Eine der Stärken des Fussballs, so heisst es, sei, dass sich im Regelwerk nur selten etwas ändert. Als Gegenthese kann das Eishockey genannt werden. Fast jährlich überlegen sich die Macher der schnellsten Sportart, vor allem jene in Nordamerika, wie das Spiel zu verbessern sei und handeln entsprechend.

Die meisten Neuerungen finden verspätet auch den Weg nach Europa. Wie die zwei wichtigsten Neuerungen im Hinblick auf die Saison 2014/15: die Verkleinerung der Mittelzone und damit die automatische Vergrösserung der Angriffs-, respektive Verteidigungszone zum ersten (siehe Bild). Und die Einführung des Hybrid-Icing zum zweiten. Beide Veränderungen erscheinen marginal.

Coaches glauben an grosse Auswirkungen

Und doch haben beide neuen Regeln das Potenzial, das Spiel nachhaltig zu verändern. Das denken mit Kevin Schläpfer (Biel), Arno Del Curto (Davos), Anders Eldebrink (Lakers), Guy Boucher (Bern) und Marc Crawford (ZSC) auch alle fünf NLA-Coaches, die von der «Schweiz am Sonntag» befragt wurden.

Besonders die grösseren Zonen regen die Trainer zum Nachdenken an. «Gut ist, dass ein Vorteil für die Offensive und damit die Kreativität geschaffen wird. Es gibt mehr Raum für die guten Spieler», sagt Biels Coach Schläpfer.

Zu den Leidtragenden werden die Verteidiger, meint Meistertrainer Crawford: «Je mehr Platz du hast, desto grösser wird das Risiko für die Defensivspieler, wenn sie die Offensivspieler unter Druck setzen. Mehr Risiko bedeutet normalerweise mehr Fehler, und mehr Fehler bedeutet mehr Offensive.»

HCD-Trainer Del Curto bringt es auf den Punkt: «Es dürfte mehr Tore geben.» Damit alleine ist es aber nicht getan. Während das Spiel bei numerischem Gleichstand auf dem Eis nur punktuell Änderungen erfahren dürfte, ändert sich die Ausgangslage im Unter- und Überzahlspiel fundamental. Die 150 Zentimeter mögen nicht nach viel tönen, doch aufgepasst: Bereits in den Testspielen fiel die gestiegene Anzahl der Powerplay-Tore auf, genauso wie nach der Anpassung in der NHL.

Der Effekt auf den grösseren europäischen Eisfeldern dürfte noch signifikanter werden. «Die Zone hat enorme Ausmasse, da sie im Vergleich zur NHL nicht nur dieselbe Länge hat, sondern auch noch die zusätzliche Breite», sagt SCB-Coach Boucher. Die Powerplay-Spieler freuts, sagt Lakers-Trainer Eldebrink: «Gerade die Verteidiger werden mehr Platz und Zeit zum Schiessen haben.» Und wer im Powerplay gar Stürmer auf die blaue Linie stelle, könne noch mehr profitieren.

Unterzahl-Spiel wird schwieriger

Die richtige Strategie in Unterzahl wird damit noch wichtiger. Boucher denkt sogar, dass die Anpassung im Penalty-Killing am schwierigsten sein werde: «Wenn man Druck auf den Puck führenden Spieler macht, ist man zu offen. Wenn man zu kompakt steht, ist man zu passiv. Da die goldene Mitte zu finden, dürfte momentan alle beschäftigen.»

Die Prioritäten im Unterzahlspiel werden ändern: «Statt Druck auf die blaue Linie zu machen, wird das Blocken der Schusswege noch wichtiger», glaubt Eldebrink. «Und das», weiss Schläpfer, «braucht Boxplay-Spieler mit noch mehr Mut.» HCD-Coach Del Curto geht einen Schritt weiter: Ein sehr gut aufgezogenes Powerplay könne die Aufgabe des Boxplays hin und wieder sogar zur unlösbaren Aufgabe machen.

