Rang 7, 37 Punkte. Das neue Ambri übertrifft alle Erwartungen. Besser waren die Tessiner seit Einführung der Drei-Punkte-Regel (2006/07) nach 23 Runden erst einmal. In der Saison 2013/14 (3./44 Punkte). Die gute Ausgangslage ist das logische Resultat der konsequent umgesetzten Philosophie und des besten Scoutings der Liga.

Die Geschichte beginnt im Sommer 2017. Präsident Filippo Lombardi beschliesst, nicht mehr zu jammern. Er installiert Paolo Duca als Sportchef und der wiederum holt Luca Cereda als Trainer. Die beiden entwickeln das perfekte Konzept für einen Aussenseiter. Was an Talent fehlt, wird mit Laufarbeit und Disziplin kompensiert. Dieses «Fräser-Hockey» bedingt Leidenschaft und Disziplin und Energie. Und immer lautet die bange Frage: Wie weit werden uns die Füsse tragen? Letzte Saison trugen die Füsse Ambri bis zum Ligaerhalt. Und jetzt darf sogar gefragt werden: Tragen uns die Füsse bis in die Playoffs?

Paolo Duca war in der letzten grossen Saison (2013/14) noch Spieler. Aus der damaligen Mannschaft sind nur noch Elias Bianchi und Patrick Incir dabei. Die Frage geht an den Sportchef: Was ist der Unterschied zwischen heute und dem goldenen Herbst von 2013? «Die Stimmung war auch damals gut. Die unterscheidet sich nicht von heute. Ich denke, dass wir heute mehr als damals ein klares Konzept haben. Wir spielen geradliniger, aggressiver und setzen die Gegenspieler auf dem ganzen Eisfeld unter Druck.» Und er mahnt zugleich: «Der Erfolg ist für uns nur möglich, wenn sich jeder in jedem Match aufopfert. Es liegt in der menschlichen Natur, zwischendurch aufzuatmen und den leichteren Weg zu suchen. Aber genau das können wir uns nicht leisten.» Es ist die Leidenschaft, die der Sportchef und sein Trainer Tag für Tag vorleben. Wie Arno Del Curto in seinen besten Tagen.

Der Grund: Ambris Scouting

Hockeyromantiker mögen den Erfolg Ambris legendärem Kampfgeist zuschreiben. Aber es gibt durchaus rationelle Erklärungen. Kein anderes Hockeyunternehmen hat ein so gutes Scouting. Ein paar Beispiele: Vier Jahre lang stürmt der ehemalige HCD-Junior Dominic Zwerger auf höchster nordamerikanischer Juniorenstufe – und die Sportchefs vergessen den Österreicher mit Schweizer Lizenz. Aber Paolo Duca denkt an ihn. Inzwischen ist Zwerger einer der besten Flügel der Liga. SCB-Trainer Kari Jalonen hält nichts von Marco Müller und gewährte ihm in der Saison 2016/17 nicht einmal 10 Minuten Eiszeit pro Spiel.

In Ambri ist der Sohn der Oltner Legende Viktor Müller zu einem der besten Schweizer Center gereift, arbeitet pro Spiel mehr als 19 Minuten und hat in 23 Partien bereits 20 Punkte gebucht. Und das Potenzial von Benjamin Conz hat Paolo Duca richtig eingeschätzt. Inzwischen hat Conz in Ambri die gleich gute Fangquote wie Reto Berra, seinen fast dreimal so teuren Nachfolger bei Gottéron.

Die Frage ist nicht nur, ob das spektakuläre Vorwärtshockey Ambri bis in die Playoffs trägt. Ambri arbeitet neben dem Eis nicht weniger leidenschaftlich an einem Jahrhundert-Projekt: am Bau der neuen Arena für 7000 Fans, die, so die Hockey-Götter wollen, im Sommer 2021 fertig und 53 Millionen kosten soll. Es ist eine ewige Flucht nach vorne eines Hockeyunternehmens, das nie zur Ruhe kommen kann und jetzt grad drauf und dran ist, Lugano davonzulaufen.