EISHOCKEY-VORSCHAU
Alte Garde, neue Helden und «Jesus Chris»

Die meisterlichen Erinnerungen sind in Bern, Davos und Lugano noch lebendig und die Hoffnungen auf neuen Ruhm in Biel berechtigt.

Klaus Zaugg
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Wie schlagen sich Biel mit Neuzugang Gaëtan Haas (links oben), der HC Davos (rechts oben), Tristan Scherwey und Simon Moser mit dem SCB (rechts unten) und Lugano mit Neo-Trainer Chris McSorley (links unten) in der neuen Saison?

Wie schlagen sich Biel mit Neuzugang Gaëtan Haas (links oben), der HC Davos (rechts oben), Tristan Scherwey und Simon Moser mit dem SCB (rechts unten) und Lugano mit Neo-Trainer Chris McSorley (links unten) in der neuen Saison?

Keystone / CH Media

Bern, Davos und Lugano dominierten jahrelang unser Hockey und auch Biel hat schon mehrere Meisterschaften gefeiert. Die Hoffnung auf weitere Titelgewinne ist der Treibstoff dieser Klubs, die ruhmreiche Vergangenheit eine Verpflichtung. Aber sie sind Titanen auf sportlich wackligen Beinen.

SC Bern

Zwischen alter Garde und der nächsten Generation

Zeigt sich der SC Bern nächste Saison von seiner starken Seite?

Zeigt sich der SC Bern nächste Saison von seiner starken Seite?

Claudio De Capitani / freshfocus

Die Namen sind nach wie vor viel zu gross für die untere Tabellenhälfte: Simon Moser, Tristan Scherwey oder Ramon Untersander. Meisterliche Helden. Aber eben: zuletzt zweimal hintereinander nur noch Rang 9. Und doch sind sie immer noch zu grossen Taten fähig: sie bodigten nach den sportlich turbulentesten Monaten seit dem Wiederaufstieg von 1986 die ZSC Lions im Cupfinal und den HCD in den Pre-Playoffs. Sie vermochten als einzige, Zug in den Playoffs zweimal zu besiegen. Der SCB hatte zuletzt zwei Gesichter: Grandiose Siege und Heimpleiten gegen die Lakers oder Langnau. Die alte Garde um Simon Moser ergibt sich nicht, aber eine ganze Saison kann sie den SCB nicht mehr tragen und die nächste Generation vermag es noch nicht. Der SCB war letzte Saison gefangen zwischen den alten und den neuen Zeiten. Zwischen Hoffart und Demut. Zwischen Blamagen und erstaunlichen Siegen. Und wird es unter dem ersten schwedischen Trainer der Klubgeschichte weiterhin sein. Niemand vermag zu sagen, wohin die Reise mit Johan Lundskog (36) geht, der noch nie Cheftrainer war. An einem guten Abend wird der SCB endlich wieder wie ein Spitzenteam auftreten. Aber die Liga können die Berner nicht mehr dominieren.

EHC Biel

Was passiert mit Biels Garderobentüre?

Gaëtan Haas kehrt nach den Stationen SC Bern und Edmonton Oilers zum EHC Biel zurück.

Gaëtan Haas kehrt nach den Stationen SC Bern und Edmonton Oilers zum EHC Biel zurück.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

In einem stürmischen Transfersommer hat Sportchef Martin Steinegger seine Mannschaft so umsichtig umgebaut, dass Biel nun um den ersten Titel seit 1983 mitspielen kann. Aber das Beispiel von Damien Brunner zeigt, wie sehr hohe Erwartungen belasten können: der zerbrechliche offensive Schillerfalter tritt mit dem Schlittschuh in die Garderobentüre und verschwindet nach dem letzten Saisonspiel wutentbrannt in der Nacht. Das war nach dem schmählichen Scheitern gegen die Lakers, das nicht ganz unerwartete Ende der schwierigen ersten Saison ohne Jonas Hiller und der Krebserkrankung von Trainer Antti Törmänen (50), der durch Lars Leuenberger ersetzt werden musste. Nach erfolgreicher Therapie ist Antti Törmänen nun zurück und hat eine noch bessere Mannschaft zur Verfügung. Nach fünf Jahren (SCB, NHL) ist Gäetan Haas wieder in Biel. Eigentlich schien die Mannschaft in einer Umbruch-Phase. Doch Gaëtan Haas macht Biel zu einem Geheimfavoriten. Er ist einer der besten Center in Europa, seine Rückkehr wird, ja muss der Mannschaft Auftrieb geben. Die Bieler haben eine der spielerisch stärksten, spektakulärsten Mannschaften der Liga. An einem guten Abend werden sie ein mitreissendes Spitzenteam sein. Aber an spielerischen Werktagen anfällig auf dramatische Niederlagen. Sogar gegen Ajoie und Langnau.

