Tabellenführer! Ja, okay, aber so richtig ernst wird Biel trotzdem nicht genommen. Es macht einen Unterschied, ob ein Titan wie der SCB oder die ZSC Lions die Tabelle anführt oder ob es der EHC Biel ist. Stehen die Stadtberner oder die Zürcher ganz oben, dann werden sie auch als Titelfavoriten gehandelt. Bei Biel wird nach wie vor die Frage gestellt, wie lange die Herrlichkeit wohl noch dauert.

Und die Resultate werden anders interpretiert: Eine Niederlage eines«grossen» Leaders gegen einen Aussenseiter, beispielsweise gegen die Lakers, wird stets als «Betriebsunfall» taxiert. Bei einem vermeintlich «Kleinen» wie Biel hingegen als Anzeichen für die unvermeidliche Rückkehr ins Mittelmass.

Vom Aschenputtel zur Prinzessin

Aber Biel ist nicht mehr Mittelmass. Biel hat sich in den zehn Jahren seit dem Wiederaufstieg von 2008 heimlich, still und leise vom Aschenputtel in eine Prinzessin, die auf einer Meisterfeier tanzen kann, verwandelt. Beinahe unbemerkt deshalb, weil es die Bieler verstanden haben, ihr Unternehmen geduldig, beharrlich und ohne Lärm in allen Bereichen zu erneuern.

Vom Aufstiegs-EHC von 2008 sind nur noch drei wichtige Persönlichkeiten dabei: Manager Daniel Villard, Verwaltungsrat Sandro Wyssbrod und Captain Mathieu Tschantré. Aber alle, die aus der Führungsetage von Bord gegangen sind, haben ihr Wissen weitergegeben und stehen immer noch, wenn gewünscht, für gute Ratschläge zur Verfügung. Biels reichhaltige Hockey-Kultur wird unterschätzt.

Kolumbus und der EHC Biel

So wie einst der Abenteurer Christoph Kolumbus für die Spanier Amerika entdeckt hat, so hat Kevin Schläpfer als Sportchef und später als Trainer die Bieler zurück in die höchste Liga geführt.

Aber so wie damals Kolumbus nicht dazu in der Lage war, das von ihm erschlossene Land zu verwalten, so war der Rock’n’Roller Kevin Schläpfer kein Trainer, um aus Biel einen Titanen zu machen. Erst der weltläufige Finne Antti Törmänen ist der grosse Trainer, den eine grosse Mannschaft braucht.

Die neue Arena hat den «grossen Sprung» möglich gemacht. Die Bieler haben zwar keinen Milliardär als Mäzen. Aber eine Gruppe von Männern und Frauen mit abgeschlossener Vermögensbildung sichert das Unternehmen finanziell ab und macht es so stabil wie die ZSC Lions, Lugano, der SC Bern oder Zug.

Vom Lotter-Unternehmen zur Hockey-Vorzeigefirma

Am eindrücklichsten personifiziert Sportchef Martin Steinegger den Wandel Biels vom abenteuerlichen «Lotter-Unternehmen» zur Hockey-Vorzeigefirma: Der Bub des Eismeisters war mit 22 jüngster Captain der Liga. Als er 1994 zum grossen SC Bern wechselte, musste der SCB die Ablösesumme in der Nacht bar in einem Koffer nach Biel bringen (also im besten Wortsinn schwarz), damit der von den Gläubigern bedrängte Klub wichtige Rechnungen unter der Hand begleichen kann.

Martin Steinegger wird in Bern ein Titan und kehrt nach dem Wiederaufstieg im Frühjahr 2008 nach Biel zurück. Bis zu seinem Rücktritt 2012 hält er als Verteidigungsminister die Mannschaft auf dem Eis zusammen. Seither rekrutiert er das Personal als Sportchef. Kürzlich hat ein grosser Präsident im kleinen Kreis gefragt: «Bei Biel passt jeder Transfer. Wie macht das der Steinegger?»

Dynamische Jugend und reifes Hockeyalter

Was den grossen Präsidenten inzwischen zu denken gibt: Anfänglich sind die Talente, die Biel ausgebildet oder die Martin Steinegger entdeckt hat (wie Gaëtan Haas, Matthias Rossi oder Dave Sutter) zu den Titanen weitergezogen. Heute würden wahrscheinlich alle drei bleiben. Weil Biel nun eine erste Transferadresse geworden ist.

WM-Silberheld Damien Riat ist im Sommer nicht nach Bern, Zürich oder Lugano gezogen. Sondern nach Biel. Und Jason Fuchs, der bei jedem NL-Klub mindestens Center Nummer zwei sein könnte, hat in Biel verlängert. Die Mischung aus dynamischer Jugend und reifem Hockeyalter (Brunner, Forster, Hiller) stimmt.

Biel spielt in diesem Herbst wie eine grosse Mannschaft und immer mehr zeichnet sich ab, dass es tatsächlich eine grosse Mannschaft ist. Das eigentlich undenkbare ist wahr geworden: Biel steht sportlich und wirtschaftlich auf Augenhöhe mit Bern, Zürich, Zug und Lugano. Biel ist drauf und dran, der neue Titan unseres Hockeys zu werden.