Eishockey

«Als wolltest du auf den Mond»

Der erste Schweizer im NHL-Rampenlicht: David Aebischer 2003 im Dress der Colorado Avalanche.

Der erste Schweizer im NHL-Rampenlicht: David Aebischer 2003 im Dress der Colorado Avalanche.

David Aebischer war der erste Schweizer Stammspieler in der NHL. Der Freiburger Goalie trat letzten Sommer zurück und ist heute Torhütertrainer bei seinem Stammklub Gottéron. Ein Besuch beim Pionier.

David Aebischer. Nach knapp 20 Jahren als Profispieler haben Sie nun die Seiten gewechselt und arbeiten als Torhütertrainer beim HC Fribourg-Gottéron.
David Aebischer: Es ist sicher etwas anderes. Ich muss mich noch daran gewöhnen und habe noch einiges zu lernen. Das Wichtigste ist aber, dass mir der neue Job Spass macht. Ich arbeite zu 100 Prozent mit unseren NLA-Goalies Benjamin Conz und Reto Lory, gehe zudem mit den Elite-Junioren und den Novizen aufs Eis und helfe hin und wieder bei den «Kleinen» aus. Ich bin voll beschäftigt (lacht).

Was ist spezieller? Die Arbeit mit den NLA-Goalies oder mit den «Kleinen»?
Da ich erst als Trainer angefangen habe, ist es gut, dass ich ein wenig mit allen arbeiten kann. So lerne ich immer dazu. Jede Stufe hat ihre Herausforderungen. Den Jungen kannst du viel mitgeben, sie sind sehr lernfähig. Bei den Profis arbeitest du im technischen Bereich schon anders. Das Erklären der Fragen «Wie?» oder «Wieso?» ist bei ihnen natürlich einfacher.

Ein Benjamin Conz hat mit seinen 24 Jahren seinen Stil. Geht’s da nur noch um Feintuning?
Mit den Profis stellst du nicht alles auf den Kopf. Du probierst aus und schaust, was funktioniert. Wichtig ist, dass sich der Goalie wohl und sicher fühlt. Es geht mehr um Repetition und um das Vertrauen in die Abwehrbewegungen.

Und bei den Kleinen helfen Sie mit, den Stil zu finden?
Wir sind hier in Freiburg daran, ein System aufzubauen. Natürlich gibt es grössere, kleinere, agilere Goalies. Aber das System muss für alle funktionieren.

Aus einem kleinen Goalie können Sie aber auch keinen modernen grossen Blocker machen.
Nein, aber die Basis ist bei allen gleich. Je nach Alter kommen dann gewisse Elemente dazu.

Als Sie noch selbst spielten: Was mochten Sie an Ihren Goalietrainern, was weniger?
Das war noch eine andere Zeit. Wir hatten zu meiner Zeit nicht überall spezifische Goalietrainer. Auch in der NHL nicht. Mir war einfach wichtig, vor oder nach jedem Training 20 bis 30 Minuten Goalietraining zu haben, dieses Repetieren von Übungen, die dir Sicherheit für den Match geben.

Wenn kein Goalietrainer da war. Wer hat Ihnen die Tipps gegeben? Die Headcoaches?
Ab und zu. Aber eigentlich hast du dich selber analysiert. Wenn du oft ähnliche Tore kassiert hast, musstest du alleine eine Lösung dagegen finden. Das war damals normal.

David Aebischer mit zwei unglaublichen Paraden im Spiel gegen den EV Zug.

David Aebischer mit zwei unglaublichen Paraden im Spiel gegen den EV Zug.

François Allaire, der kanadische «Goalie-Guru», der auch beispielsweise Jonas Hiller formte und der bis heute noch seine Camps in Verbier hält, war auch Ihr Mentor.
Ich ging regelmässig im Sommer zu ihm. Von ihm lernte ich sehr vieles: «Wieso spielst du gut? Wieso schlecht?» Ich lernte von ihm, mit einem System zu spielen. Es ist besser, für gewisse Situationen eine oder zwei statt zehn verschiedene Abwehrarten zu haben, dafür diese zwei wirklich gut zu können. Das gibt dir Sicherheit. Das half mir nicht nur als Goalie, sondern hilft mir auch heute als Trainer.

Viele Headcoaches sagen, sie lassen den Goalie in Ruhe und lassen den Goalietrainer machen. Ist das bei Gottéron auch so?
Ganz in Ruhe? Das schon nicht. (lacht) Wenn die Goalies gut spielen, dann schon, wenn sie nicht gut spielen, dann eher nicht.

Sie waren 1997 der erste Goalie in der NLA, der den mittlerweile etablierten «Butterfly»-Stil spielte. Allaire gab Ihnen also effektiv den Stil.
Er gab vielen Goalies den Stil. Der moderne Goalie hat Allaire viel zu verdanken. Ich war 15 Jahre alt. Ich kann mich gut erinnern, wie mir überall, im Klub und in den nationalen Auswahlen von links und rechts gesagt wurde, dass man so doch nicht spielen könne. Ich war aber überzeugt von Allaires System und habe mich mit ihm durchgebissen. Ob ich der allererste Schweizer war, weiss ich übrigens nicht sicher. Aber ich war sicher einer der allerersten.

