Das andere Interview

Arno del Curto: «Ich kann meine Sinfonie nicht mehr vollenden»

Arno Del Curto sagt zu Christian Berzins in der Davoser Eishalle: «Sie reden dauernd von der Niederlage, mir aber geht es immer um den Fortschritt.»

Arno Del Curto sagt zu Christian Berzins in der Davoser Eishalle: «Sie reden dauernd von der Niederlage, mir aber geht es immer um den Fortschritt.»

Arno Del Curto ist Eishockeytrainer, träumt vom perfekten Spiel und denkt dabei immer wieder an grosse Dirigenten. Als Metapher der Perfektion dient ihm die Sinfonie, die es noch zu komponieren gilt.

Er flucht. Er schüttelt den Kopf. «Foto?» «Interview?» «Warum? Ist das bereits Teil der Arno-Del-Curto-Show? Ist er wirklich so? Wie bei einem grossen Künstler ist das bei Kulttrainer bis zum Ende eines mit grosser Emotion geführten Gesprächs nie ganz klar. Immerhin: Del Curto setzt sich eine Mütze auf – und posiert. Danach gehts ins Stadionrestaurant. Zum Fleisch will er ein einzelnes Glas Wein haben – aber das soll sehr grossartig sein. Del Curto lebt, was er predigt. Predigen, das liebt er. Und Trainieren. Diese Kunst ist für Arno Del Curto fast noch grandioser als wichtige Spiele. Nur im Training kann er seinem Ideal von Perfektion nahe kommen. Er weiss zu gut, dass das im Spiel nicht geht. Jedenfalls nicht im Eishockey.

Arno Del Curto, was ist ein gutes Training?

Arno Del Curto: Über diese Frage könnten wir jetzt gleich zwei Stunden lang sprechen.

Lassen wir die Details weg.

Die Mannschaft muss konzentriert sein und sich weiterentwickeln wollen. Mit viel Mut. Die Spieler müssen lernen, ein Spiel zu lesen. Wer in der Defensive ist, muss bereits offensiv denken – und umgekehrt. Es muss auch während des Trainings kribbeln. Ein Training muss extrem intensiv und schnell sein, das braucht Konzentration. 

Und nach einer Stunde Training ist etwas passiert mit dem Spieler?

Sicher, sonst kommen wir nicht dorthin, wo die Besten der Welt sind. Es gibt vielleicht die Situation, dass ein Trainer zu einer Mannschaft kommt, alle sitzen still hin und er sagt «Abrakadabra». Ich hingegen setzte auf 1000 Trainings. Von nichts kommt nichts.

Und sagen erst vor dem Spiel «Abrakadabra»?

Nein. Das nützt nichts. Man muss ständig mit den Spielern arbeiten und sprechen. Vor dem Training, nach dem Training – 365 Tage lang. Es gilt, jede Ecke auszuleuchten.

Sie haben mal gesagt: «Ich bin auf die Welt gekommen, um umzufallen.» Das sind die Worte eines Künstlers, nicht eines Sportlers.

Es wird mir wohl, wenn Sie das sagen. Ich bin in meinen Gedanken ein Künstler. Darum habe ich Mühe mit gewissen Dingen: Ich bin nicht so konform. 

Schön und gut, aber im Sport gehts nun mal nur um eines, um «Goal oder nicht Goal». Wer umfällt, hat verloren.

Ja, aber wer umfällt, kann auch gleich wieder aufstehen.

Der Sportler darf also scheitern?

Ja klar, dabei lernt man viel. Ich wurde in meinem Leben ein Mal entlassen. Danach übernahm ich die Junioren-Nationalmannschaft und machte innerhalb einer Woche die grösste Entwicklung in meinem Trainerleben durch. Ich änderte alles radikal: Spielsystem, Trainingsphilosophie, Führungssystem. Alles – und machte einiges richtig.

Sie hätten jetzt gerne gesagt: «Und machte alles richtig.»

Wenn Sie so wollen: Ich machte vieles richtig. Aber schauen Sie: Am Anfang arbeitete ich so, wie man das machte. Danach ging ich meinen Weg. Das war ein grosses Risiko.

Haben Sie schon mal «ehrenvoll verloren»?

Das kann man nicht. Das ist Quatsch. Verlieren tut weh.

Dann hat man etwas falsch gemacht.

Nein. Wer mit einer Schweizer Mannschaft gegen die Besten der Welt spielt, kann nicht sagen: Jetzt siegen wir!

Bleiben wir in der Schweiz, bei Ambri, ZSC, Bern … Davos.

Auch da gibt es Mannschaften, die mehr Möglichkeiten haben. Kommt hinzu, dass man nicht immer gewinnen kann. Wurden wir mit Davos Meister, war das Folgejahr immer anders: Die Spieler machten alles, gaben Gas, aber sie hatten nicht den totalen Hunger.

Das hiesse ja, Sport ist gerecht: Mal gewinnt der, mal gewinnt jener.

