Eishockey-WM
Keine Siegesfeier ohne Meier – schiesst uns der Starstürmer zum Weltmeistertitel?

Timo Meier, der Held beim 1:0 gegen Dänemark, ist der wichtigste Feldspieler der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft. Wie weit wir am Turnier in Riga kommen werden, ob es vielleicht gar zum Titel reicht, hängt mindestens so stark von ihm wie von den Goalies ab.

Klaus Zaugg
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Der Mann, der die Schweiz zum Weltmeister machen könnte: Timo Meier.

Der Mann, der die Schweiz zum Weltmeister machen könnte: Timo Meier.

Bild: Claudio Thoma/Freshfocus (Riga, 23. Mai 2021)

Eine historische Chance ist verpasst worden. Die WM 2021 in Riga ist die letzte unter der Schirmherrschaft von René Fasel. Im Herbst stellt sich der grösste Hockey-Funktionär unserer Geschichte nach 26 Jahren nicht mehr zur Wiederwahl als Präsident des Internationalen Eishockeyverbandes (IIHF). Nationaltrainer Patrick Fischer hätte den 71-jährigen Freiburger gegen Dänemark ins Tor stellen und ihm so ein spektakuläres Karriere-Schlussfeuerwerk bescheren können.

Spass beiseite: Die Schweizer haben gegen Dänemark nur vier (!) Torschüsse zugelassen. Ein absoluter Rekord, seit diese Statistik beim Weltturnier mehr oder weniger sorgfältig geführt wird. Ein Sieg mit René Fasel im Kasten wäre nicht unmöglich gewesen.

René Fasel, Präsident des internationalen Eishockeyverbandes.

René Fasel, Präsident des internationalen Eishockeyverbandes.

Claudio Thoma/Freshfocus / freshfocus

Allerdings hätte Dänemarks Nationaltrainer Heinz Ehlers nach dem Studium der Teamaufstellung mit Sicherheit die Anweisung gegeben, sofort ab Spielfeldmitte mit Fernschüssen jede Möglichkeit zum Abschluss zu nützen. Das Spiel wäre vermutlich zu einem Offensivspektakel ausgeartet und am Ende hätte es eher ein 10:9 als ein 1:0 gegeben.

Normalerweise macht der Torhüter den Unterschied

So viel zum Kuriosum des 1:0-Sieges der Schweiz gegen Dänemark mit 30:4 Torschüssen. Die Schweiz hat reiche Erfahrung mit 1:0-Partien im Rahmen einer WM. Am 4. Mai 2004 besiegen die Schweizer in Prag in der Zwischenrunde Deutschland 1:0 (Torschütze Valentin Wirz). Die Schweiz rückt in den Viertelfinal vor, Deutschland scheidet aus und National­trainer Hans Zach tritt zurück. Die Deutschen hatten mit 27:23 Torschüssen dominiert. Martin Gerber musste also 27 Pucks halten.

Am 24. April 2009 gelingt bei der WM in Bern ein 1:0 gegen Frankreich (Torschütze Martin Plüss). Mit 42:14 Abschlüssen und erneut mit Martin Gerber als letztem Mann. Es reicht trotzdem nicht fürs Viertelfinal. Bei der WM ein Jahr später in Mannheim die Revanche der Deutschen: Sie besiegen uns im Viertelfinal 1:0. Martin Gerber hatte 24 Pucks abgewehrt. Einen zu wenig. Die Schweizer hatten mit 41:25 Torschüssen dominiert, im Schlussdrittel gar mit 19:5.

2011 in Kosice bodigt die Schweiz Frankreich in der Verlängerung mit 35:29 Torschüssen 1:0 (Torschütze Julien Vauclair), im Kasten steht Tobias Stephan. Aber wir erreichen den Viertelfinal nicht. 2015 in Prag gelingt mit Leonardo Genoni im Tor und 18:18 Torschüssen erneut ein 1:0-Sieg gegen Deutschland (Torschütze Denis Hollenstein).

Das Erbe von Ralph Krueger wird sehr sorgsam gepflegt

Wir sehen: das 1:0 gegen Dänemark am Sonntag ist wegen des flauen gegnerischen Sturmes ein statistisches Kuriosum: Reto Berra musste nur vier Schüsse ab­wehren. Das hätte, wie eingangs zum Spass erwähnt, womöglich sogar René Fasel geschafft.

Die aktuelle Mannschaft von Patrick Fischer ist so oder so mit keinem der bisherigen WM-Teams vergleichbar, die 1:0 gewonnen oder 0:1 verloren haben. Geblieben ist aber die defensive Stabilität, die ein «zu null» auf diesem Niveau erst möglich macht.

Ralph Krueger, ehemaliger Schweizer Nationaltrainer.

Ralph Krueger, ehemaliger Schweizer Nationaltrainer.

Pius Koller

Ralph Krueger hat nach seiner Amtsübernahme im Herbst 1997 die Schweiz nach und nach zu einer der defensiv stärksten Nationalmannschaften der Welt gemacht. Sein Erbe – perfekte Organisation, hohe Disziplin und Weltklasse-Torhüter – wird sorgsam gepflegt und die defensive Stabilität zeichnet seither die Schweizer Teams bis auf wenige Ausnahmen bei jeder WM aus.

Ein Weltklassestürmer, der die Differenz machen kann

Was dieses «1:0-Team» von Riga von allen anderen unterscheidet, ist ein Element der ­Offensive: Weltklassestürmer Timo Meier. Er ist der «Game Breaker», den wir zu den Zeiten von Ralph Krueger noch nicht hatten: ein Stürmer, der sich in der NHL, also in der besten Liga der Welt, durchgesetzt hat und auf allerhöchstem Niveau offensiv die Differenz machen kann.

Zwei Tore beim 5:2 gegen Tschechien, am nächsten Tag der goldene Treffer gegen Dänemark – Meier is straight fire. Die Defensive gehört längst zur DNA der Schweizer. Aber ohne Meier keine Siegesfeier: Was, wenn er gegen Dänemark nicht getroffen hätte?

Die WM 2021 ist das Turnier der unmöglichen Möglichkeiten. Wie weit wir in Riga kommen werden, ob es vielleicht gar zum Titel reicht, hängt mindestens so stark von Timo Meier wie von den Goalies ab.