wir mit den Jungs spielen lernen, dann werden die USA und Kanada unserem Beispiel folgen.»

Nach der Bewährung ist vor der Bewährung

Nachdem die Generation um Julia Marty und Katrin Nabholz Türen geöffnet hat, ist es nun an Spielerinnen wie Phoebe Staenz, diese offenzuhalten. Das ist nur durch weitere, zeitnahe Erfolge möglich. Nach der Bewährung ist vor der Bewährung.

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