Kommentar
Eishockey-Paradies mit Nebenwirkungen

Am Montag wurde beim HC Lugano der mittlerweile dreizehnte Trainer seit dem Meistertitel 2006 abgesetzt. Ein Kommentar zur Entlassung von Doug Shedden.

Marcel Kuchta
Marcel Kuchta
Merken
Drucken
Teilen
Doug Sheddens Tage in Lugano sind gezählt, da hilft auch jeglicher Beistand von oben nicht mehr.

Doug Sheddens Tage in Lugano sind gezählt, da hilft auch jeglicher Beistand von oben nicht mehr.

Keystone

Im Zusammenhang mit dem Profisport wird oft von der sogenannten Leistungskultur gesprochen. Wer auf höchstem Level erfolgreich sein will, der muss bereit sein, alles diesem unbedingten Erfolgswillen zu unterstellen.

Jeder Eishockey-Klub lässt vor dem Saisonstart verlauten, dass man in diesem Jahr diesen Prinzipien besonderes Gewicht geben will. Jeder Trainer schreibt sich das Motto des «unbedingten Erfolgswillens» auf die Fahne. Und doch sind sowohl der Klub als auch der Trainer machtlos, wenn die Hauptdarsteller nicht mitziehen: die Spieler.

In Lugano lässt sich dieses Phänomen mittlerweile seit über zehn Jahren beobachten. Die Trainer kommen und gehen, der Groove bleibt bestehen. Unter den Palmen an den Gestaden des Lago di Lugano existiert ein Eishockey-Paradies, welches aber auch gravierende Nebenwirkungen mit sich bringt.

Der Lohn ist gut, das Klima wunderbar, die Lebensqualität hervorragend. In diesem Mikrokosmos an die Leistungsgrenze zu gehen und sich einem Ziel unterzuordnen, fällt offensichtlich einem Grossteil der Spieler schwer. Mit der der Entlassung von Doug Shedden haben sich seit dem Meistertitel 2006 mittlerweile dreizehn Trainer gegenseitig die Klinke in die Hand gegeben. Harte Hunde, Menschenversteher, Pragmatiker, Taktikfüchse. Sie alle sind letztlich daran gescheitert, dass in Lugano die Spieler mehr Macht haben als der Trainer.

Es ist wunderbar, Stars wie Linus Klasen, Damien Brunner oder Grégory Hofmann beim Zaubern auf dem Eis zuzuschauen. Titel gewinnen kann man mit dieser Magie aber nur, wenn letztlich doch alle Spieler an einem Strang ziehen und die Vorgaben des Trainers auf dem Eis konsequent umsetzen.

Gibt es einen Trainer, der diesen Klub erfolgreich coachen kann?

Die Frage stellt sich nun, nach der Entlassung des Trainers, der den HC Lugano in der vergangenen Saison nach fast zehnjähriger Erfolglosigkeit immerhin mal wieder in einen Playoff-Final geführt hat: Gibt es überhaupt einen Menschen, der diesen Klub langfristig erfolgreich coachen kann?

Die ernüchternde Antwort lautet: nein. Denn der Hund liegt woanders begraben. Oder um ein anderes Sprichwort zu bemühen: Der Fisch stinkt beim HC Lugano vom Kopf her.

Die milliardenschwere Familie Mantegazza ist es, die Spitzeneishockey in Lugano seit weit über 30 Jahren ermöglicht. Mit Vicky Mantegazza steht nun seit einigen Jahren eine Frau an der Spitze der Organisation, die mit viel Herzblut bei der Sache ist. Sie verlässt sich in sportlichen Belangen auf die Arbeit von Sportchef Roland Habisreutinger, dem es regelmässig gelingt, Spitzenkräfte nach Lugano zu locken.

Lugano-Präsidentin Vicky Mantegazza.

Lugano-Präsidentin Vicky Mantegazza.

Keystone

Es passt ins grosse Bild hinein, dass die «Bianconeri» im Hinblick auf die kommende Saison mit Luca Cunti zwar einen überaus talentierten Spieler holen, der aber von seiner Art und seiner Spielweise her eher der Fraktion der taktischen Freigeister zugeordnet werden muss. Genau hier hört das Konzept auch schon wieder auf.

Viel Glück dem Trainer, der sich als Nächstes in der Kunst versuchen darf, diese Anhäufung von Paradiesvögeln zu einer Einheit zusammenzuführen. Greg Ireland übernimmt. Für die kommende Saison ist Kevin Schläpfer im Gespräch.