Roman Josi posiert auf der über den Cumberland River führenden Fussgängerbrücke vor der schmucken Skyline von Nashville für ein Foto. Notiz von ihm nimmt jedoch keiner der zahlreichen Passanten. Der Verteidiger der Nashville Predators kann sich auch in den Strassenzügen rund um das Vergnügungsviertel am Broadway unerkannt bewegen. Autogrammwünsche im Restaurant? Fehlanzeige. Josi vermisst die mangelnde Bekanntheit überhaupt nicht: «Es ist gut so, wie es ist. Lieber so als in Kanada, wo man überall sofort erkannt wird, wo man hingeht», sagt der
23-Jährige.

Seit nunmehr zwei Jahren lebt Roman Josi in der 1,6-Millionen-Einwohner-Metropole im US-Staat Tennessee. Der Berner beschreibt seine Heimat als «recht ruhig», auch wenn es abends in den zahllosen Musikkneipen am Broadway jeweils hoch zu und her geht: «Nashville ist keine dieser typischen, amerikanischen Grossstädte mit der allgegenwärtigen, extremen Hektik.» Auch die Mentalität der Leute in der «Music City» passt ihm: «Es hat hier viele freundliche und hilfsbereite Menschen, die auch nicht so oberflächlich sind, wie man es sonst von den Amerikanern oft kennt.»

Die Predators sind eines von zwei in Nashville beheimateten Profi-Sportteams. Hinter den Footballern der Tennessee Titans spielen sie allerdings klar die zweite Geige. Selbst wenn die College-Footballer im eindrücklichen Rund des auf der anderen Seite des Flusses gelegenen LP-Fields auftreten, dann hält die ganze Stadt kollektiv den Atem an. Was aber nicht heisst, dass die Eishockey-Mannschaft in der Country-Hauptstadt der Welt ein Mauerblümchendasein fristet. «Alle Bewohner sind irgendwie Fans der Predators», erzählt Josi. «Die Leute gehen vor allem ins Stadion, weil sie dort ein paar Bier trinken und ihren Spass haben wollen.» Das kann dann durchaus dazu führen, dass es in der schmucken Bridgestone-Arena laut wird. «Wenn wir gut spielen, können die Leute schon einen rechten Lärm veranstalten im Vergleich zu anderen NHL-Stadien.» Als die «Preds» in den Playoffs im Frühjahr 2012 die favorisierten Detroit Red Wings ausschalteten, da brach gemäss Josi sogar eine richtiggehende «Euphorie» aus. «Da waren wir wirklich das Stadtgespräch.»

Familiäre Organisation

Ein Markenzeichen der Predators ist deren Konstanz auf der Führungsebene und in Sachen Philosophie. Seit die Franchise 1998 in der NHL aufgenommen wurde, hat sie sowohl denselben General Manager (David Poile) als auch denselben Trainer (Barry Trotz). Das führe dazu, dass es innerhalb der Organisation «recht familiär zu und her geht», erzählt Roman Josi, der von seinem Arbeitgeber 2008 in der zweiten Runde gedraftet und später zum NHL-Spieler ausgebildet wurde. «Mir passt diese Atmosphäre. Man interessiert sich nicht nur für den Eishockeyspieler, sondern auch für den Menschen. Die Verantwortlichen wollen, dass es einem gut geht. Das ist schon speziell», unterstreicht Josi.

Was bisher allerdings noch fehlt, ist der durchschlagende, sportliche Erfolg. Sieben Playoff-Teilnahmen in 15 Jahren stehen zu Buche. Das ist für ein Expansions-Team, das quasi bei null beginnen musste, eine ordentliche Bilanz. Ein Stanley-Cup-Triumph erscheint mittelfristig aber wenig realistisch. Die Predators pflegen ihr auf einer grundsoliden Defensive aufgebautes System seit ihrer Gründung. Mit Captain Shea Weber, Josi und dem sensationellen Rookie Seth Jones (18) verfügen sie in der Verteidigung über drei hoch talentierte Spieler. Dafür fehlen in der Offensive die Stars, die auch mal Spiele im Alleingang entscheiden können.

Roman Josi gehört als amtierender «WM-MVP» und als Besitzer eines im Sommer unterschriebenen, mit insgesamt 28 Millionen US-Dollar dotierten Siebenjahresvertrags – wobei er 39 Prozent davon als Steuern abliefern muss – zu den absoluten Teamstützen der Predators. Er sieht sich selbst aber immer noch als einer der «Jungen». «Ich muss auf dem Eis sicher mehr Verantwortung übernehmen. In der Garderobe gehöre ich aber nicht zu den Spielern, die aufstehen und das Wort ergreifen.»

In der spärlichen Freizeit zwischen den Spielen liegt nicht mehr als ein gelegentlicher Kinobesuch oder ein Nachtessen mit den Teamkollegen drin. «Wenn man so viele Spiele hat wie wir, dann ist man froh, wenn man sich zwischendrin mal zu Hause hinlegen und ein wenig chillen kann», sagt Roman Josi. Generell findet das «Teambuilding» eher auf den zum Teil tagelangen Auswärtstrips statt. Oder etwa an der traditionellen Halloween-Party, die am Sonntag im Haus von Teamkollege Paul Gaustad über die Bühne ging. Roman Josi wollte zuerst als Gorilla verkleidet gehen, entschied sich aber letztlich für ein Elefanten-Kostüm. Irgendwie passender zum – zumindest gegen aussen – eher sanftmütigen Wesen des «Berner Giels».

Wohnung mit 200 Quadratmetern

Ab Dezember wird Josi eine in Nashvilles «Midtown» gelegene, neue 3½-Zimmer-Wohnung mit etwa 200 Quadratmetern Wohnfläche beziehen. Sein neues Heim ist eine der ersten grösseren Investitionen, die er nach seiner stattlichen Lohnerhöhung tätigt. Bald wird er sich ausserdem ein zweites, grösseres Auto kaufen. «Besonders wenn Besuch kommt, ist es besser, wenn alle ein Fahrzeug zur Verfügung haben», erklärt Josi. Besuch erhält er im Verlauf der Saison recht viel. Sein Vater war schon da und wird im Januar noch einmal zusammen mit 20 Leuten im Rahmen einer von ihm organisierten NHL-Reise nach Nashville kommen. Später folgen auch noch Mutter, Bruder und Kollegen. Sogar die Grosseltern überlegen sich einen Trip, haben aber aufgrund der weiten Reise noch gewisse Hemmungen. Seine in Bern wohnende Freundin Jessica (22) kommt im Dezember für zwei Monate rüber. Laut Josi ist es aber vorderhand nicht geplant, dass sie permanent zu ihm nach Nashville zieht. «Es macht keinen Sinn, wenn sie hier keinen Job hat. Und es bringt nichts, einfach das Leben des Freunds zu leben.»

Ein Leben, welches Roman Josi sichtlich Spass macht. Er ist in Nashville, dieser gemütlichen Grossstadt im Herzen der USA, heimisch geworden. Und vielleicht kommt der Tag, an dem er auf der Strasse erkannt wird. Selbst wenn er gut darauf verzichten kann.