Eishockey NLA
Eishockey ist, wenn der SC Bern gewinnt

Trainer Kari Jalonen hat eine toxische, taktische Variante entwickelt – der SC Bern ist Final-Favorit.

Klaus Zaugg
Drucken
Teilen
Die Berner Spieler freuen sich über den Finaleinzug.

Die Berner Spieler freuen sich über den Finaleinzug.

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

Wenn wir erklären wollen, wie der SCB spielt, dann finden wir eine Antwort, wenn wir beim Gegner vorbeischauen. Die Berner haben im Penaltyschiessen den vierten Sieg gegen Lugano erreicht und damit den Finaleinzug gesichert. Die Zeiger rücken gegen Mitternacht. Im Bärengraben, dem Vorhof zu den Kabinen, steht Luganos Verteidigungsminister Philippe Furrer. Der freundliche Titan, der mit dem SCB dreimal Meister war, kann es noch immer nicht fassen, was ihm und seinen Kameraden widerfahren ist.

Der WM-Silberheld, seit 2015 in Lugano, ist erstaunlich gut gelaunt. «Das ist verrückt», sagt er. «Ich müsste wütend und traurig sein. Aber ich bin es noch nicht. Ich kann es einfach immer noch nicht glauben, dass es vorbei ist. Wir haben so gut gespielt, wir hatten das Spiel erneut unter Kontrolle. Mir ist, als müssten wir am Samstag erneut spielen. Es kann einfach nicht sein, dass schon Schluss ist ...» Die Enttäuschung werde er wohl erst im Laufe der Nacht realisieren.

SCB-Sieg ein Naturgesetz

Es ist ungläubiges Staunen über ein bitteres Scheitern. Der SCB war in diesem Halbfinal zwar in Spiel zwei und drei klar im Vorteil. Aber in Spiel eins, vier und fünf war Lugano besser – und gewann doch nur die erste Partie. Der SCB gewinnt im Frühjahr 2017 wie der FC Basel, wie Bayern München, wie die Deutsche Nationalmannschaft – wie grosse Teams eben. Der Gegner kann machen, was er will – am Ende steht der SCB-Sieg mit der Unerbittlichkeit eines Naturgesetzes.

Kari Jalonen Trainer SC Bern «Glück? Grosse Mannschaften haben Glück.»

Kari Jalonen Trainer SC Bern «Glück? Grosse Mannschaften haben Glück.»

KEYSTONE/AP NY/MICHAL KAMARYT

Der grosse Bandengeneral Kari Jalonen hat eine toxische, taktische Variante entwickelt. Eine Mannschaft mit dem Talent zum Titanen, die ihre Gegner eigentlich dominieren könnte, lässt er das System des unterlegenen Aussenseiters spielen. Es ist die ureigene finnische Hockeyphilosophie. Die Finnen sind zwar bei einer WM dazu in der Lage, mit Lauf- und Tempohockey nominell schwächere Gegner vom Eis zu fegen.

Aber ihr Erfolgsrezept gegen die Titanen des Welteishockeys ist seit je schlaues, elastisches, defensives Schachspiel mit schnellen Gegenstössen. Der SCB spielt unter dem ehemaligen finnischen Nationaltrainer eine geduldigere, ruhigere, gepflegtere, in der Angriffsauslösung kultiviertere, kreativere Version von Guy Bouchers hektischem Betonhockey. Abgesichert von Leonardo Genoni, dem besten Torhüter der Liga. Guy Boucher wurde vergangene Saison in Bern gefeuert und kommandiert jetzt in Ottawa ein NHL-Team.

Guy Boucher wurde vergangene Saison in Bern gefeuert und kommandiert jetzt in Ottawa ein NHL-Team.

Guy Boucher wurde vergangene Saison in Bern gefeuert und kommandiert jetzt in Ottawa ein NHL-Team.

KEYSTONE

«Kari Boucher» hat in diesem Halbfinal eine Mannschaft am taktischen Zügel zurückgehalten, die losstürmen und Lugano durch rollende Einsätze von vier Linien hätte hinwegfegen können. Ein Witz erklärt diese Spielweise gut: Vater und Sohn Bulle stehen oben auf dem Hügel und beobachten eine Herde knackiger junger Kühe. Sohn Bulle sagt: «Komm Vater, lass uns sofort runterrennen und eine besteigen.» Doch Vater Bulle mahnt weise: «Mein Sohn, lass uns in aller Ruhen hinuntergehen und alle besteigen.»

Dann auch noch das Glück ...

Der SCB spielt also unheimlich zielgerichtetes Zweckhockey. Und weil die Berner auch noch Glück hatten, war Lugano chancenlos. Kari Jalonen sagt: «Glück? Grosse Mannschaften haben Glück.» Wir können auch sagen: Glück macht grosse Mannschaften. Die Art und Weise, wie der SCB diesen Halbfinal gewonnen hat, lässt fast nur einen Schluss zu: So wird man Meister. Helvetisches Eishockey 2017 ist, wenn der SCB am Ende doch gewinnt.

Aktuelle Nachrichten