Euro 2020
Einer holt sich die glatte Sechs – die Noten der Schweizer beim 3:1 gegen die Türkei

Meisterhaft, wie Vladimir Petkovic auf das enttäuschende 0:3 gegen Italien reagiert. Er wechselt nicht zu viel. Aber einer, den er neu für die Startaufstellung nominiert, spielt eine Weltklasse-Partie.

François Schmid-Bechtel
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Erstmals jubeln die Schweizer (v.l.Remo Freuler, Yann Sommer und Admir Mehmedi) an dieser EM nach einer Partie - 3:1 im Spiel der letzten Chance gegen die Türkei.

Erstmals jubeln die Schweizer (v.l.Remo Freuler, Yann Sommer und Admir Mehmedi) an dieser EM nach einer Partie - 3:1 im Spiel der letzten Chance gegen die Türkei.

Bild: Jean-Christophe Bott / EPA

Yann Sommer, Torhüter

Der Goalie im Baby-Hoch. Nach dem Italien-Match nach Hause geflogen und ganz knapp die Geburt der zweiten Tochter verpasst. Danach wieder zurück nach Rom zum Team, weiter nach Baku. Dort zeigt er sich in absolut fantastischer Form. Entschärft Ayhans (4.) Geschoss und pariert noch vor der Pause dreimal gegen Müldür, den linken Aussenverteidiger der Türken. Eine formidable Vorstellung. Note 5,5

Nico Elvedi, Innenverteidiger

Dass Müldür in der ersten Halbzeit offensiv so viele Akzente setzen kann, hängt zum Teil auch mit seiner Leistung zusammen. Es braucht seine Zeit, bis die defensive Abstimmung mit Silvan Widmer funktioniert. Und offensiv agiert er nach dem Motto: Nichts geht über einen sicheren, sauberen Kurzpass. Aber nach der Pause haben Elvedi und Widmer ihre Seite im Griff. Note 4,5

Manuel Akanji, Innenverteidiger

Auch er sieht nicht besonders gut aus, als Müldür in der 43. Minute erst Widmer und danach Elvedi stehen lässt. Abgesehen von dieser Szene und als er einmal Yilmaz (50.) aus den Augen verliert eine grundsolide Vorstellung. Und besonders beeindruckend: Mit seiner unaufgeregten Art ist er ein wichtiger Faktor dafür, dass die Schweiz in diesem Nervenspiel nie hektisch wird. Was wir von ihm aber auch schon häufiger gesehen haben: lange, präzise, raumöffnende Pässe aus der Abwehr. Note 4,5

Vladimir Petkovic bedankt sich bei Ricardo Rodriguez.

Vladimir Petkovic bedankt sich bei Ricardo Rodriguez.

Jean-Christophe Bott / EPA

Ricardo Rodriguez, Innenverteidiger

Die Position in der Dreierabwehr behagt ihm einiges mehr wie jene als linker Aussenläufer. Warum? In der Innenverteidigung fällt es ihm leichter, die läuferischen Defizite mit seiner Ballsicherheit und mit seinem Antizipationsvermögen zu kompensieren. Einmal, wirklich nur einmal agiert er zu passiv. Und prompt trifft Kahveci zum 2:1. Note 4,5

Silvan Widmer, rechter Aussenläufer

Er liefert sich einen Zweikampfmit Kevin Mbabu. Die ersten beiden EM-Partien durfte der Romand ran. Jetzt erhielt erstmals Widmer den Vorzug. Das Verdikt ist klar: Widmer ist der klare Punktsieger. Es ist nicht so, dass er eine berauschende Leistung gezeigt hätte. Er war schon besser, hat schon spektakulärere Auftritte gezeigt. Aber dem FCB-Verteidiger gelang gegen die Türken ein veritabler Steigerungslauf. Bekommt die Schweiz an dieser EM ein weiteres Spiel, ist wohl schon jetzt klar, wer die rechte Seite bearbeiten wird: Silvan Widmer. Note 4,5

Steven Zuber (rechts) zeigt gegen die Türkei eine absolut brillante Vorstellung.

Steven Zuber (rechts) zeigt gegen die Türkei eine absolut brillante Vorstellung.

