Der Weg von Chur durchs Schanfigg Richtung Arosa ist lang und mühselig. 360 Kurven soll die 28 Kilometer lange Strecke haben, die sich malerisch durchs Tal schlängelt. Die Fahrt mit dem Auto ist nichts für schwache Mägen. Man mag gar nicht daran denken, wie man hier hochkommt, wenn es schneit und stürmt. Und hier, im hintersten Talwinkel, soll also bald wieder Eishockey auf nationalem Niveau geboten werden.

Der EHC Arosa hat am Freitag sein Bewerbungsdossier für die National League B eingereicht. Geht alles gut, dann darf der neunfache Schweizer Meister im April damit beginnen, die Herkulesaufgabe in Angriff zu nehmen. Bis im Juni muss das Budget von mindestens 1,6 Millionen Franken stehen. Und eine wettbewerbsfähige Mannschaft braucht man auch noch. Die aktuelle war zu schwach für die 1. Liga, stieg in die 2. Liga ab. Kurioserweise war der Abstieg in die Versenkung der Anfang zu einer Geschichte, die als Märchen in die Annalen des Schweizer Eishockeys eingehen könnte.

Ein schöner Flecken: Gemeindepräsident Lorenzo «Lolo» Schmid vor dem Obersee in Arosa. Am gegenüberliegenden Ufer steht die Eishalle.

Ein schöner Flecken: Gemeindepräsident Lorenzo «Lolo» Schmid vor dem Obersee in Arosa. Am gegenüberliegenden Ufer steht die Eishalle.

Lorenzo «Lolo» Schmid (60) gehört zu der letzten grossen Spielergeneration Arosas. Der Anwalt war zwar nicht mit dabei, als der EHC 1980 und 1982 die beiden letzten seiner insgesamt neun Meistertitel holte, da er zu Studienzwecken in Zürich wohnte und beim ZSC sportlich schwierige Zeiten miterlebte. Trotzdem wird auch sein Name in einem Atemzug genannt mit den alten Legenden wie Guido Lindemann, Reto Dekumbis, Bernhard Neininger und wie sie alle heissen. Heute gehört Schmid zu den einflussreichsten Leuten in Arosa.

Er ist Gemeindepräsident, VR-Präsident der Bergbahnen und besitzt in Chur eine Anwaltskanzlei. Sein Wort hat Gewicht. Er erinnert sich daran, als er vor ein paar Wochen eine Einladung erhielt zu einer Sitzung im Hotel Kulm mit Traktandum «EHC Arosa». «Ich dachte: Das war es. Jetzt lösen sie den Klub auf.» Schmid ist ein gebranntes Kind. Er musste nach seiner Rückkehr aus Zürich nach Arosa schon miterleben, wie der damalige Präsident Peter Bossert 1986 die Reissleine zog und der freiwillige Abstieg aus der NLA in die 1. Liga erfolgte. Die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich diesmal glücklicherweise nicht.

Was Schmid zu hören bekam, erstaunte und erfreute ihn vielmehr gleichermassen: «Als ich von den NLB-Plänen hörte, war ich positiv überrascht.» Wichtig ist für Schmid, dass der bekannteste Verein des Dorfs eine Anlaufstelle für den Nachwuchs bleibt. Und er sagt: «Wieso soll nicht noch einmal eine goldene Generation heranwachsen? In den 1960er-Jahren sprach man auch von Auflösung, weil man dachte, die erfolgreichen Zeiten mit dem Wundersturm Poltera/Trepp/Poltera gäbe es nie mehr. 15 Jahre später war Arosa wieder Meister.»

Guido Lindemann, Arosa-Legende und Pubbesitzer.

Guido Lindemann, Arosa-Legende und Pubbesitzer.

Guido Lindemanns (60) Pub liegt quasi am Verkehrsknotenpunkt in Arosa. In Sichtweite des Stadions, neben dem Bahnhof und unterhalb der Talstation der Weisshornbahn. Wer sich in Arosa bewegt, der passiert unweigerlich das prägnante Haus an der grossen Kreuzung. Das «Lindemann’s» ist eine Art Nervenzentrum des Kurorts. Der ehemalige Klassestürmer kennt praktisch alle seine Gäste persönlich. Wenn einer den Puls und die Stimmung im Ort spürt, dann ist es der ehemalige NLA-Topskorer. Das Projekt des EHC ist natürlich jetzt eines der Hauptgesprächsthemen. «Wenn man es finanziell verkraften kann, ist das eine tolle Sache. Ansonsten wäre die Gefahr gross gewesen, dass der EHC in der Versenkung verschwindet», sagt die EHC-Legende.

Lindemann gehört zu den Hauptakteuren, die an der Front Überzeugungsarbeit verrichten müssen. «Wir «alten Spieler» können zum Gelingen des Projekts beitragen. Nicht unbedingt mit Geld, aber indem wir Werbung machen und die Vorteile herausstreichen.» Stichwort Vorteile. So zahlreich wie die Befürworter sind, so zahlreich sind auch die Skeptiker, die das Vorhaben der Aroser als absurde Fantasie einstufen. «Im Dorf spürt man alles. Zwischen der Begeisterung der alten Hockeyfans und grosser Skepsis, dass man sich mit dem Projekt übernimmt», sagt Lorenzo Schmid. «Wichtig war für mich, dass wir keinen Flop produzieren. Wenn wir schon an der Aktienzeichnung gescheitert wären, wäre das schlecht gewesen.» 100 000 Franken muss das Aktienkapital der neu gegründeten EHC Arosa Sport AG betragen, damit das Bewerbungsdossier von der National League überhaupt berücksichtigt wird. Ein Betrag, den man ohne grössere Probleme sammelte.