Nein, das heisst es nicht. Bayern München ist DIE Mannschaft in Deutschland, da können die anderen machen, was sie wollen. Bayern hat die besten Spieler, alles doppelt besetzt – einen Top-Trainer. Barcelona ist das spanische Pendant. Es sind nicht alle gleich. Diese beiden Klubs erarbeiteten sich diesen Erfolg klug.

Sie wurden in 19 Jahren 6-mal Meister mit Davos. Warum nicht 12-mal?

Wäre ich schon gerne …

Viktor Tichonow wurde mit Moskau 13-mal Meister.

Das war eine andere Zeit, im Kommunismus. Den lasse ich Ihnen nicht durch. Zehntausende wurden nie Meister.

Sie ärgern sich doch grün und blau, wenn Sie nicht Meister werden.

Nein. Im Alter wird man weise. Im Alter schaltet man die Hirnzellen ein.

Wenn ein Hockey-Banause wie ich einen Artikel über Sie liest, denkt er: Del Curto war 20-mal Meister.

Was kann ich da dafür?

Sie vermitteln dieses Bild von sich sehr bewusst.

Nein, Quatsch. Ich gehe nicht in die Welt hinaus und sage: «Ich bin ein Genie.» Ich denke: «Hoffentlich interessiert ihr euch nicht für mich, dann habe ich meine Ruhe.»

Die Spieler spielen gerne bei Ihnen, weil die denken: «Das ist der Meistertrainer.»

Sie sind auch gerne irgendwo sonst.

Wo es mehr Geld gibt?

Weiss ich nicht. (Beginnt zu lächeln.) Sie wollen mich provozieren. Die Spieler kommen nach Davos, weil sie persönlich besser werden wollen.

Wo hätten Sie denn einst gerne gespielt, falls Sie mit 21 keinen Unfall gehabt hätten?

In der National Hockey League. Wäre ich nicht in der Schweiz aufgewachsen, hätte ich das auch erreicht. Aber noch lieber wäre ich Dirigent geworden.

Warum wurden Sie nicht Dirigent, sondern Hockeytrainer?

Ich bin in Graubünden aufgewachsen, da gab es kein Konservatorium und keine Tonhalle. Noch lieber, aber da sind wir bereits dem Himmel nahe, wäre ich ein zweiter Beethoven geworden und hätte eine Sinfonie geschrieben.

Jetzt sind Sie Hockeytrainer – und in Davos gestrandet. Es geht nicht mehr weiter mit Ihrer Karriere.

Der Markt ist zu klein – Topnationen gibts nur sechs.

Schweizer Fussballtrainer konnten, obwohl es auch hier nicht viel mehr Topnationen gibt, immer wieder raus in die Bundesliga oder gar nach England. So einer wie Sie wäre jetzt bei Dortmund oder Gladbach.

Ich hätte ja zu St. Petersburg gehen können, hatte bereits in Chur unten den Pass machen lassen, um vier Tage später nach Russland zu fliegen.

Sie blieben in Davos. Zufrieden?

Hm … Das Bleiben hat mit Loyalität zu tun. Das habe ich von meinem Papa gelernt. Alte Schule. Das ist nicht nur gut.

Ich habe einst behauptet: Es gibt keine schlechten Orchester, nur schlechte Dirigenten. Gilt das auch für die Schweizer Hockey-Liga: Es gibt keine schlechte Mannschaften, nur schlechte Trainer?

Das weiss ich nicht.

Doch, das wissen Sie. Wir reden nicht vom Orchesterverein Chur, sondern von den Top-30-Orchestern der Welt. Die sind nie schlecht – aber der Unterschied unter ihnen ist eben doch riesig.

Ich muss ausholen, über die Schweiz reden. Wir sind sehr reich. Wer hier wirklich etwas erreichen will, schafft es. Jenen Spielern, die es in eine Top-Hockey-Mannschaft schaffen, fehlt es aber oft an Sozialkompetenz. Es geht alles zu einfach. Die werden viel zu schnell hochgejubelt, verdienen viel Geld, essen keine Maus mehr wie die Leute in Russland. Die wollen Trüffelrisotto.

Was heisst das fürs Eishockey?

Alle diese Sachen sind für den Sport und vor allem den Mannschaftssport nicht ideal. In einer Mannschaft kommt es zu schnell zu einer negativen Gruppendynamik, wenn nicht alles stimmt: Das behindert die Entwicklung der Mannschaft extrem. Ein Trainer hat es da schwer – auch ein Leonard Bernstein.

Was muss denn dieser Trainer eigentlich machen?

Wenn Bernstein dirigierte, dann wussten die: «Los jetzt!» Die liebten es, mit ihm zu arbeiten. Es gibt aber die Möglichkeit, einen Trainer ins Verderben laufen zu lassen. Und darum muss er einen Kommunikator sein und ein Gespür für alle möglichen Szenarien haben, die eintreffen können. Er muss darauf richtig reagieren können.

Müssen Sie denn die Intelligenz eines Spielers fördern?

Ja, das sollte ich. Aber was heisst Intelligenz? Es geht um Hockey-Intelligenz und um eine Lebenseinstellung. Ich sollte einen Spieler auf einen Weg bringen, damit er Sozialkompetenz und emotionale Intelligenz entwickelt. Solidarität muss ich ihn lehren.

