Eishockey-WM
«Timo Time» und die gnadenlose Unermüdlichkeit der Schweizer

Die Schweizer sind nicht aufzuhalten. Der dänische «Beton »von Heinz Ehlers war nicht stark genug. Die Schweizer siegten gegen Dänemark 1:0. Am Dienstag können sie gegen Schweden beweisen, dass sie die besseren Schweden sind.

Klaus Zaugg
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Die Schweiz hat auch ihr zweite Gruppenspiel an der Eishockey-WM in Riga gewonnen.

Die Schweiz hat auch ihr zweite Gruppenspiel an der Eishockey-WM in Riga gewonnen.

Freshfocus

Die Schweiz von heute spielte gegen die Schweiz von gestern. So können wir die Partie gegen Dänemark taktisch in einem Satz erklären. Heinz Ehlers, der dänische Nationaltrainer mit reicher «Underdog-Erfahrung» aus Langnau und Lausanne ist ein schlauer Taktiker. Zum WM-Auftakt hat er seine Mannschaft zum Überraschungssieg gegen Schweden (4:3) gecoacht. Mit einer Taktik, in den Grundzügen ähnlich ist wie die Philosophie, mit der wir unter Ralph Krueger (1997 bis 2010) die Grossen bei der WM immer wieder in arge Bedrängnis gebracht haben. Die Dänen von heute sind die Schweizer von gestern.

Schweden hat gegen Dänemark 3:4 verloren. Wir haben gegen Dänemark 1:0 gewonnen. Und für einmal hat alles seine Logik. Wie zermürben wir einen taktisch schlauen Aussenseiter? Ganz einfach: durch unermüdliche Lauf- und Tempoarbeit. Die grossen Taktiker aus Schweden waren ganz einfach zu wenig fleissig. Oder besser: überheblich. Was wir an einer simplen Statistik ablesen können: Die Schweden kamen bloss auf 23:20 Torschüsse. Sie liessen dem Aussenseiter viel zu viel Zeit, Spielraum und Sauerstoff und machten den gleichen Fehler in der zweiten Partie gegen Weissrussland – 0:1-Pleite bei 32:22 Abschlüssen.

30:4 Torschüsse zugunsten der Schweiz

Die Schweizer brausten mit 30:4 Torschüssen über die Dänen hinweg. Diese Zahlen dokumentieren die gnadenlose Unermüdlichkeit, mit der sie ihrem Gegner keine Zeit, keine Freiräume und keinen Atem liessen. Reto Berra kam nicht einmal in Bedrängnis, als die Dänen 1:19 Minuten vor Schluss ihren Goalie durch einen sechsten Feldspieler ersetzten. Er ist zwar in dieser Partie einmal bezwungen worden – aber die Schiedsrichter annullierten den Treffer wegen Goalie-Behinderung.

Die Torschuss-Statistik ist eine Fleiss-Statistik im doppelten Sinne. Zum Fleiss gehören nicht nur Torschüsse (davon hatten die Schweden genug). Zum Fleiss gehört eben auch die gnadenlose Unermüdlichkeit, die das gegnerische Spiel lähmt und Konter weitgehend verhindert. Die Schweden sind inzwischen zweimal – gegen Dänemark (3:4) und Weissrussland (0:1) ein Opfer ihrer taktischen Arroganz, ihres «Schablonismus» und Minimalismus geworden. Wir sind hingegen für Fleiss belohnt worden.

Eine offensive Spielweise ist riskant und öffnet Räume für Gegenstösse. Ein Sturmlauf darf nie unkontrolliert und nie nachlassend sein. Die Kunst ist also die gute Balance und die Unermüdlichkeit des Offensivspiels. So gesehen ist den Schweizern gegen Dänemark das perfekte Spiel gelungen: gut ausbalanciert, gut kontrolliert, taktisch klug und offensiv dynamisch und unermüdlich. Wir waren die besseren Schweden – und treten am Dienstag gegen Schweden an (19:15 Uhr).

Den dänischen Riegel geknackt

Es gibt ein TV-Dokument aus der Partie gegen Dänemark, das künftig bei Trainerkursen als Lehrvideo eingesetzt werden kann. Um zu zeigen, wie dieser dänische Riegel geknackt werden kann, den einst in Ungarn (!) in den 1930er Jahren entwickelt wurde, die Tschechoslowaken zur weltmeisterlichen Taktik gemacht haben und von uns unter Ralph Krueger verfeinert worden ist: die Dänen formieren sich mit fünf Mann in der neutralen Zone – und die Schweizer stürmen so schnell heran, dass sie einfach durch den Riegel hindurch laufen und Timo Meier trifft zum 1:0.

Womit wir bei einem weiteren wichtigen Punkt sind: permanente Überlegenheit garantiert noch keine Tore. Nach wie vor gilt, dass mehr als 60 Prozent aller Treffer nicht in Druckphasen erzielt werden. Sondern nach schellen Gegenangriffen. Wenn die Räume offen sind. Timo Meier und Philipp Kuraschew sind zweimal allein vor dem dänischen Torhüter Sebastien Dahm gescheitert. Kein Titan. Er spielt in der österreichischen Operetten-Liga.

Zur Krönung einer Fleissleistung braucht es Spieler, die dazu in der Lage sind, auf höchstem internationalen Niveau die Differenz zu machen. Wer in der NHL immer wieder ins Tor trifft und es deshalb in der wichtigsten Liga der Welt zum Millionär gebracht hat, vermag sich auch gegen Dänemark durchzusetzen: Timo Meier hat in der NHL schon 88 Treffer erzielt. Ihm gelingt das «goldene» 1:0. Bereits sein dritter Treffer bei diesem Turnier. Um den Sieg gegen Dänemark in etwas moderner Form literarisch zusammenzufassen: «It`s Timo Time» aus Sicht der Schweizer. «For whom the Bells Tolls» für den dänischen Goalie.

Das „zu null“ macht Reto Berra noch nicht zum WM-Helden. Die Formel für eidgenössischen Ruhm bei dieser WM lautet weiterhin: Leonardo Genonis Paraden, Timo Meiers Tore.