Super League
Eine Niederlagen-Serie und ein Sportchef als Gegenspieler? GC-Trainer Pierluigi Tami nimmt Stellung

Bei GC sieht es zurzeit nicht gut aus: Nur vier Punkte trennen die Zürcher vom Abstiegsplatz, im neuen Jahr gelang noch kein Sieg. Trainer Pierluigi Tami über die Zukunft, die Jungen und fehlende Mentalität.

François Schmid-Bechtel und Etienne Wuillemin
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GC-Trainer Pierluigi Tami: «Wenn wir nur Probleme sehen, werden die Probleme noch grösser.»

GC-Trainer Pierluigi Tami: «Wenn wir nur Probleme sehen, werden die Probleme noch grösser.»

Chris Iseli

Muss man sich Sorgen machen um die Zukunft von GC?

Pierluigi Tami: Über die Finanzen kann ich nicht sprechen. Aber sportlich muss man sich keine Sorgen machen. Die Situation ist nicht einfach. Darauf haben wir uns schon vor Saisonbeginn eingestellt. Was man aber nicht erwarten konnte, dass uns für die Rückrunde zwei wichtige Spieler nicht zur Verfügung stehen.

Sie sprechen von Teamleader Kim Källström, der den Vertrag aufgelöst hat und von Marko Basic, der sich das Kreuzband gerissen hat.

Ja. Insbesondere, dass uns Källström unmittelbar vor dem Rückrundenstart verlässt, hat unsere Planung gestört. Wir mussten eine neue Balance finden. Wir sind daran, diese wieder herzustellen. Wir erzielen auch Fortschritte. Aber wir befinden uns noch in der Entwicklung.

Wenn Källström fünf Tage für Rückrundenstart wegen fehlender Perspektiven nach Schweden flieht – was sagt das über GC aus?

Ich will Källströms Entscheid nicht kommentieren. Im Sommer haben wir eine neue Mannschaft aufgebaut. Jetzt, im Winter, mussten wir wieder eine neue Mannschaft aufbauen. Mein Gefühl ist: Wir machen einen Schritt nach vorne und wieder einen nach hinten.

Pierluigi Tami (55)

Seine Welt war lange das Tessin. Dort absolvierte er eine Lehre als Heizungs- und Sanitärmonteur. Dort war er auch als Defensivspieler für Chiasso, Locarno, Bellinzona und Lugano im Einsatz.

Später wurde er Trainer. Erst in Locarno, dann in Lugano, wo er im Frühjahr 2013 den Konkurs des Klubs erlebte. Ein Jahr später wechselte Tami zum Schweizerischen Fussballverband. Für Aufsehen sorgte er, als er mit der U21 an der EM 2011 den zweiten Platz erreichte.

Als ein Nachfolger für Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld gesucht wurde, warf Tami seinen Hut in den Ring. Aber ihm fehlte trotz seines Leistungsausweises die Lobby im Verband. Im Januar 2015 löste er Michael Skibbe als Trainer von GC ab.

Ist Källström der einzige Spieler, dem bei GC die Perspektiven fehlen? Oder haben andere Spieler auch Motivationsprobleme?

Källström unterscheidet sich stark von allen anderen GC-Spielern. Er hat eine grosse Karriere gemacht. Für ihn zählt nur der Sieg. Es gibt viele Spieler, deren Ziel es einzig ist, bei GC zu spielen.

Im Moment wird viel über finanzielle Probleme bei GC gesprochen. Ein elementares Thema, keine Frage. Aber wir dürfen den Sport nicht aus den Augen verlieren. Wir brauchen auch dort wieder Ambitionen.

Was sind zurzeit Ihre Ambitionen?

Ich will unsere vielen jungen Spieler besser machen. Und klar, ich will gewinnen.

Aber Sie treten bei GC an Ort. Leiden Sie darunter?

Anfang Saison lautete ein Ziel: Wir streben eine finanzielle Kontinuität und Stabilität an. Man könnte die gleichen Worte auf den Sport übertragen.

Aber das wurde nicht gemacht. Sind Sie bei GC unzufrieden?

Ein Trainer ist nie besonders zufrieden, wenn die besten Spieler verkauft werden. Ich akzeptiere, dass GC Transfererlöse erzielen muss. Auch wenn dieser Weg den sportlichen Fortschritt erschwert. Natürlich sind auch neue Spieler wie Emil Bergström gekommen, die einen wichtigen Beitrag leisten können. Aber er hat zuletzt fünf Monate lang fast nicht mehr gespielt.

