Gschobe #64

Einen hat Jogi Löw beim Ausmisten vergessen

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 46 und 49, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell David, Lehrer, Speicher AR Tobias, Consultant, Zürich Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG François, Journalist, Windisch.

Tobias: Welch Götterdämmerung im deutschen Fussball. Thomas Müller, Jérôme Boateng und Mats Hummels – notabene drei Weltmeister von 2014 – sind von einem Tag auf den andern nicht mehr deutsche Nationalspieler. Alle drei von Trainer Jogi Löw bedenkenlos aussortiert.
David: Tja, der Typ hat zweifellos Eier. Wahrscheinlich hat es ihn einfach gejuckt, wie damals an der EM 2016.

Flavio: Und ein gutes Näschen hat er auch, wie wir seither wissen.
Tobias: Von wegen! Löw hat die letzten Jahre so ziemlich alles verkehrt gemacht, was man verkehrt machen kann.

Pius: Ich verstehe die Empörung in dieser Angelegenheit nicht. Gewiss sind Müller, Boateng und Hummels verdiente Spieler mit beeindruckendem Leistungsausweis. Aber es sind auch Spieler, die ihren Zenit überschritten haben. Wann, wenn nicht jetzt, soll Löw das Nationalteam verjüngen? Schliesslich bleibt ihm mehr als ein Jahr Zeit, um Deutschland für die EM fit zu machen. Stellt euch vor, Löw würde keine Veränderungen vornehmen und nächstes Jahr scheitern. Dann würde die ganze Republik Löw als Ewiggestrigen diskreditieren und ihm den verschlafenen Umbruch vorwerfen.

François: Ich bitte dich! Müller, Boateng und Hummels sind immer noch wichtige Spieler
beim FC Bayern München. Allzu viel von ihren Qualitäten können sie also nicht eingebüsst haben. Denn Bayern ist bei aller Sympathie für die Bundesliga der einzige deutsche Klub, der mit der europäischen Elite mithalten kann. Kurz: Wer auf drei Spieler dieses Formats verzichten kann, hat keine Zukunftssorgen.

Tobias: Richtig. Denn bei aller Begeisterung für den Jugendwahn: Die drei sind Stand heute nicht gleichwertig ersetzbar. Aber es ist weniger der sportliche Aspekt, der einen unappetitlichen Beigeschmack verströmt.

Flavio: Ich sags ja: Löw und guter Geschmack, das passt nicht zusammen.
Pius: Ihr stimmt in den Chor der Entrüstung ein, wonach Löw anderweitig beschäftigt war, als der liebe Gott die Empathie verteilte. Ich gebe zu, Löw hat den Generationenwechsel ziemlich sec durchgezogen. Aber soll man jedem, der mal eine gute Zeit im Nationalteam hatte, zum Abschied einen Themenabend im ZDF widmen und ein Abschiedsspiel auf dem Mond organisieren?

David: Wenn es stimmt, dass Löw die Spieler innerhalb von zwei Minuten vor vollendete Tatsachen gestellt hat und unmittelbar danach die Öffentlichkeit mit vorgefertigten Statements informiert wurde, dann finde ich das respektlos.

François: Ach, ich vermisse ihn schon jetzt!

Tobias: Hä? Der Löw ist doch noch dabei!

François: Den Müller natürlich. Ein wunderbarer Kontrast zu diesen hochgezüchteten Jungprofis. Gewiss endete manch einer seiner Stolperer
auf dem Hosenboden. Aber immer geradeaus, schnörkellos, floskelfrei.

David: Der letzte Held der Fussballnostalgiker ist Geschichte in der deutschen Elf. Traurig. Ich wüsste gerne, wie seine Frau Lisa darüber denkt.

Pius: Vielleicht hat sie sich ein Schreibverbot auferlegt, seit sie Bayern-Trainer Kovac eine späte Einwechslung ihres Mannes vorwarf. Damals schrieb sie auf Instagram: «Mehr als 70 Min bis der mal nen Geistesblitz hat.»

Flavio: Wahrscheinlich denkt sie: Einen hat Jogi Löw beim Ausmisten vergessen . . . sich selbst.

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Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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