11 200 Zuschauer kamen zum Meisterschaftsauftakt ins ausverkaufte Zürcher Hallenstadion. Vor allem zu Ehren der zurückgetretenen ZSC-Legende Mathias Seger (siehe unten). Aber auch, um das erste Kräftemessen der beiden meistgenannten Titelfavoriten zu beobachten. In einem hart umkämpften, aber insgesamt wenig ansehnlichen Spiel gelang den Bernern die erste Revanche für die Playoff-Halbfinal-Niederlage vom vergangenen April.

Dank eines Tors von Ramon Untersander nach 61 Sekunden in der Verlängerung entführte der SCB beim 2:1-Erfolg zwei Punkte aus der «Halle». Es war ein verdienter Sieg der Gäste, die wesentlich geschmeidiger agierten als die Zürcher, die alles andere als homogen wirkten und bei denen noch vieles Stückwerk blieb.

Schon zuvor hatte ZSC-Sportchef Sven Leuenberger eindringlich gewarnt und an die vergangene Saison erinnert, in der die Lions sogar bis weit in die Qualifikation hinein um die Playoff-Teilnahme zittern und dabei eine Trainerentlassung in Kauf nehmen mussten. «Alle reden davon, wie viel Talent diese Mannschaft hat. Ich sehe das nicht so.»

Leadership bei Hollenstein

Vor diesem Hintergrund erklärt der 49-Jährige auch die Transfers der beiden Nationalspieler Denis Hollenstein (von Kloten) und Simon Bodenmann (von Bern), die zum Auftakt beide eine diskrete Leistung zeigten. Sie sollen dem Gerüst der Mannschaft Stabilität verleihen.

Einer Mannschaft, die mit Klassespielern gespickt, deren Hierarchie aber entsprechend nicht klar definiert ist. Neben Hollenstein und Bodenmann kam Topskorer Roman Cervenka (gestern verletzt) aus Fribourg. Dieses Trio komplettiert eine Offensiv-Truppe, in welcher sich bereits hochkarätiges Personal wie Roman Wick, Frederik Pettersson, Pius Suter, Drew Shore, Chris Baltisberger, Fabrice Herzog und Reto Schäppi um Eiszeit balgt.

Mathias Seger wird beim ZSC verabschiedet

Vor allem von Hollenstein erwartet Leuenberger «Leadership», Führungsqualitäten auf dem Eis, an denen es in Zürich Oerlikon immer mal wieder mangelt, wenn man sich in der Komfortzone wähnt.

So war es auch während der vergangenen Saison – trotz des unwahrscheinlichen Happy-Ends. Deshalb hebt Leuenberger den Mahnfinger. Wohl wissend, dass durchaus auch heuer wieder die Gefahr besteht, dass in einer Mannschaft, die – Pardon – mit so viel Talent ausgestattet ist, die Basics vernachlässigt werden.

Aubin und die harte Arbeit

Der Mann, der seinen Spielern diesbezüglich die Flausen austreiben soll, heisst Serge Aubin (43). Der ehemalige Servette- und Fribourg-Spieler ist erst seit drei Jahren Trainer, wurde mit den Vienna Capitals 2017 österreichischer Meister. Als Aktiver war er kein begnadeter Künstler, sondern einer der Sorte «Kampfsau».

Die im Eishockey gern benutzte Phrase «harte Arbeit» gehört auch bei Aubin zum Standardvokabular. Die grosse Herausforderung wird sein, einer vom Meistertitel gesättigten Mannschaft von Anfang an Beine zu machen. Keine einfache Aufgabe. Zumal die Erwartungen bei den Zuschauern im Hallenstadion gross sind. Eine weitere Knorz-Qualifikation wie in der vergangenen Saison wird nicht goutiert.

Da hat es der Mann, der beim wohl stärksten Herausforderer an der Bande steht, einfacher. SC-Bern-Trainer Kari Jalonen und seine Spieler haben mit den Zürchern eine Rechnung offen. Sie scheiterten im letzten Frühling als überlegener Qualifikationssieger im Halbfinal an den plötzlich heiss gelaufenen ZSC Lions. Am 7. April hatte Pius Suter in der Verlängerung des sechsten Spiels im Hallenstadion die SCB-Saison beendet.

Bern ist wieder Jäger

In Bern nahm man das Ausscheiden nach zwei Meistertiteln in Serie mit einer gewissen Gelassenheit zur Kenntnis. Den Spielern fehlte es im entscheidenden Augenblick an der nötigen Energie – und vielleicht auch am letzten Biss. Das sollte jetzt kein Thema mehr sein. Man ist wieder der Jäger, nicht der Gejagte.

Sportchef Alex Chatelain hat auf dem Papier seine Hausaufgaben gemacht und die Mannschaft gezielt verstärkt. Der Abgang von Simon Bodenmann schmerzt zwar, dafür holte er mit Mathias Bieber, Gregory Sciaroni und Daniele Grassi drei bewährte NLA-Fachkräfte.

Der Slowene Jan Mursak könnte eine der grössten Attraktionen der Liga werden und ergänzt das Prunkstück der Berner, die Mittelachse mit den Centern Mark Arcobello, Andrew Ebbett und Gaetan Haas, perfekt. Alles in allem kann sich der SCB auf ein intaktes Gerüst verlassen. Jalonen sagt: «Wir haben weniger Veränderungen als andere Mannschaften, aber auch wir werden Zeit brauchen.» Der Auftakt war aber schon mal vielversprechend.