EISHOCKEY
Warum Spielsperren im Schweizer Hockey quasi wirkungslos sind

Spielsperren erzielen in unserem Hockey keine nachhaltige Wirkung. Weil sie keine finanziellen Folgen haben. Die NHL macht es besser.

Klaus Zaugg
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Der Crosscheck von Zugs Fabrice Herzog hat am Wochenende erneut für Aufregung gesorgt.

Der Crosscheck von Zugs Fabrice Herzog hat am Wochenende erneut für Aufregung gesorgt.

Urs Lindt / freshfocus

Wer im Schweizer Eishockey gesperrt wird, hat nichts zu befürchten: Es gibt zwar eine Busse inklusive Verfahrenskosten, die mehrere tausend Franken betragen kann, meistens vom Klub nicht übernommen wird und vom Spieler bezahlt werden muss. Aber das ist auch schon alles. Und erzielt bei einem jungen Mann, der 30'000 Franken oder mehr im Monat verdient, keine nachhaltige Besserung.

Amerikanische NHL als Vorreiter

Was wäre also zu tun? Ganz einfach: Es muss im Portemonnaie so richtig weh tun. Was im Portemonnaie nicht wehtut, ist wirkungslos. Die nordamerikanische National Hockey League (NHL) folgt deshalb einem einfachen Prinzip: Suspension without pay. Also Sperre ohne Lohnzahlung. Ein Spieler wird während der Dauer seiner Sperre nicht bezahlt. Das tut weh. Und ist erst noch gerecht: Wer weniger verdient, verliert weniger. Wer mehr verdient, verliert mehr. Das schmerzt auch die Dollarmillionäre. Und die Klubkassiere freut's.

In unserem Arbeitsrecht ist es grundsätzlich nicht erlaubt, bei Fehlverhalten den Lohn automatisch zu kürzen. Das NHL-System ist juristisch bei uns also nicht anwendbar. In der NHL ist die automatische Lohnkürzung deshalb möglich, weil sie Bestandteil des Gesamtarbeitsvertrages zwischen der Liga und der Spielergewerkschaft ist. Die vom Arbeitsrecht abweichenden Regelungen werden in diesem Gesamtarbeitsvertrag im Umfang von mehr als 700 Seiten definiert.

Herzog aus dem Verkehr gezogen

Fabrice Herzog wurde am Sonntag wegen seines Crosschecks gegen Fribourg-Verteidiger Mauro Dufner vorsorglich für ein Spiel gesperrt. Zudem wurde gegen den Stürmer ein ordentliches Verfahren eröffnet. Das definitive Strafmass soll am Donnerstag bekannt gegeben werden.

Im Schweizer Eishockey gibt es keinen Gesamtarbeitsvertrag zwischen der Spielergewerkschaft und der National League. Das bedeutet, dass die Verträge der Spieler dem «gewöhnlichen» Arbeitsrecht unterliegen. Dieses Arbeitsrecht verbietet nicht nur automatische Lohnabzüge, auch längere Sperren sind illegal: Bei einer Sperre von mehr als 15 Partien wird es bereits kritisch. Dann geht es nicht mehr um Spielregeln, in die sich zivile Gerichte normalerweise nicht einmischen. Dann geht es um ein widerrechtliches Arbeitsverbot. Populistische Forderungen nach langen Sperren, womöglich für eine ganze Saison, sind juristisch im Profisport nicht durchsetzbar. Wir finden solche Sperren höchstens hin und wieder im Amateursport.

Eine Chance für die Spielergewerkschaft

Sperren, die richtig weh tun und Wirkung erzielen, wären eigentlich auch im Interesse der Spieler. Es geht um den Schutz der Gesundheit. Hier könnte unsere Spielergewerkschaft aktiv werden, die bis heute nicht viel mehr ist als eine juristisch zahnlose Operetten-Vereinigung von Jungmillionären. Die National League ist ab nächster Saison eine unabhängige Aktiengesellschaft. Ein Gesamtarbeitsvertrag zwischen der höchsten Liga und der Spielergewerkschaft wäre also sehr wohl möglich und würde allen helfen. Darin könnten auch noch andere Regelungen eingebaut werden – etwa die Möglichkeit von jederzeitigem Spielertausch durch automatische Übernahme der Arbeitsverträge.

Die Ausarbeitung eines solchen Gesamtarbeitsvertrages ist jedoch juristisch höchst anspruchsvoll, mit langwierigen Verhandlungen und viel, viel Arbeit verbunden. Auf einen Gesamtarbeitsvertrag warten wir deshalb im Hockey mit ziemlicher Sicherheit länger als auf die erste Mondlandung eines helvetischen Astronauten. Und so führen auch künftig Spielsperren zwar regelmässig zu Erregungen und Diskussionen, erzielen aber praktisch keine Wirkung.

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