HC Davos

Die Suche nach einem neuen Reto von Arx

Gilles Senn braucht eine bärenstarke Saison, um sich mit dem HCD zum Titelkandidaten zu mausern.

Gilles Senn braucht eine bärenstarke Saison, um sich mit dem HCD zum Titelkandidaten zu mausern.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Acht Spieler aus dem letzten HCD-Meisterteam von 2015 sind noch dabei: Andres Ambühl, Enzo Corvi, Chris Egli, Gilles Senn, Sven Jung, die Wieser-Brüder und Claude-Curdin Paschoud. Aber es war vor allem Reto von Arx, der den Klub so lange geprägt hatte. Nach dem letzten Titel trat er im Frühjahr 2015 ab, liess Arno Del Curto einsam zurück und eine Ära war zu Ende. Es wird im modernen, kapitalistischen Hockey immer schwieriger, über mehrere Jahre einen Kern von Schlüsselspielern im besten Alter zu halten. Arno Del Curto gelang es. Er und Reto von Arx schweissten ab 1996 das Team fast wie eine Sekte zusammen («Zeugen Del Curtos»). Am 27. November 2018 legte der Kulttrainer nach mehr als 20 Jahren sein Amt nieder. Inzwischen sind die noch von Raeto Raffainer (heute SCB) beaufsichtigten sportlichen Renovationsarbeiten weitgehend abgeschlossen. Dominik Egli soll der nächste Félicien Du Bois, Enzo Corvi der nächste Reto Von Arx, Gilles Senn der nächste Leonardo Genoni, Raphael Prassl der nächste Sandro Rizzi und Thomas Wellinger der nächste Marc Gianola werden. Aber noch wichtiger: Wird Christian Wohlwend (44) der nächste Arno Del Curto (65)? Er hat, wie damals Arno Del Curto, eine vielversprechende Mannschaft. Der HCD-Sturm ist mit Abstand der schnellste der Liga und die drei neuen ausländischen Stürmer sind besser als ihre Vorgänger. Aber Christian Wohlwend hat keinen Reto von Arx. Einen Sturmlauf an die Spitze gibt es nur, wenn Rückkehrer Gilles Senn sein allerallerallerallerbestes Hockey spielt. Das Schicksals des Trainers hängt, wie so oft, am Torhüter.

HC Lugano

Wenn «Jesus Chris» mit Lugano nicht Meister werden kann – wer dann?

Stotzt vor Chraisma: «Jesus Chris» McSorley.

Stotzt vor Chraisma: «Jesus Chris» McSorley.

Freshfocus / Marusca Rezzonico

So viel Charisma wie Chris McSorley (59) hatten in Lugano nicht einmal John Slettvoll, mit vier Titeln der erfolgreichste Trainer. Also müsste «Jesus Chris» Lugano nach 16 Jahren ins gelobte Land der Meisterehre führen können. Es gibt im europäischen Eishockey kaum einen anderen Klub mit besseren Voraussetzungen. Eine Milliardärsfamilie sorgt dafür, dass Geld nie ein Thema ist. Die Infrastruktur stimmt, der Klub ist die Nummer 1 in der Stadt und die Lebensqualität unter Palmen könnte besser nicht sein. Aber die letzte Meisterfeier ging 2006 über die Bühne. Da sonst alles stimmt, ist es offensichtlich nicht mehr gelungen, den richtigen Trainer zu finden. Deshalb steht die Trainerfrage seit Jahren im Zentrum. Lugano versuchte es nach dem letzten Meistermacher (Harold Kreis) mit Chefs aller Couleur. Und nun also nach dem Spielerversteher Serge Pelleiter Chris McSorley. 20 Jahre in Genf und dort als «Jesus Chris» verehrt. Sein Wechsel nach Lugano ist das aufregendste Trainer-Experiment unseres Hockeys seit Herb Brooks nach dem Olympiasieg 1980 nach Davos wechselte oder Arno Del Curto im Januar 2019 ins Hallenstadion zurückkehrte. Beide scheiterten hochkant. Chris McSorley ist und bleibt ein harter Hund, er hat seine Prinzipien nicht geändert, ist aber weise genug, die Tonart den Erfordernissen einer neuen Spielergeneration ein wenig anzupassen. Wenn es «Jesus Chris» in Lugano nicht schafft, wer dann?

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