Christian Fassnacht ist bester Laune. Er sagt: «Es fühlt sich sehr schön an. Ich hoffe, dass es so weitergeht.»

Ein paar Wochen erst sind vergangen seit seinem Wechsel von Winterthur zum FC Thun, als er sein erstes Interview gibt. Er könne kaum glauben, wie schnell er in der Super League Fuss gefasst habe und dass er in jedem Spiel in der Startaufstellung stehe. Trainer Jeff Saibene sagt: «Christian weiss, wo das Tor steht. Er ist schnell und polyvalent.»

Ein Jahr später hat dieser Christian nun an einem Tisch im Bauch des Stade de Suisse Platz genommen. Es ist der Tag vor dem Berner Derby. Für ihn geht es mit YB gegen seine vormaligen Thuner Kumpels. «Klar stehe ich mit vielen von ihnen in engem Kontakt», schmunzelt Fassnacht.

Er kann sich lebhaft daran erinnern, wie es vor einem Jahr war, als er mit Thun vor seinem ersten Derby stand. Im Stade de Suisse traf er sich mit Linus Obexer und mass sich für den Fotografen mit dem YB-Spieler im Armdrücken. Um danach selber das Handy zu zücken und das eindrückliche Stadion zu knipsen, in welchem er am nächsten Tag sein erstes Super-League-Tor erzielen sollte.

August 2016: Christian Fassnacht (Nummer 16) hat soeben gegen YB sein erstes Super-League-Tor erzielt.

August 2016: Christian Fassnacht (Nummer 16) hat soeben gegen YB sein erstes Super-League-Tor erzielt.

Jetzt ist Fassnacht ein wenig traurig, weil sein Cousin Obexer nicht mehr da ist. Ausgeliehen an Xamax, um Spielpraxis zu holen. Die Mütter der beiden sind Schwestern. Und Fassnacht hatte zu Beginn seiner Thuner Zeit bei Obexers Familie Gastrecht.

«Es fühlt sich sehr schön an. Ich hoffe, dass es so weitergeht.» Der 23-Jährige muss lachen, wenn er an seinen letztjährigen Satz denkt. Der passe zwar auch heute noch, brauche aber eine Steigerung. Etwa in dieser Art: «Es fühlt sich alles noch viel schöner an. Ich hoffe, dass es exakt so weitergeht.»

Ein eiskalter Torschütze

Nachdem er es beim FC Thun in seiner ersten Super-League-Saison auf 35 Einsätze und zehn Tore gebracht hatte, ist er nun nämlich auch bei YB exzellent aus den Startlöchern gekommen. Aus dem selbst ernannten Thuner Chancentod ist ein eiskalter Torschütze geworden. In fünf Spielen hat er drei Tore erzielt. Eines davon in der Champions-League-Qualifikation in Kiew, dem ersten internationalen Auftritt seiner Karriere.

«Der ganze Trip − Flug, Hotel, Training, Spiel, Medienrummel − war ein grossartiges Erlebnis», sagt Fassnacht. Der aber vor allem sein per Hechtköpfler erzieltes Tor nie vergessen wird. Zumal dieses nach dem 2:0 im Rückspiel den Aufstieg in die Playoffs bedeutete. «Klar wäre Liverpool jetzt ein fantastischer Gegner gewesen, doch gegen ZSKA Moskau sind die Chancen grösser, uns den Traum von der Champions League zu erfüllen», sagt Fassnacht. «Liverpool sparen wir uns einfach für die Gruppenphase auf.»

Fassnacht (am Boden) erzielte in der Champions-League-Qualifikation auswärts gegen Kiew das einzige Berner Tor.

Fassnacht (am Boden) erzielte in der Champions-League-Qualifikation auswärts gegen Kiew das einzige Berner Tor.

Kein Zweifel, Fussballer Fassnacht hat gerade einen Flow. Alles läuft wie von selbst. Was gibt es Schöneres für einen Profi, als jeden dritten Tag zu spielen? Und wenn es dann noch so brisante, reizvolle und wichtige Partien sind wie heute gegen Thun, das Stadtderby im Cup am Samstag gegen Breitenrain und der Knüller am Dienstag gegen Moskau, dann wird alles noch viel schöner. «Ich erlebe das ja zum ersten Mal. Es ist unglaublich faszinierend», sagt Fassnacht.