Den neu vorgefundenen Platz in den Angriffszonen empfinden die Trainer als positiv. Dass die Special Teams aber eine noch grössere Bedeutung bekommen, stimmt sie nachdenklich.

«Wenn immer mehr die Powerplays die Spiele entscheiden, ist das negativ», sagt Schläpfer. «Strafen werden noch mehr zur Bestrafung», sagt Del Curto. Eldebrink appelliert an die Disziplin der Spieler: «Dumme Fouls in der Offensivzone sind umso mehr zu vermeiden.» Del Curto tut gleiches, aber auch in Richtung der Referees: «Auch sie sollten sich den Griff zur Pfeife überlegen. Eine Strafe muss wirklich eine Strafe sein.»

Alle sprechen von den um 1,50 Meter grösseren Offensivzonen. Doch was ist mit der folglich um drei Meter kleineren Mittelzone? Schläpfer wagt eine Prognose: «Die Mittelzone wird uninteressanter. Eishockey wird in die beiden anderen Zonen verlagert, das Spiel in der Mittelzone wird verschwinden. Diese wirst du eh nicht mehr beherrschen können, da von dort aus viel öfter der Puck tief gespielt wird.»

Der Biel-Coach spannt damit den Bogen zur zweiten wichtigen Regeländerung: Dem Hybrid-Icing. Wird das simple Hineinschiessen der Scheibe in die Offensivzone und das Nachsetzen, das «Dump and chase», das gepflegte Passspiel durch die Mittelzone gänzlich verdrängen? Diese Frage stellt sich, weil mit der neuen Regel die Möglichkeit besteht, das Icing trotz unerlaubtem Befreiungsschlag zu vermeiden.

Hier sind die Trainer unschlüssig. «Ein paar Teams werden versuchen, sich Vorteile zu verschaffen», denkt Eldebrink. Er dürfte auch Davos meinen. Del Curto gibt zu, dass dies seinem Team entgegenkommen könnte. «Das Icing überwinden zu können ist generell ein Vorteil für Teams, die viel laufen.»

Crawford tendiert zum Abwarten: «Ich bemerkte in den Tests wegen des Hybrid-Icings Auswirkungen bei Bullys in der neutralen Zone und im Powerplay. Doch waren diese positiv oder negativ fürs Spiel? Ich denke, erst in rund zwei Monaten wissen wir mehr.»

Das neue Hybrid-Icing

Seit vielen Jahren war die Icing-Regel im europäischen Eishockey eine mehr oder weniger klare Angelegenheit. Ein aus der eigenen Spielhälfte hinter die verlängerte Torlinie des Gegners gespielte Scheibe galt als unerlaubter Befreiungsschlag. Das ändert nun.

Das neue Hybrid-Icing ist eine Mischform aus der bis zur letzten Saison üblichen Version des Icings und ihres Vorgängers. Bei jener konnte ein Stürmer das Icing überwinden, wenn er vor dem Verteidiger am Puck war. Diese alte Version wurde ad acta gelegt, da es bei den Zweikämpfen um den Puck in Bandennähe oft zu gefährlichen Aktionen und Unfällen kam.

Beim Hybrid-Icing entscheidet der Linienrichter erst gut zehn Meter vor der Torlinie, ob er Icing pfeift oder nicht. Entscheidend ist, ob er den Stürmer oder den Verteidiger im Vorteil sieht, den Puck als Erster ergattern zu können – nicht immer ein einfacher Entscheid, der sicher auch Zuschauer vor Herausforderungen stellen wird.

«Ich bin skeptisch», sagt Biels Trainer Schläpfer. «Es könnte Unfälle, falsche Auslegungen und Checks im falschen Moment geben. Diese Regel macht mir Sorgen, denn sie betrifft eine heisse Zone.» Und Lakers-Coach Eldebrink denkt, dass wegen der für die Linienrichter oftmals heiklen Entscheide, kombiniert mit der Bereitschaft zum Risiko, den Puck öfters Mal aus der eigenen Spielhälfte tief zu spielen, es eher noch öfter Icings geben wird. «Und das ist nicht gut fürs Eishockey.»