Hockey
Eishockey-Star Damien Brunner: «Ich fühle mich völlig verloren»

Das grosse Interview mit dem Schweizer Eishockey-Star Damien Brunner über verlorenes Selbstvertrauen und seine schwierige Situation bei den New Jersey Devils.

Marcel Kuchta, Newark
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Damien Brunner hat kaum mehr Einfluss aufs Spiel, hat zuletzt aber sehr positives Feedback für sein defensives Verhalten erhalten.Slocum/Key

Damien Brunner hat kaum mehr Einfluss aufs Spiel, hat zuletzt aber sehr positives Feedback für sein defensives Verhalten erhalten.Slocum/Key

Damien Brunner, beim 5:0-Sieg der New Jersey Devils gegen die Nashville Predators hatten Sie von allen Spielern Ihrer Mannschaft am drittwenigsten Eiszeit (11:24 Minuten, die Red.). Das kann Ihnen nicht gefallen.
Damien Brunner: Ich weiss auch nicht, was los ist. Ich fühle mich völlig verloren. So schlecht hab ich das letzte Mal gespielt, als ich 20 Jahre alt war. Ich will mich nicht beklagen. Aber das ist derzeit die Realität. Schön reden kann man es nicht.

Warum haben Sie Ihr Selbstvertrauen Stück für Stück verloren?

Es ist mühsam. Ich habe eine sehr gute Vorbereitung absolviert, hab in den ersten vier Meisterschaftsspielen super gespielt, konnte viel kreieren mit der Scheibe. Leider haben wir diese Partien verloren. Die Folge war, dass ich immer weniger Eiszeit erhielt und nur noch strikt nach System agieren durfte.

Wie ist die Kommunikation mit dem Trainerteam? Wird Ihnen begründet, warum Sie weniger spielen dürfen?
Die Trainer sind okay, da kann ich mich nicht beklagen. Ich bin derzeit einfach völlig verloren, weil ich null Spielrhythmus habe. Ich bin gut, wenn ich im Spiel drin bin, wenn ich laufe und meine Beine bewege. In Zug hatte ich pro Spiel zwischen 19 und 26 Minuten Eiszeit, bis zu 10 Schüsse pro Spiel und konnte fast bei jedem Einsatz eine Chance kreieren. Hier hab ich zwei Einsätze, in welchen wir einfach die Scheibe ins gegnerische Drittel schiessen. Dann sitze ich acht Minuten draussen, komme wieder rein. So ist es schwierig, ins Spiel zu kommen. Aber eben: Wir haben derzeit als Mannschaft Erfolg. Und nur das zählt.
Aber wissen Sie, wo Sie stehen? Ist man zufrieden mit Ihren Leistungen?
Ja, das ist ja das Lustige: Ich habe zuletzt sehr positives Feedback für mein defensives Verhalten erhalten. Gut backchecken konnte ich schon immer, schlittschuhlaufen auch. Ich habe aber manchmal das Gefühl, dass die Verantwortlichen gar nicht wissen, wozu ich eigentlich imstande wäre.
Wie wollen Sie wieder aus diesem Tief herausfinden?
Es gibt nur etwas: Hart arbeiten neben dem Eis. Ein paar zusätzliche Stunden im Kraftraum verbringen, damit ich die Kondition nicht verliere. Wichtig ist auch, dass ich ruhig bleibe. Ich rede viel mit meinen Kollegen. Mein Bruder Adrian (spielt derzeit beim EHC Olten; die Red.) schaut sich alle meine Spiele an und sieht es ähnlich wie ich. Er versucht, mir gut zuzureden und mich zu ermutigen. Aber es ist schon frustrierend. Ist ja auch logisch, weil ich hohe Erwartungen an mich selber habe. Vielleicht brauche ich auch einfach nur mal einen «Lucky Bounce», ein glückliches Tor, um wieder Selbstvertrauen zu bekommen. Das Gute ist, dass die Saison lang ist. Wir haben erst 17 von 82 Spielen absolviert. Kann sein, dass ich noch weitere zehn Spiele einen Käse zusammenspiele. Den Kopf in den Sand stecken kann ich nicht. Jetzt zählt der Willen, der Biss, das Beste aus der Situation zu machen.
Irgendwie hat man das Gefühl, dass Sie nicht wirklich zu dieser sehr konservativen Organisation mit all ihren Regeln und ihrer auf Disziplin bedachten Kultur passen.
Ich bin schon eher ein Freigeist (lacht). Aber das heisst nicht, dass ich mich nicht an Regeln halten kann. Und man muss sehen, dass die Devils mit ihrer Philosophie in den vergangenen 30 Jahren sehr viel Erfolg hatten.
Trauern Sie dem Entscheid, Detroit verlassen zu haben, nicht nach?
Nein, ich stehe zu diesem Entscheid. Ich will mich wirklich nicht beklagen. Ausserdem ist es vielleicht gut, wenn es mal nicht gut läuft. Ich bin während meiner Karriere schon oft in schwierigen Situationen gewesen. Auf dem Weg hierhin, in die NHL, gab es einige Tiefs, die ich überwinden musste.
Fürchten Sie um Ihren Platz im Olympia-Team, wenn es so weiter geht?

Nein. Denn man muss schon sehen: Auf dem grossen Eisfeld kommen meine Qualitäten sicher besser zur Geltung. Ich mache mir keine Sorgen, dass ich irgendwelche Anpassungsschwierigkeiten habe. Ich passe mich hier ja auch an (lacht).
Immerhin können Sie in derselben Mannschaft wie die Superstars Martin Brodeur und Jaromir Jagr spielen. Wie ist Ihr Verhältnis zu diesen beiden Eishockey-Legenden?

Das ist natürlich schon speziell. Beides sind tolle Typen. Ganz lieb, bodenständig und sehr hilfsbereit. (Brunner schaut zu Jagr, der gegen Nashville eben seinen 1700. (!) Skorerpunkt in der NHL verbucht hatte, rüber. Der 41-jährige Tscheche sitzt vor seinem Garderobenplatz am Boden und blickt auf sein Handy): Hast Du viele Glückwünsche erhalten? Jagr: «Nein, ich habe keine Freunde». (Gelächter)