NLA
Am Mittwoch geht es los! Bühne frei für die NHL-Rückkehrer

Nächste Woche beginnt die neue NLA-Saison. Raphael Diaz, Jonas Hiller und Ronalds Kenins kehren aus der besten Eishockey-Liga der Welt zurück. Die Gründe sind verschieden, die Erwartungen gross und die potenzielle Fallhöhe noch grösser.

Calvin Stettler
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Raphael Diaz ist seit diesem Sommer wieder beim EVZ und soll von Beginn weg als Verteidigungsminister agieren.

Raphael Diaz ist seit diesem Sommer wieder beim EVZ und soll von Beginn weg als Verteidigungsminister agieren.

KEYSTONE

Erloschen ist diese Liebe nie. Trotz der Distanz, trotz all den Jahren. Sie, die einst zu talentiert für die NLA waren und nach Nordamerika dislozierten, um sich in der besten Liga der Welt zu versuchen, vergessen die Schweizer Eishockey-Fans nie. Weil sie damals, als sie aufbrachen, eine Lücke hinterliessen. Als Persönlichkeit. Aber vor allem als Spieler. Aber auch, weil die Schweizer Eishockey-Fans vor allem hofften, dass sich diese Lücke irgendeinmal wieder schliessen könnte. Einezeitlich begrenzte Fernbeziehung liegt dazwischen. Denn Eishockey-Spieler, die in der Schweiz ihre NHL-Reife entwickelten, kehren zurück. Irgendwann. Die Zeitpunkte sind unterschiedlich, die Erwartungen aber dieselben: Glücksmomente sollen sie wieder bescheren. In einer gewissen Regelmässigkeit versteht sich.

In diesem Sommer ist es gleich ein Trio, das nach Hause kommt. Goalie Jonas Hiller von Calgary, Verteidiger Raphael Diaz von New York und Stürmer Ronalds Kenins von Vancouver. Ihre Geschichten sind unterschiedlich, alle aber buchten sie ihre Flugtickets erstmals ohne Rückflug. «Zürich einfach» eben. Für die Fans ist es keine Liebe auf Distanz mehr. Der Kontakt wird intensiver. Ob die Spieler als Vollendete oder Gescheiterte heimkehren, scheint nebensächlich. Die Liebe blendet. Und sie unterdrückt diese eine entscheidende Frage: Wird es wieder so wie früher?

Mitbekommen hat man ja schon, was die Rückkehrer in Nordamerika so erlebten. Morgens konnte man von letzter Nacht lesen. Von Siegen mit Schweizer Beteiligung, von Shutouts, von so und so vielen Minuten Eiszeit, von Trainern, die es wagten, unsere NHL-Exporte nicht einzusetzen. All das gab Anhaltspunkte, doch die Euphorie um die Rückkehrer gründet auf Vergangenem, auf den letzten Erinnerungen, die von diesen Spielern auf Schweizer Eis noch abrufbar sind. Wie Jonas Hiller den HC Davos 2007 im siebten Spiel des PlayoffFinals zum Meistertitel hexte, zum Beispiel. Oder wie sie in Zug trauerten, als Verteidigungsminister Raphael Diaz 2011 seinen Abgang verkündete, oder wie Ronalds Kenins körperbetonter Auftritt 2014 dem ZSC die nötige Beständigkeit auf dem Weg zum Meistertitel gab. Dass man von einem NHL-Rückkehrer erwarten darf, eine Führungsposition übernehmen zu können, steht ausser Frage. Doch höher als die Erwartungen ist einzig die potenzielle Fallhöhe. Obwohl der Unterschied zwischen der NHL und der NLA je länger, je mehr kleiner wird, werden Wunderdinge erhofft. Biel-Trainer Kevin Schläpfer sagt dazu treffend: «Bloss auf dem Boden bleiben.»

Hiller und die Familie

Es ist ein Satz, den Schläpfer Anfang Mai bei Hillers Vorstellung wählt, um zu entschärfen. Der Trainer des EHC Biel hat bemerkt, dass die Erwartungen vor allem von aussen ins Utopische schweifen. Hiller ist gewiss noch immer ein grosser Torhüter, seine Erfahrung wird die Entwicklung der jungen Bieler Mannschaft beeinflussen. Wie sehr, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Dass Hiller diesen Sommer heimkehrte, ist aber kein Zufall. Sein letztes Jahr in der NHL war sein schlechtestes. Er absolvierte gerade einmal 26 NHL-Partien, seine Fangquote war im Keller. Was Hiller und vor allem seine Fans in den ersten Saisonspielen beweisen müssen, ist Geduld.