Stimmt also der Fussballer-Satz «Elf Freunde müsst ihr sein»?

Das ist nicht schlecht, muss aber nicht sein.

Haben Sie oft Streit mit den Spielern.

Nein, und ich bin nicht nachtragend.

Sind es die Spieler?

Ja, das gibt es schon. Bis vor fünf Jahren war es hier allerdings perfekt. Dann nahm die Handy-Gesellschaft zu. Das merkte man. Vieles geht schnell rein – und sehr schnell wieder raus. Da verlieren wir, und ich sehe die Spieler lachen. Das ist schlecht: Man muss die Niederlage hassen. Wer es hasst, zu verlieren, ist wieder parat, um zu gewinnen. Wer lächelt, wird noch zehn Mal verlieren. Aber das kann man nicht lehren.

Kommt es bei den Spielern schlecht an, wenn Sie nach einer Niederlage wütend sind?

Bis vor fünf Jahren war es klar. Heute denken die: «Spinnt er, wegen einer Niederlage wütend zu sein!» Das ist der Anfang vom Ende. Ich muss aber etwas einwerfen: Sie reden dauernd von der Niederlage, mir aber geht es immer um den Fortschritt. Wir reden nicht von irgendeinem durchschnittlichen Dirigenten, der dauernd probiert und probiert: Wir reden nur von Dirigenten wie Bernstein, Karajan oder Abbado. Ich rede nicht von einem «Beinahe-Guten».

Sie träumen von der Perfektion.

Das ist das Schönste, was es gibt, sie ist wie eine Droge. Ich mache mich kaputt mit dem Mist, mit dem Perfektionswahn. Sie wollten ja schon zu Beginn fragen, was ich wohl mit 60 mache. Einerseits bin ich voll drin, extrem motiviert, andererseits schaffe ich aber die «verdammte» Sinfonie nie.

Sie können hier in Davos doch machen, was Sie wollen.

Hm… Das reicht nicht, um meine Sinfonie zu vollenden: Heute nicht mehr.

Dann hätten Sie wohl doch Nationalmannschaftstrainer werden sollen.

Nein, eine Mannschaft, die so sporadisch zusammenkommt, kann ich nicht zur Perfektion bringen. Man braucht dafür Jahre.

Wo schreiben Sie die Sinfonie dann?

Nirgends mehr – es ist zu spät. Ich sterbe, ohne sie geschrieben zu haben.

Ich zweifle, ob sie zu schreiben gewesen wäre. In der Kunst ist der Perfekteste nicht der Beste. Im Sport wäre der Perfekteste der Beste. Aber es gibt zu viele Zufälle!

Mit denen kann ich umgehen. So viele gibt es auch wieder nicht.

Sie wollten in Davos das perfekte Eishockey erschaffen. Es tut mir leid: Sie konnten nur scheitern.

Das spielt doch keine Rolle, mir geht es ja nicht um den Meistertitel, sondern um die Weiterentwicklung. Das Scheitern muss mir in Bezug zur Öffentlichkeit egal sein. Ich darf nicht auf Ruhm aus sein. Im Sport an sich nervt mich das Scheitern allerdings grauenhaft!

Wie ist es eigentlich, den alles entscheidenden siebten Playoff-Match zu verlieren?

Ich habe ihn immer gewonnen, könnte ein grosses Maul aufreissen. Aber das muss vermutlich etwas Brutales sein.

Ihr Vorbild Viktor Tichonow erlebte etwas, was Sie nie erlebten: die Niederlage der Niederlagen. 1980 mitten im Kalten Krieg verliert er ein entscheidendes Olympia-Duell gegen die USA 3:4.

Faszinierend, wie die Amerikaner das anstellten.

Sie fasziniert, wie die anderen gewannen – mich, wie der Russe verlor.

Man kann nicht immer gewinnen.

Ich habe einen Zukunftsplan für Sie: Werden Sie Trainer von Ambri-Piotta, das fast jährlich gegen den Abstieg kämpft!

Das wäre faszinierend. Dort würde man sehen, wie weit nach vorne man mit einer solchen Mannschaft kommen könnte. Das wäre der einzige Wunsch, den ich noch hätte.

Nach Ambri zu gehen?!

Ja, vielleicht Ambri oder eine ähnliche Mannschaft, die lange Zeit darben musste. Das wäre spannend.

Welchen anderen Trainer bewundern Sie eigentlich?

Der Trainer vom FC Bayern München, Pep Guardiola, obwohl ich seinen Perfektionsanspruch lange vor ihm hatte. Ich bewundere, wie er das durchzieht, auch wenn ich Anti-Bayern-Fan bin. Er zeigt mir: Del Curto, es ist möglich, du kannst deine Sinfonie vielleicht doch mal noch beenden. Hockey ist allerdings schwieriger als Fussball, weil es schneller ist.

Mehr Zufall, wie ich schon sagte.

Nein, das ist es nicht: Man erkennt das Unvermögen mehr. Wer besser trainiert, minimiert den Zufall. Ganz ehrlich: Sie haben ja schon immer etwas recht, das ist schön, aber ich auch.

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