Eishockey
Als Timo Helbling gegen Deutschland im roten Bereich drehte

Timo Helbling hat einschlägige Erfahrung mit dem heutigen WM-Gegner der Schweiz – Deutschland – im wahrsten Sinne des Worts. Eine offene Rechnung hat der Verteidiger deswegen aber nicht.

Marcel Kuchta, Prag
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Sanfter Riese mit Hang zum Jähzorn: Timo Helbling.

Sanfter Riese mit Hang zum Jähzorn: Timo Helbling.

Andy Mueller/freshfocus

Der 20. Mai 2010 ist einer der denkwürdigeren Tage in der jüngeren Geschichte des Schweizer Eishockeys. Damals unterlag die Nationalmannschaft im WM-Viertelfinal in Mannheim gegen Gastgeber Deutschland 0:1. Nach der Schlusssirene kam es zu tumultartigen Szenen auf dem Eis. Mittendrin und als Hauptdarsteller in Aktion stand Timo Helbling, der wie von Sinnen auf alles einprügelte, was sich ihm in den Weg stellte und sich am Schluss sogar noch mit dem Deutschen Assistenztrainer Ernst Höfner anlegte. Schliesslich wurde der Hägendorfer mit einer blutenden Wunde unter den Pfiffen des tobendem Publikums vom Eis eskortiert.

«Empfinde keinen Stolz»

«Es war für mich damals eine riesige Enttäuschung. Wir hatten eine tolle Mannschaft und waren ganz nah am Exploit. Am Schluss ging alles drunter und drüber – und ich war mittendrin. Es war vielleicht nicht die schlauste Entscheidung, aber es war ein sehr emotionaler Moment. Es ist auf jeden Fall keine Szene, auf die ich nach meiner Karriere zurückblicken werde und Stolz empfinde», erinnert sich Helbling an jene Szenen vor fünf Jahren, die auch einen Ruf, ein Mann fürs Grobe zu sein, nachhaltig prägte.

Timo Helblings physische Qualitäten werden auch heute Nachmittag im Duell gegen den alten Rivalen Deutschland wieder gefragt sein. Die Spielsperre, die er damals nach seinem spektakulären Ausraster kassiert hatte, ist mittlerweile verjährt. Vergessen sind natürlich auch längst etwaige Rachegedanken für die Schmach von Mannheim. «Das ist zu lange her», sagt der mit seinem Vollbart mittlerweile noch furchterregender aussehende Solothurner. Aber er betont auch: «Gegen die Deutschen ist immer eine Rivalität da. Das haben wir Schweizer ja quasi im Blut.»

Apropos Blut: Auch bei seinem ersten WM-Einsatz 2015 gegen Frankreich kam Timo Helbling nicht ohne Schramme davon. Sacha Treilles Ellbogen sorgte für eine geplatzte Lippe beim Schweizer Verteidiger und auch dafür, dass die Franzosen früh auf die Verlierstrasse einbogen. Treille musste ebenso in die Kabine wie sein reklamierender Teamkollege Antoine Roussel, was die «Equipe tricolore» nachhaltig schwächte. Doch nicht nur mit seinem Blut sorgte Helbling für eine Vorentscheidung, er half auch auf dem Eis mit. Zum Beispiel, indem er beim Stand von 0:0 für den geschlagenen Goalie Leonardo Genoni auf der Linie rettete. Und er gehörte auch sonst zu den wenigen Schweizer Spielern, die gegen Frankreich einigermassen überzeugten.

«Wir wissen, dass die Deutschen nach der 0:10-Niederlage gegen Kanada eine Reaktion zeigen werden», warnt Helbling. Er wird sich nicht scheuen, dem Gegner das Leben auf dem Eis so unangenehm wie möglich zu machen.