Ozan Kose / Pool / EPA

Steven Zuber, linker Aussenläufer

Auch er steht erstmals an dieser EM in der Startaufstellung. Sein 38. Länderspiel ist sein bestes. Da sind einerseits seine drei Torvorbereitungen. Erst legt er für Seferovic auf. Danach zweimal für Shaqiri. Besonders brillant, wie er das 3:1 vorbereitet. Aber Zuber glänzt nicht nur als Vorbereiter, sondern sucht immer wieder auch selbst den Abschluss. Der Frankfurt-Legionär ist jenes unberechenbare Element im Spiel der Schweizer, das zuvor so vermisst wurde. Warum? Weil er nicht allein an der Seitenlinie klebt, sondern immer wieder die freien Räume sucht und diese auch mal im Zentrum findet. Und im Gegensatz zu Rodriguez, der in den ersten zwei Partien auf dieser Position spielte, bringt er die nötigen läuferischen Fähigkeiten mit. Note 6

Remo Freuler, zentrales Mittelfeld

Was bei ihm schon fast Programm ist: Er fällt selten auf. Aber mindestens eine prägnante Offensivaktion hat er fast immer. Gegen die Türken in der 65. Minute. Erst lässt er Yazici stehen, danach findet er mit einem Querpass Breel Embolo, der am nahen Pfosten knapp verpasst. Man wünschte sich mehr solcher Aktionen von Freuler. Erst recht, weil er im Dress von Atalanta Bergamo mehr Einfluss nimmt. Note 4,5

Granit Xhaka, zentrales Mittelfeld

Dass die Schweiz ihr behäbiges, pomadiges Spiel ablegt, vertikaler spielt und schneller umschaltet, hängt vor allem mit seinem Auftritt zusammen. Kein Vergleich zu seinen bisherigen Darbietungen an dieser EM, in denen er eher als Dirigent denn als Vorkämpfer auffiel. Und Xhaka setzte auch offensive Ausrufezeichen. Einerseits leitet er mit seinem Pass auf Zuber das 3:1 ein. Andererseits hat er Pech mit einem fulminanten Freistoss (77.), der vom Pfosten zurückprallt. Kurz: fussballerisch, mental und charakterlich eine grosse Leistung. Note 5,5

Xherdan Shaqiri: Zwei Tore und noch ein paar magische Momente mehr gegen die Türkei.

Xherdan Shaqiri: Zwei Tore und noch ein paar magische Momente mehr gegen die Türkei.

Claudio Thoma/Freshfocus

Xherdan Shaqiri, offensives Mittelfeld

Wer einen solchen schwachen Fuss hat... Wahnsinn! Was wurde er kritisiert, weil er zwei Spiele lang keinen wirklich genialen Moment hatte. Dann die 26. Minute: Zuber legt auf und Shaqiri schlenzt mit dem rechten Fuss ins rechte hohe Eck. Magistral, zauberhaft, ein Fünfsterne-Tor. Und Shaqiri legt nach. Dieses Mal mit seinem starken linken Fuss - 3:1 in der 68. Minute. Note 5,5

Haris Seferovic, Stürmer

Auch er war bislang eine grosse Enttäuschung an dieser EM. Weshalb es nicht überrascht hätte, wenn er gegen die Türken auf der Bank begonnen hätte. Doch «der Mann aus Sursee» kriegt von Trainer Vladimir Petkovic eine weitere Chance. Und nutzt diese: In der 6. Minute trifft er durch die Beine seines Gegenspielers Demiral bereits zum 1:0. Note 5

Breel Embolo, Stürmer

Nicht so auffällig wie in der zweiten Halbzeit gegen Wales. Dafür aber ein sehr konstanter Auftritt, ohne Hänger, ohne Flüchtigkeitsfehler. Embolo zeigt ein grosses läuferisches Engagement. Und er legt einmal phänomenal für Shaqiri auf, der in der 57. Minute versiebt. Note 5

Nicht bewertet weil zu kurz im Einsatz: Mario Gavranovic (75. für Seferovic), Ruben Vargas (75. für Shaqiri), Loris Benito (85. für Zuber). Admir Mehmedi (85. für Embolo). Kevin Mbabu (92. für Widmer).

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