Der Sport schreibt manchmal verrückte Geschichten – wie jene des HC Davos. Im vergangenen Sommer war der Schweizer Rekordmeister als Transfer-Verlierer tituliert worden. Fünf langjährige Leistungsträger hatten Davos verlassen: mit Dario Bürgler und Robin Grossmann zwei Vizeweltmeister von 2013, mit Peter Guggisberg und René Back zwei weitere Internationale. Zudem trat Sandro Rizzi, das «defensive Gewissen» der Mannschaft, zurück.

Von den Zuzügern hatte Félicien Du Bois verletzungsgeplagte Jahre in Kloten hinter sich, war Dario Simion in Lugano nicht über die vierte Sturmlinie hinausgekommen, hatte sich Mauro Jörg bei den Rapperswil-Jona Lakers das Verlierer-Image angeeignet und der schwedische Weltmeister Dick Axelsson den Ruf eines launischen Stürmers nach Davos gebracht. Mit Marc Wieser kehrte weiter ein Eigener nach drei Lehrjahren in Biel heim. Doch der HCD verpflichtete keine einzige Niete. Die Neuen passten perfekt ins Team und in das aktuelle Meistermosaik. Du Bois als Stratege in der Verteidigung, die Stürmer mit ihrer Lauffreudigkeit und Torgefahr.

19 Saisons im Amt

Meistermacher Arno Del Curto, der den HCD in seiner 19. (!) aufeinanderfolgenden Saison trainiert, formte eine austarierte Mannschaft mit Kämpfern und Reissern wie Captain Andres Ambühl, Dino Wieser und Gregory Sciaroni. In der Schlüsselrolle als Mittelstürmer steigerte sich Perttu Lindgren zum heimlichen MVP (wertvollster Spieler). Samuel Walser und Enzo Corvi übernahmen immer mehr Verantwortung. So mutig, wie es kaum ein anderer Coach zu tun wagt, setzte Del Curto selbst in den Playoffs in der Abwehr konsequent auch auf die Jungen.

Die Hälfte seiner Verteidiger sind 21 oder jünger. Stets verlassen konnte sich die HCD-Defensive auf den exzellenten Torhüter Leonardo Genoni. Vom Davoser Meisterteam 2002 sind nur noch Reto und Jan von Arx sowie Beat Forster und Ambühl dabei, von jener Mannschaft, die 2011 den bis gestern letzten Meistertitel gefeiert hatte, auch nur noch acht. Der Umbruch ist Del Curto hervorragend und schneller als erwartet geglückt.

Schnelles Vorwärtsspiel mit viel Körpereinsatz

Das perfekte Eishockey wird es unter dem ehrgeizigen Del Curto nie geben. Zumindest phasenweise zeigte der HCD aber ein begeisterndes, zielstrebiges und schnelles Vorwärtsspiel mit viel Körpereinsatz, ohne die defensiven Aufgaben zu vernachlässigen. Auf einen Nenner gebracht, präsentierten die Bündner modernes Eishockey auf sehr hohem Level.

Schon in der ersten Phase der Qualifikation trumpfte der HC Davos gross auf. Im Oktober und November führte er die Nationalliga-A-Tabelle an. Doch dann tauchte er ab. Verletzungen waren der eine Grund, eine gewisse Selbstgefälligkeit ein anderer. Del Curtos Spiel lässt sich nur entfalten, wenn jeder Akteur mit 100 Prozent Einsatz und entschlossener Zielstrebigkeit agiert.

Alle fragten sich bereits, ob der HCD in dieser Saison die Kurve nochmals kriege. Und dann kam er, der erste Playoff-Viertelfinalmatch in Zug. Die Bündner siegten 6:1. Es war der Knackpunkt. Von diesem Moment an liessen sich die Davoser nicht mehr stoppen. Die Ausgeglichenheit mit vier Blöcken wurde zum Trumpf. 17 verschiedene Playoff-Torschützen liefern den Beweis. Selbst Verteidiger wie Samuel Guerra oder Noah Schneeberger erzielten Siegtreffer.

Ausfälle weggesteckt

Auf dem Weg zum Titel konnten auch Widrigkeiten die Mannschaft nicht mehr bremsen. Sie steckte verletzungsbedingte Ausfälle weg, kam während vieler Spiele mit weniger als den vier erlaubten Ausländern zurecht und verkraftete auch zwischenzeitliche Ladehemmungen von Topskorer Marcus Paulsson. Das spricht für die Schweizer im Team.

Das Davoser Meisterteam verfügt vielleicht über etwas weniger Talent als die ZSC Lions. Dieses Manko machte es aber mit unbändigem Siegeswillen und viel Herzblut wett – vorgelebt von Del Curto. Wer den EV Zug mit 4:2 Siegen bezwingt, den SC Bern mit einem «Sweep» (4:0) in die Ferien schickt und den Titelverteidiger ZSC Lions im Final mit 4:1 bodigt, ist wahrlich ein grosser Champion.

Als wichtigstes Traktandum steht jetzt die Vertragsverlängerung mit Del Curto an. Äusserungen von ihm dürfen als positives Zeichen interpretiert werden. An Herausforderungen würde es ihm auch in seiner 20. Trainersaison beim HCD nicht fehlen. Seit 2001 hat es im Schweizer Eishockey kein Klub mehr geschafft, den Titel zu verteidigen. Neu kommt für Davos auch die European Champions Hockey League dazu. Und als jährliches Highlight bleibt der Spengler- Cup.