Der Goaliestil verändert sich rasant, auch im Schweizer Eishockey. In den Achtzigern hechtete der 1,66 Meter grosse Olivier Anken von Pfosten zu Pfosten, in den Neunzigern kamen die Stand-up-Torhüter, und heute sind die knapp zwei Meter grossen Blocker im Trend.
Grundsätzlich verändert sich der Stil heute nicht mehr so gross, wie man meint. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Spielern: Der Goalie findet eine Lösung, um weniger Tore zu bekommen. Dann finden die Spieler Lösungen, um mehr Tore zu schiessen. Aber der letzte grosse Wechsel war jener vom Stand-up zum Butterfly. Zu 99 Prozent ist die Basis seither geblieben. Ich denke: Gross ist gut. Aber ab einer gewissen Grösse treten auch Probleme auf. Und Topgoalies in der NHL wie Carey Price oder Jonathan Quick sind auch keine Riesen. Es wird immer Goalies haben, die nicht zwei Meter gross sind.

«Kleine» junge Goalies sollen sich also nicht entmutigen lassen?
Nein, überhaupt nicht. Junge Goalies sollen sowieso aus Spass spielen und nicht mit dem Gedanken, Millionen verdienen zu wollen.

Warum wurden Sie eigentlich Goalie?
Ich war zunächst Feldspieler und sprang ein, als einmal kein Goalie da war, mit der normalen Spielerausrüstung … Danach bin ich im Tor geblieben. Es ist eine spezielle, schwierige Position mit viel Verantwortung. Aber es ist eine schöne Position.

Sie waren der erste Schweizer Stammspieler in der NHL. Die beste Eishockeyliga der Welt konnte in Europa damals, Ende der Neunziger, noch nicht im gleichen Masse verfolgt werden wie heute. Was bedeutete Ihnen damals dieser Schritt nach Nordamerika?
Ich bekam auch nicht viel mit. Du kanntest die Leibchen und sahst vielleicht ab und zu ein Video mit Highlights, das aber mindestens zwei Jahre alt war (lacht). Mit 13 habe ich in Québec mein erstes NHL-Spiel gesehen. Und ich sagte mir: Da will ich spielen. Da muss ich spielen! Das war danach immer das Ziel. Zu jener Zeit wurdest du aber eher belächelt, wenn du davon sprachst, in der NHL spielen zu wollen. Als hättest du gesagt, du willst auf den Mond. Aber ich hatte das Ziel und das Glück, die richtigen Leute am richtigen Ort kennen gelernt zu haben. So wurde ich gedraftet. Dafür, dass ich es danach gewagt habe, nach Nordamerika zu gehen, kann ich mir aber selbst auf die Schultern klopfen. Es war nicht einfach, sich zu jener Zeit durchzusetzen.

Was bedeutet es Ihnen rückblickend, der erste Schweizer zu sein, der sich durchsetzte?
Das ist schwierig zu sagen. Ich bin einfach froh um die Erlebnisse. Das erste Jahr in der ECHL war nicht einfach, auch in der AHL musste ich mich zunächst durchbeissen. Ich bin einfach stolz, dass ich es gemacht habe. Nicht, dass ich der erste Schweizer war. Das war mehr ein Nebeneffekt. Ich habe damals nicht daran gedacht, dass ich in die NHL gehe, damit andere Schweizer nachziehen können. Es brauchte ja auch andere wie Mark Streit oder Martin Gerber, damit es funktionierte. Einer alleine reichte nicht. Den Ersten brauchte es höchstens darum, damit die anderen sahen: Es ist möglich.

Wie schwierig war für Sie, letzten Sommer zu akzeptieren, nicht mehr spielen zu können?
Es war einfach. Ich entschied mich für den Rücktritt und genoss die Familie und Sachen wie Skifahren. Der Übergang war einfacher als erwartet.

Ihr letzter NLA-Klub waren die Lakers. Und das zu einer Zeit, als das Chaos im Klub bereits eingesetzt hatte. Ist das eine Erfahrung, die Sie bereuen?
Nein, sicher nicht. Es war eine harte und komplizierte Zeit. Verlieren liegt nicht in meiner Natur. Ich war frustriert, wie alles ablief in Rapperswil. Es wurden viele Fehler begangen, wahrscheinlich schon vorher und auch nachher. Ich schliesse mich selbst da auch nicht aus. Wir konnten so nicht einmal einigermassen erfolgreich sein. Die Playoffs waren in jenen zwei Jahren weit entfernt, ja utopisch. Es war schade, da Rapperswil ein schöner Ort zum Eishockeyspielen ist. Wir sind zweimal immerhin nicht abgestiegen, und darüber bin ich wirklich froh. Das hätte ich wirklich nicht gewollt zum Abschluss. (lacht)

Sie sprachen letzten Sommer davon, dass das Thema Nordamerika für Sie immer noch reizvoll sei, auch nach der Spielerkarriere ...
Auch das ist wieder ein Traum. Ich will sicher vorher noch eine Weile hier in Freiburg arbeiten und mein persönliches Goalieprojekt mit Gottéron zu Ende führen. Die NHL ist die beste Liga auf der Welt, und du kannst dort folglich mit den besten Goalies der Welt arbeiten. Wer will das schon nicht?

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