Die wahren Lions
100 Sekunden vor Schluss gelingt den ZSC Lions gegen Zug «aus dem Nichts» der Siegestreffer zum 5:4

Der ZSC Lions können rocken. So lässt sich das gestrige Drama kurz und prägnant auf einen Nenner bringen. Ob die Zürcher gegen den EV Zug ein Spiel (oder gar eine Playoffserie) gewinnen können, ist eigentlich keine Frage des Talentes, der Taktik oder des Tempos. Es ist einzig und allein eine Frage der Einstellung. Eine Frage des Willens. Eine Frage des Rock’n’Rolls.

Klaus Zaugg
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Die ZSC Lions können die Serie gegen den EV Zug dank einem späten Heimsieg ausgleichen.

Die ZSC Lions können die Serie gegen den EV Zug dank einem späten Heimsieg ausgleichen.

Keystone

Kein anderes NLA-Unternehmen hat je eine so gute Pregame Show extra für die Playoffs kreiert. So martialisch wie ZSC-Trainer Hans Kossmann ist noch kein Hockeycoach auf dem «Inhouse Video» im eigenen Tempel vertont und ins Bild gesetzt worden. Der neutrale Beobachter wähnte sich zurückversetzt in die 1970er Jahre. Ins alte Spectrum zu Philadelphia, Heimstätte der Philadelphia Flyers, der damals die rauste Mannschaft der gesamten Hockey-Geschichte. Und bis heute nicht übertroffen.

Nun mag man solche Showeffekte als «Motivations-Voodoo» abtun und geringschätzen. Aber Playoffs sind nun mal Kopfsache. Erst recht bei den ZSC Lions, nach wie vor mehr eine freundliche, manierliche Interessengemeinschaft von Jungmillionären als eine wild entschlossene Schicksalsgemeinschaft im romantischen Sinne des Sportes. Und es sollte sich im Verlaufe des Spiels ja noch auf dramatische Art und Weise offenbaren, dass diese Mannschaft nach wie vor nicht gefestigt und zerbrechlich ist wie ein billiges Spielzeug.

Starker ZSC bis Spielmitte

Am Anfang stehen die Zeichen noch nicht auf Drama. Von der ersten Sekunde scheint klar, wer als Sieger vom Eis gehen wird. Die Entschlossenheit der ZSC Lions überdauert die Startphase und währt gerade lange genug, um bis zur 31. Minute einen scheinbar entscheidenden Vorsprung herauszuspielen (4:1). Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir zum ersten Mal in dieser Saison die wahren ZSC Lions gesehen.

Aber die Wucht ebbt ab Spielmitte ab und nun mahnt der Auftritt der Zürcher an eine andere Szene, die bei der «Pregame Show» auch zu sehen war: an das schnelle Verbrennen des «Bööggs» (nicht zu verwechseln mit dem Puck im Eishockeys), der Puppe im Rahmen des «Sechseläuten», des traditionellen Frühjahr-Festes der Zürcher. Es ist, als sei die Energie der Mannschaft so schnell verbrannt und explodiert wie der «Böögg».

Im Schlussdrittel gelingt es den coolen Zugern, aus dem 4:1 ein 4:4 zu machen. Und dann gelingt Fredrik Pettersson aus dem «Nichts» heraus 100 Sekunden vor Schluss doch noch der Siegestreffer (58.). Glücklich zwar. Wie ein Geschenk der Hockeygötter. Aber auch der Lohn für eine aufopfernde Leistung in einem Spiel, in dem wir die vielen Gesichter der ZSC Lions dieser Saison an einem einzigen Abend gesehen haben.

Zürcher-Substanz

Wir wissen nun: die Zürcher haben genug Substanz, um die Zuger zu besiegen. Eigentlich auch genug, um diese Serie zu gewinnen. Aber wir wissen nicht, ob sie dazu in der Lage sind, ihr Potenzial noch einmal auf die gleiche Art und Weise umzusetzen wie gestern Abend in der ersten Hälfte des Spiels. Und ob sie auch auswärts, in Zug so dominant, wuchtig und selbstsicher auftreten können wie gestern in den ersten 30 Minuten. Leiden sie am «Koala-Syndrom»? Der Koala kann nur im Eucalyptus-Wald glücklich sein. Muss er den Wald verlassen und sich draussen in der Wildnis bewähren, wird er traurig und krank.

Wenn die Zürcher weiterkommen wollen, dann müssen sie mindestens ein Spiel in Zug gewinnen. Und das wird nicht einfach. Sie haben gestern alles mobilisiert und mit Hilfe der Hockeygötter gewonnen. Dieser Sieg kann ein «Erweckungs-Erlebnis» sein, das die ZSC Lions noch zu ungeahnten Höhen treiben kann. Aber vielleicht war es auch nur ein letztes Aufflackern. Die Zuger haben eine vielleicht einmalige Chance verpasst, ihrem Gegner eine verheerende Niederlage zuzufügen, von dem sie sich mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr erholt hätte. Bereits morgen Abend gibt es Antworten auf diese Frage. Der EV Zug bleibt Favorit. Aber die ZSC Lions leben noch. «Its not over before the fat lady sings» pflegen die Nordamerikaner zu sagen. Es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist.