Eishockey
«150 Meter unter dem Gipfel des Mount Everest» – wie ein kurioser Modus Biel viel Geld kostet und die ZSC Lions womöglich die direkte Playoff-Qualifikation

Wegen Biels Quarantäne ist in der National League nun der Punktequotient für die Tabelle massgebend.

Klaus Zaugg
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Der Zuger Justin Abdelkader (Mitte) bedrängt die Zürcher Abwehr mit Maxim Noreau (links) und Torhüter Ludovic Waeber.

Der Zuger Justin Abdelkader (Mitte) bedrängt die Zürcher Abwehr mit Maxim Noreau (links) und Torhüter Ludovic Waeber.

Walter Bieri/Keystone

64 Jahre mussten vergehen, bis ein uralter Traum der Kommunisten doch noch Wirklichkeit geworden ist. DDR-Staatschef Walter Ulbricht verkündete 1957 das Ziel, die BRD wirtschaftlich und sozialpolitisch zu übertreffen mit dem berühmten Satz: «Überholen ohne einzuholen». Eigentlich ist das unmöglich. Ich kann nicht auf meiner Position stehen bleiben und dabei jemanden überholen.

Am 5. April muss die Qualifikation fertig sein

Doch im Schweizer Eishockey ist das Unmögliche möglich geworden. Weil nicht mehr alle zwölf Teams in der Qualifikation 52 Partien bestreiten können, wird die Tabelle nicht mehr nach Punkten erstellt. Sondern nach Punkten pro Spiel.

Das führt dazu, dass eine Mannschaft in der Tabelle vorrücken kann, ohne zu spielen. Überholen ohne einzuholen.

Aufzeigen lässt sich dieses Kuriosum am Beispiel der ZSC Lions. Biel ist für vorerst zwei Spiele in die Quarantäne geschickt worden und konnte deshalb die Partien am Freitag gegen Servette und am Samstag in Lausanne nicht spielen.

Noch ist offen, wie lange die Bieler ausgeschlossen bleiben. Fest steht nur: die verschobenen Spiele können in der Schlussphase nun nicht mehr nachgeholt werden. Am 5. April muss die Qualifikation abgeschlossen werden.

Mit 1,630 Punkten pro Spiel steht Biel auf dem siebten Platz. Die ZSC Lions sind mit 1,688 Punkten pro Spiel auf Rang fünf klassiert. Kann Biel die nächsten zwei Partien in Rapperswil-Jona und gegen Ambri nicht bestreiten und die ZSC Lions verlieren ihre zwei nächsten Spiele gegen Ambri und in Davos nach 60 Minuten, dann fallen sie mit einem Punkteschnitt von 1,620 hinter Biel (1,630) zurück.

Biel kann also die ZSC Lions überholen, ohne zu spielen und zu punkten.

Das hat es so in der mehr als hundertjährigen Geschichte unseres Mannschaftsportes noch nie gegeben.

ZSC-Manager Peter Zahner (links)

ZSC-Manager Peter Zahner (links)

Claudio Thoma

ZSC-Manager Zahner: «Der Modus war frühzeitig bekannt»

Auch wenn die Zürcher unter Umständen durch die kuriose Formel die direkte Playoff-Qualifikation verpassen, sieht ZSC-Manager Peter Zahner keinerlei Grund zur Klage oder Kritik: «Der Modus war frühzeitig bekannt, er ist für alle gleich und nun muss eben jeder daraus das Beste machen.»

Spielplan-General Willi Vögtlin hatte alles Menschenmögliche unternommen damit jede Mannschaft auf 52 Spiele kommt. Insgesamt hat er 84 von 312 Partien neu angesetzt. Seine heroischen Bemühungen sind durch die Quarantäne von Biel in letzter Minute durchkreuzt worden. Er ärgert sich: «Ich komme mir vor wie wenn ich 150 Meter unter dem Gipfel des Mount Everest doch noch umkehren muss.»

Zwei Klassierungen stehen fest

Ob die Formel Punkteschnitt pro Spiel am Ende eine andere Tabelle ergeben könnte als Punkte pro Spiel – also alle Varianten, was wäre, wenn - hat Willi Vögtlin nicht durchgerechnet. «Das wäre viel zu kompliziert. Es bleibt nichts anderes übrig als die Tabelle am Ende der Qualifikation abzuwarten…» Fest stehen erst zwei Klassierungen: Zug ist definitiv Qualifikationssieger und die Langnauer kommen nicht mehr vom letzten Platz weg.

Müssen die Playoffs wegen Quarantäne-Fällen abgebrochen werden, ist Zug Meister. Wenn sie zum Zeitpunkt des Abbruchs noch in den Playoffs sind. Wären sie es nicht, gäbe es nach 2020 zum zweiten Mal hintereinander keinen Meister.

Wer jetzt in der Schlussphase Heimspiele nicht austragen und nicht nachholen kann – wie am Freitag Biel gegen Servette und am Samstag Lausanne gegen Biel - erleidet allerdings sechsstellige Verluste. Der Bund entschädigt die Klubs nur für den Ticket-Einnahmeausfall bei ausgetragenen Spielen. Findet eine Partie nicht statt, gibt es kein Geld. Das macht pro Heimspiel gut und gerne 200'000 Franken aus.