Eishockey
Raeto Raffainer, der neue Sportchef des SC Bern, im Interview: «Nachfolger von Marc Lüthi? Das ist eine provokative Frage!»

Der neue Sportchef Raeto Raffainer geht davon aus, dass der SC Bern erst in drei Jahren wieder ein Spitzenteam sein wird

Klaus Zaugg
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Berns Raeto Raffainer (l.) im Gespräch mit Klaus Zaugg.

Berns Raeto Raffainer (l.) im Gespräch mit Klaus Zaugg.

Marcel Bieri / KEYSTONE

Warum haben Sie eigentlich Davos verlassen? Sie sind Bündner, Sie haben oft davon gesprochen, dass es sozusagen eine Herzensangelegenheit ist, für den HCD zu arbeiten.

Raeto Raffainer: Weil ich in Bern eine Arbeit bekomme, die für mich im Schweizer Eishockey eine einzigartige Aufstiegsmöglichkeit bietet. Der Job in Bern ist einmalig.

Wohl wahr: Sie sind Sportchef und haben mit Florence Schelling eine Untersportchefin, mit Alex Chatelain einen Nebensportchef und wenn wir so wollen darüber hinaus mit Verwaltungsrat Mark Streit noch einen Schattensportchef und mit SCB-Mitbesitzer Roman Josi einen Fernsportchef.

Es macht Ihnen offensichtlich Spass auf dem SCB herumzureiten, nicht wahr?

Nein. Ganz und gar nicht. Was bietet denn der Job in Bern, was Sie in Davos oben nicht hatten? Sie sind in Bern offiziell «Chief Sport Officer.» Also «Sportchef». Das, was Sie schon beim Verband und in Davos waren. Was ist der Unterschied zum Job in Bern?

Als Sportchef kümmere ich mich persönlich ums Tagesgeschäft. Um die Verträge, die Transfers, das Scouting und jeden Tag um das Wohl der Mannschaft. Ich bin ständig unterwegs, mit der Mannschaft oder zum Scouting in anderen Stadien. In Bern ist dieser Alltag nicht mehr meine Aufgabe. Ich kümmere mich auf der Stufe Geschäftsleitung in der grössten Hockeyorganisation der Schweiz um die Entwicklung des gesamten Sportbereiches. Das Alltagsgeschäft führen Sportchefin Florence Schelling, Nachwuchschef Marc Weber und Alex Chatelain ist für die Scouting-Abteilung verantwortlich. Meine Aufgabe ist es, die sportliche Strategie für den SCB zu entwickeln. Wer sind wir, wohin wollen wir, was müssen wir tun, um dorthin zu kommen, wo wir hinwollen.

Der neue starke Mann beim SCB: Raeto Raffainer.

Der neue starke Mann beim SCB: Raeto Raffainer.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Also wird Florence Schelling die Verträge aushandeln und Transfers einfädeln?

Ja. Sie wird, wie alle Angestellten im Sport, eine faire Chance bekommen ein Teil des «neuen» SCB zu sein.

Wahrscheinlich wäre sie bei Ihnen mit dem Trainer-Vorschlag Don Nachbaur nicht durchgekommen.

Das behaupten Sie.

Wir wollen nicht grübeln. Sie sind 39 und ehrgeizig und haben nun in Bern die höchste Stufe im Sportmanagement bereits erreicht. Welche Ziele haben Sie noch?

Mein Ziel ist es in Bern im Sport einen guten Job zu machen. Ein Mandat im internationalen Eishockeyverband würde mich zudem noch reizen. Aber kommt Zeit, kommt Rat.

Könnte es sein, dass Sie in ein paar Jahren bereit sein werden, die Sportabteilung zu verlassen und doch CEO zu werden?

Das ist denkbar, aber weit weg.

Dann ist Ihre Karriere-Planung perfekt.

Wie meinen Sie das?

In fünf oder sechs Jahren wird beim SCB die Nachfolgeregelung von CEO Marc Lüthi ein Thema.

Das ist eine rein provokative Frage.

Raffainer könnte dereinst Marc Lüthi als CEO des SCB beerben.

Raffainer könnte dereinst Marc Lüthi als CEO des SCB beerben.

Claudio Thoma / freshfocus

Aber CEO beim SCB wäre schon ein Ziel für einen ehrgeizigen 39-jährigen Sportmanager.

Ich wiederhole mich gerne: dann müsste ich aus dem Sport und dafür bin ich heute nicht bereit.

Vor gut drei Jahren weibelten Sie als Verbands-Sportdirektor für die Ablehnung einer Erhöhung der Ausländer. Nun ist Marc Lüthi Ihr neuer Chef. Haben Sie die Meinung geändert?

Ich habe meine Meinung nicht geändert. Aber inzwischen Verständnis dafür, dass der Sport eine gewisse Zeit lang nicht mehr erste Priorität hat. Die angedachte Erhöhung der Ausländer hat einen riesigen Einfluss auf unsere Liga. Dieser Schritt ist sehr gefährlich und ich warne ausdrücklich davor, die Folgen zu unterschätzen. Wir brauchen begleitend eine Strategie. Es geht auch um den Auf- und Abstieg, um die Ausbildung und das Financial Fairplay. Wir müssen also etwas tun, um die Lohnkosten in Griff zu bekommen und der Sport steht vorübergehend nicht im Mittelpunkt.

Eishockeyunternehmen produzieren Sport und nur wenn der Sport gut ist, bleibt dieses Geschäft gesund.

In den letzten 20 Jahren stand bei unserem Eishockey tatsächlich der Sport im Zentrum. Deshalb haben wir diese Entwicklung gemacht. Wir haben uns im Ausland ein riesiges Ansehen erarbeitet. Wir werden dafür bewundert, was wir aus unserem begrenzten Potenzial herausholen. Das ist uns nur gelungen, weil bei allen Diskussionen stets der Sport im Zentrum stand.

Der SC Bern hat den höchsten Zuschauerschnitt Europas. Entsprechend trifft ihn die Pandemie mit leeren Rängen besonders hart.

Der SC Bern hat den höchsten Zuschauerschnitt Europas. Entsprechend trifft ihn die Pandemie mit leeren Rängen besonders hart.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Und nun nicht mehr…

…weil wir durch die Pandemie eine ganz besondere wirtschaftliche Situation entstanden ist.

Sie haben einen guten Überblick über die Liga…

…erst recht von Davos oben, da schaut man ja aufs Flachland hinunter.

Richtig. Wenn Sie also so übers Land und die Liga blicken: wie lange braucht der SCB, um in die Spitzengruppe zurückzukehren?

Drei Jahre.

Warum drei Jahre?

Der SCB befindet sich im Umbruch und ein Umbruch braucht Zeit. Das geht nicht von heute auf morgen.