Doch diese 100 000 Franken sind erst ein kleiner Schritt in einem Projekt, welches einen jährlichen Finanzierungsbedarf von 1,6 Millionen Franken hat. So viel würde eine NLB-Saison kosten – mindestens. Aufgrund der peripheren Lage und des kaum abzuschätzenden sportlichen Erfolgs ist die Kalkulation mit den Zuschauereinnahmen schwierig. In der 1. Liga kamen im Schnitt 500 Zuschauer. Viel mehr werden es eine Stufe höher nicht sein. Deshalb ist bei der Erschliessung neuer Geldquellen Kreativität gefragt. Zumal Unterstützung vonseiten der öffentlichen Hand nicht zu erwarten ist – und auch nicht erwartet wird. «Grundsätzlich kann die Gemeinde keine namhafte finanzielle Unterstützung leisten. Wenn es seitens EHC gefordert würde, müsste sich je nach Betragsgrösse das Parlament oder das Stimmvolk dazu äussern. Das kann aber auf Stufe NLB kaum infrage kommen», macht Lolo Schmid klar.

Pascal Jenny, Arosas Tourismusdirektor.

Pascal Jenny, Arosas Tourismusdirektor.

Pascal Jenny (40) sitzt in seinem Büro, welches unmittelbar an die Eishalle grenzt. An der Wand hängt ein riesiges Arosa-Plakat mit einem Eishockey-Sujet. Der Direktor von Arosa Tourismus gehört in diesem Projekt ebenfalls zu den Hauptdarstellern, da er über ein hervorragendes Beziehungsnetz verfügt. Der Aargauer sieht grosse Chancen: «Wir wollen das Eishockey wieder auf die touristische Landkarte von Arosa bringen. Man merkt, dass der Wunsch nach Spitzeneishockey hier immer noch vorhanden ist.» Aber er sieht auch die andere Seite der Medaille.

Nicht jeder empfange die Initianten mit offenen Armen, wenn es um das Thema EHC Arosa gehe: «Unsere Schwierigkeit ist, dass der Tourismus seit der Auflösung der Euro-Untergrenze Probleme hat. Die Kritiker sagen: Jetzt versuchen sie, Geld aufzutreiben für ein NLB-Abenteuer, anstatt dass wir anstreben, als Touristendestination in einem schwierigen Umfeld zu überleben.» Diese Bedenken kann Jenny verstehen, aber er teilt sie nur bedingt. «Weil ich denke, dass die Leute das Geld nur in den EHC investieren würden, sonst aber nicht.» Die Leute, die er meint, sind vermögende Einheimische und Gäste aus dem In- und Ausland, die auch langfristig als Gönner auftreten würden.

Der ehemalige Spitzenhandballer sieht einen grossen Wert darin, «dass wir mit dem EHC Arosa eine der sympathischsten Marken im Schweizer Sport am Leben erhalten. Die Tradition ist DER Faktor in diesem Projekt». Und: Arosa soll eine Plattform für Eishockeytalente werden, was wiederum dem Tourismus-Standort helfen würde. Lorenzo Schmid erhofft sich eine Wirkung für Arosa, indem die Marke durch den EHC in vielen Städten im Unterland wieder präsent ist. «Arosa hat früher, wie heute Davos, immer die Hallen der Gegner gefüllt», erinnert er sich.

Ludwig «Lutta» Waidacher, Präsident des EHC Arosa.

Ludwig «Lutta» Waidacher, Präsident des EHC Arosa.

Ludwig «Lutta» Waidacher (54) gehört ebenfalls zur letzten «goldenen Generation» des EHC Arosa. Heute ist er Vereinspräsident und eine der Triebfedern des NLB-Projekts. Sein Hauptaugenmerk gilt – neben den Finanzen – der sportlichen Zukunft. Wie soll sich der Klub in einem sportlich anspruchsvollen Umfeld positionieren? «Wir wollen ja nicht ein normaler B-Klub werden. Der Weg nach Arosa ist kein Vorteil, aber hier vor Ort haben wir beste Voraussetzungen mit unserer Infrastruktur. Wir wollen ein Ausbildungsverein werden», sagt der ehemalige Verteidiger.

Er weiss aber auch, dass Gefahr besteht, mit einer zwar jungen, aber nur beschränkt kompetitiven Mannschaft bald einmal zum Dauerverlierer zu werden. «Man muss irgendwann Erfolg haben», sagt Waidacher. «Die Kunst ist es nun, aus dem verfügbaren Spielerpool die richtigen Leute zu holen. Jedes Jahr müssen in der Schweiz 70 bis 100 Elite-Junioren ihre Karriere auf höchstem Niveau beenden, weil sie keinen Nationalliga-Verein finden. Das ist unsere Chance.»

Obwohl der EHC Arosa aufgrund der Vorgaben des Verbands nicht verpflichtet ist, eine Partnerschaft mit einem NLA-Team einzugehen, ist man in Arosa sehr interessiert an einer Zusammenarbeit. Was vor 30 Jahren aufgrund der herrschenden Rivalität noch undenkbar gewesen wäre, scheint jetzt aber die naheliegendste Lösung zu sein: eine enge Zusammenarbeit mit dem HC Davos. Erste Gespräche fanden bereits statt. Waidacher empfing positive Signale im Landwassertal.

Der Puck liegt nun bei der Lizenz-Kommission der National League. Heisst sie das Aroser Begehren gut, dann steht dem Projekt kaum mehr etwas im Wege. Und wenn nicht? «Dann spielt der EHC Arosa in der 2. oder der 4. Liga. Aber das täte weh», sagt Waidacher.