Über den Regionalfussball zum Profi

Damit nicht genug: Schon am 19. August folgt die für den Zürcher hoch emotionale Begegnung mit dem FCZ. «Da ist für mich viel mehr drin als in einem normalen Spiel. Ich will dem FCZ zeigen, was er verloren hat, als er mich vor ein paar Jahren wegschickte», sagt Fassnacht. «Aber in erster Linie geht es natürlich schon um den Erfolg meines Teams.»

Von den Junioren Thalwils einst in die U13 des FCZ gekommen, beschieden ihm die Zürcher zwei Jahre später, er sei zu klein, er müsse gehen. Welch ein Schock für den glühenden FCZ-Fan, der sich nun einen anderen Weg suchen musste, um Profi zu werden. Einen Weg, wie ihn Renato Steffen gegangen war, nachdem dieser beim FC Aarau ausgemustert worden war und sich über den Regionalfussball an die Spitze hocharbeitete.

Fassnacht spielte bei Red Star und dann wieder beim FC Thalwil. Er schoss diesen in die 1. Liga, schloss die KV-Lehre ab und wurde von Trainer Adrian Allenspach zum FC Tuggen gelotst. Selbst enge Freunde sagten ihm, dass es nichts werde mit der Profikarriere. «Doch ich gab nie auf, glaubte an mich», sagt Fassnacht, der es dank einem späten Wachstumsschub heute auf 1,85 Meter bringt.

Christian Fassnacht bei der YB-Mannschaftspräsentation vor der Saison 2017/18.

Christian Fassnacht bei der YB-Mannschaftspräsentation vor der Saison 2017/18.

Für Tuggen schoss er auch in der Promotion League viele Tore. Er wurde vom Thuner Sportchef Andres Gerber beobachtet. Allenspach funktionierte den Flügel zur Sturmspitze um und sagt dazu: «Christian läuft immer dorthin, wo er zum Abschluss kommt. Er erhält dadurch in jeder Halbzeit mindestens zwei Torchancen.»

Eine seltene Gabe. Eine, die den ehrgeizigen, aber bodenständigen Spätzünder sogar in die Nati bringen könnte. «Ich traue es ihm zu», sagt Allenspach, dem der FC Winterthur das Juwel bereits nach der Vorrunde weggeschnappt hatte.

Die Glückszahl 16

Schon in diesem Sommer hätte Fassnacht ins Ausland wechseln können. Zu früh, denkt er selber. Auch der FCZ wollte ihn wieder haben. «Mit YB habe ich die richtige Wahl getroffen», ist Fassnacht überzeugt. Seine fussballbegeisterte Familie besucht seine Spiele wenn immer möglich. Die beiden älteren Brüder, die im Amateurbereich kicken, sind stolz auf Christian.

Auch sie tragen die Nummer 16; eine Glückszahl. «Das Elternhaus trägt die Hausnummer 16 und 2016 war das Jahr, als ich den Sprung in die Super League schaffte», erklärt Fassnacht. Bei YB hat er die «16» dem Kollegen Seferi abgeluchst. «Sie bedeutet mir wirklich viel», sagt Fassnacht. Zu dieser Begeisterungsfähigkeit für eine Zahl passt, dass er sich auch beim Geburtsdatum nicht lumpen liess und an einem 11.11. zur Welt kam. Wie es sich für einen seines Namens gehört.

Mit der Fastnacht allerdings hat er es nicht so. Dafür umso mehr mit der Mode. Mit einem Freund zusammen ist er dabei, ein Geschäft aufzubauen. Bald wird der Onlineverkauf anlaufen, später dann ein ganz spezieller Laden eröffnet. «Noch darf ich nicht sagen, was wir planen», sagt Fassnacht.

Seine ganze Konzentration gilt derzeit ohnehin dem Fussball. Der Flow soll ja noch ein Weilchen anhalten.