Er sagt, er brauche noch ein paar Einsätze zur Angewöhnung. Gleichzeitig sagt er auch: «Auf diesem Niveau, auf dem ich mich im Moment befinde, glaube ich, der Mannschaft bereits helfen zu können.» Nimmt man den letzten Schlussrang von vergangener Saison als Referenz, kann es in Biel ja nur besser werden. «Aber ich werde nicht 50 Tore weniger kassieren als die anderen.» Es ist eine Aussage, die ihn auch ein wenig vor den überschwänglichen Erwartungen schützen soll. Hiller weiss, dass er den Unterschied machen kann, ob es Biel in die Playoffs schafft oder nicht. Hiller will prägen – und gebraucht werden. Das sind Gründe für sein Heimkommen. Und, weil er im Alter von 34 Jahren auch an die Familie denkt. Das Niveau der NLA ist für einen ehemaligen NHL-Spieler mehr als befriedigend, dass dieser jeden Abend zu seiner Familie zurückkehren kann, ebenso.

Diaz und die Wertschätzung

Für Raphael Diaz hingegen war die Familie nicht das Hauptargument für seine Rückkehr. Er, der 30-jährige Powerplay-Spezialist, hätte in diesen Tagen gerne noch einmal die Koffer gepackt, um seine sechste Spielzeit in Nordamerika anzugehen. «Es hätte aber etwas Längerfristiges sein müssen.» Er meint damit nicht nur einen dieser Einjahresverträge. Davon hat er genug.

Rückblende: Nach ansprechenden zweieinhalb Jahren in Montreal wird Diaz im Februar 2014 nach Vancouver transferiert, nur 30 Tage später weiter nach New York. Dort kommt er bis Ende Saison gelegentlich zum Einsatz, erreicht mit den Rangers gar den Stanley-Cup-Final. Sein Vertrag aber wird im Sommer nicht verlängert. «Keine einfache Zeit.» Der Verteidiger macht sich Gedanken. Zu viele. Diaz’ Mentaltrainer hilft. «Sonst macht man sich kaputt.» Calgary klopft an, Diaz sagt zu. Nach einem ordentlichen Jahr steht er erneut ohne Vertrag da. Wieder diese Gedanken. Dann melden sich die Rangers erneut, Diaz kehrt zurück und wird die ganze Saison in der AHL verbringen. «Eine Riesenenttäuschung», die am Ursprung von Diaz’ Rückkehr steht. Das Leben als Schachfigur der General Managers ist Teil des Business, doch einer, der weiss, dass er in der Heimat sofort wieder die uneingeschränkte Wertschätzung einer Klubführung haben kann, tut sich das nicht lange an. «Wobei», interveniert Diaz, «ich wurde für den Einsatz, den ich erbrachte, schon geschätzt, aber alles ist schnelllebiger, man ist austauschbar.» Auf Einzelne wird in der NHL keine Rücksicht genommen. Umso mehr weiss Diaz heute, den Fünfjahres-vertrag, den ihm Zug angeboten hat, zu würdigen. Es ist sein Anspruch, seine Dankbarkeit mit starken Darbietungen auf dem Eis zurückzuzahlen. Diaz sagt sogleich: «Aber alleine kann ich nichts richten.» Gewiss, dennoch dürfte der 30-Jährige zum einflussreichsten NHL-Rückkehrer dieses Sommers werden.

Kenins und die AHL

Auch Ronalds Kenins ist einflussreich, zumindest optisch. Ein Skorer ist er nicht. Aber einer, der mit seiner überdurchschnittlichen Physis Spuren hinterlässt. Immer den Check fertigmachen, ist seine Devise. Das mochten die Nordamerikaner. Zu Beginn garnierte er seine ersten Auftritte bei den Vancouver Canucks gar mit Skorerpunkten. Bald verschwanden diese aber aus der Statistik, nur die Checks blieben. Kenins wurde zum Substitutionsgut, musste bald in die raue AHL. In seiner zweiten Saison ergab sich nochmals eine Chance, doch in acht weiteren NHL-Auftritten gelang ihm kein einziger Skorerpunkt, wieder musste er in die AHL. Er, der sensible Rumpelstürmer, sehnte sich bald nach der Schweiz, dort, wo seine Kollegen wie Brüder für ihn waren. Deshalb ist der 25-Jährige nach zwei Jahren bereits wieder beim ZSC. Im Zürcher Kader steckt aber mittlerweile so viel Qualität, dass Kenins nicht unter dem gleichen Druck wie Hiller oder Diaz steht.

Liefern müssen aber alle. Was in der NHL war, ist ab sofort nebensächlich. David Aebischer, der einst als Stanley-Cup-Sieger heimkam, scheiterte grandios. Andres Ambühl, der als Gescheiterter zurückkehrte, wurde dadurch nur noch besser. Wir sind bereit für Drama und Spektakel. Bühne frei für die Rückkehrer.