Magere Zwischenbilanz
Eine «schrecklich nette Familie»: Weshalb der ZSC an Ort tritt

Der ZSC bleibt unter den Erwartungen. Auf der Suche nach Erklärungen landet man beim Trainer. Beim charismatischen Schweden, der vier WM-Titel holte, klare Spielideen hat und von Prinzipien getrieben ist. Doch fehlt die Härte?

Klaus Zaugg Jetzt kommentieren
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Trainer Rikard Grönborg treibt sein Team an – charismatisch, aber auch genügend bissig?

Trainer Rikard Grönborg treibt sein Team an – charismatisch, aber auch genügend bissig?

Was ist mit den ZSC Lions los? Die teuerste Mannschaft der Ligageschichte muss sich in den zwei Partien in 24 Stunden gegen Tabellenführer Gottéron mit drei von sechs möglichen Punkten begnügen (3:4 n.P/5:4 n.P). Die Zürcher liegen weiterhin 15 Punkte hinter dem Leader auf Rang 6. Nun gibt es verschiedene Erklärungen, wenn ein Favorit seit Monaten die Erwartungen nicht erfüllt.

Wir können Sportchef Sven Leuenberger kritisieren. Aber da kommen wir nicht weit. Auf dem Reissbrett hat er ein Meisterteam zusammengestellt. Yannick Weber und Denis Malgin als Fehltransfers zu bezeichnen wäre geradezu boshaft. Die beiden bringen aus der NHL noch mehr Erfahrung, Professionalität und Talent in die Kabine und aufs Eis. Ludovic Waeber war in den zwei Partien wahrlich kein Lottergoalie. Vielmehr war er vor allem in der zweiten Partie in Zürich klar besser als Reto Berra. Die Ausländer sind zwar nicht überragend, eignen sich aber nicht zu Sündenböcken.

Grönborg, der Al Bundy der ZSC Lions?

Und so kommt es, dass wir auf der Suche nach einer Erklärung beim Trainer landen. Im dritten Jahr unter Rikard Grönborg (53) sind die ZSC Lions so etwas wie eine «schrecklich nette Familie» geworden. Es ist reine Bosheit, Rikard Grönborg in Anlehnung an diese US-Seifenoper als Al Bundy der ZSC Lions zu bezeichnen. Es ist nur eine neckische Parallele: Al Bundy bezieht seine ganze Autorität aus vier Touchdowns, die er in einem einzigen Spiel erzielte. Rikard Grönborgs Ruhm begründen vier WM-Titel in fünf Jahren mit Schweden.

Es stimmt, die ZSC Lions haben nie einen Titel mit einem schwedischen Trainer gewonnen. Alle Triumphe feierten Nordamerikaner. Aber Rikard Grönborg ist kein klassischer Schwede wie der gefeuerte Hans Wallson. Die ZSC Lions zelebrieren erfrischendes, schnelles, kreatives Energie- und Spektakelhockey. Keine Spur von skandinavischen Schablonen. Auch der klassische Vorwurf an den Trainer – kein System – trifft nicht zu. Einen Aufstand gegen den Chef gibt es sowieso nicht. Was ist es dann? Warum bleiben die ZSC Lions bereits in der zweiten Saison in Folge unter den Erwartungen?. Letzte Saison haben sie den Cupfinal gegen den SCB verloren, in den Playoffs war im Halbfinal Lichterlöschen und in der Champions Hockey League ist auch diese Saison schon alles vorbei. Das ist eine miserable Bilanz.

Wenn wir nach hockeytechnischen Gründen suchen, kommen wir nicht weit. Das Problem – oder besser: die Besonderheit – der ZSC Lions dürfte im Führungsstil ihres Chefs liegen. So wenig Grönborg taktisch ein typischer Schwede gilt, so sehr ist er es in einem Wesen und Wirken. An Charisma fehlt es ihm nicht. Er bringt seine Ideen überzeugend vor. Im Zentrum seiner Ausführungen stehen Prinzipien, die für alle gelten und er sieht eine Mannschaft als grosse Familie. Ein wenig mahnt er an einen charismatischen Lehrer in einer Rudolf Steiner-Schule. Erstaunlich, wie viele Nachlässigkeiten sich selbst so routinierte Leitwölfe wie Yannick Weber leisten. Aber es wird wohl sein, wie in einer Familie: Hauptsache, wir haben darüber geredet. Die ZSC Lions als «schrecklich nette Familie». Ist das der richtige Weg, um aus den Zürchern bissige, meisterliche Löwen zu machen? Es kann funktionieren. Weil die Playoffs eigentlich den emotionalen Extra-Kick bringen müssten. Also den Trainer nicht mit einem hitzköpfigen nordamerikanischen Schmirgelpsychologen ersetzen? Nein, diese beiden kurzweiligen Partien gegen Gottéron haben bezeigt: das macht absolut keinen Sinn. Aber wenn die ZSC Lions mit dieser Mannschaft im Titelkampf scheitern – nicht wenigstens in den Final kommen – dann wird Sportchef Sven Leuenberger bei der Saison-Schlussanalyse zu Geschäftsführer Peter Zahner sagen: «Wir hätten den Trainer doch feuern sollen.» Hinterher ist man eben immer schlauer.

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