Vor einem Jahr war der VfB Stuttgart an Ihnen interessiert. Haben sie es bereut, den Wechsel nicht vollzogen zu haben?

Die Gespräche waren nicht so weit fortgeschritten, dass ich hätte sagen können: Ich kann morgen unterschreiben und gehen. Es ist klar, dass ich Ambitionen habe. Und es ist klar, dass GC wieder höhere Ziele haben muss. Ich will auch eine grössere Identifikation bei unseren Spielern spüren. Es fehlt etwas.

Was genau?

Ich will den Hunger spüren. Wir müssen den Sport ins Zentrum stellen. Wer heute GC hört, wer über GC spricht – dann geht es nur immer um Geld, Geld, Geld. Und die Jungen setzen sich das Ziel, bei GC zu spielen. Für mich ist das ungenügend.

Wir haben hier überall Fotos hängen mit Pokalen. Was denken Sie, hatten diese Spieler für Ziele? Einfach mal zu spielen für GC? Nein, sie wollten etwas gewinnen! Da fehlt mir das nächste Ziel. Wir reden hier auch über Mentalität. Aber diese Mentalität kommt nicht von einem Tag auf den anderen.

Woher soll sie denn kommen? Das einzige, was GC noch hat, ist Tradition. GC ist Rekordmeister. Aber die heutige Spielergeneration mag sich wahrscheinlich nicht einmal mehr an 2003 erinnern, als GC zum letzten Mal Meister wurde.

Wir alle, die bei GC arbeiten, müssen diese Leidenschaft vorgeben. Zudem muss jedem bewusst werden, wie gross die Verantwortung ist, für GC zu spielen.

«Die richtige Mentalität kommt nicht von einem Tag auf den anderen.»

«Die richtige Mentalität kommt nicht von einem Tag auf den anderen.»

Chris Iseli

Gibt es Spieler, die eine Niederlage zu wenig tragisch nehmen?

Jeder zeigt seine Enttäuschung nach einer Niederlage anders. Auch hier sehe ich einen Prozess. Ich will meinen Spielern beibringen, was es bedeutet, Profi zu sein. Sie kommen ins richtige Leben, sie haben neue Beziehungen, neue Interessen. Es ist eine neue Welt.

In der Ausbildung wird ihnen allen der rote Teppich ausgelegt. Technisch, taktisch, physisch, es ist immer alles perfekt! Aber wenn sie ins richtige Leben kommen, spüren sie wahrscheinlich zuerst einmal einen harten Schlag ins Gesicht.

Plötzlich sind sie nicht mehr der Star. Sondern müssen kämpfen. Das sind sie sich nicht gewohnt. Es ist wie mit den eigenen Kindern: Manchmal müssen sie den Kopf anschlagen, sonst lernen sie nichts.

Was brauchen Sie für ein Bekenntnis von der Klubführung, was wollen Sie hören, damit sie über diese Saison hinaus weitermachen?

Schauen Sie, verglichen mit vor einem Jahr haben wir fast eine komplett neue Mannschaft. Wir haben so viele Spieler verkauft, gekauft. Jetzt hoffe ich wirklich, dass dieses Team zwei Jahre zusammenbleiben kann.

Schauen Sie sich um nach anderen Optionen?

Für wen, für die Spieler (lacht)?

Nein, für Sie selbst.

Es ist ein wichtiger Moment für mich. Der ganze Staff und ich haben gesagt: Wenn wir nur Probleme sehen, werden die Probleme noch grösser. Ich will mehr Positivität spüren. Ich will sehen, dass wir bereit sind, diese Herausforderungen anzunehmen.

Ich will sehen, dass die Mannschaft langsam Fahrt aufnimmt. Vorerst müssen wir die Saison auf Rang 5 oder 6 abschliessen. Danach möchte ich sehen, dass wir ein unser Level halten und bereit sind, eine andere nächste Saison zu spielen.

Mit einem gewissen Fundament.

Genau. Das ist wichtig. Ich möchte ein schönes Haus bauen. Aber momentan arbeiten wir im Untergrund. Ich suche ein Fundament.

Können Sie mit dieser Mannschaft überhaupt ein Fundament kreieren?

Ja!

Ja?

Ja. Ich glaube schon. Ich glaube, wir können eine Basis legen. Wir müssen das schaffen. Das ist mein Job. Sie glauben es nicht?

«Wir müssen das schaffen.»

«Wir müssen das schaffen.»

Keystone

Wir haben unsere Befürchtungen. GC hat es vor nicht allzu langer Zeit vorgemacht, wie eine erfolgreiche Mannschaft zu bauen ist. Über eine gute Achse.

Es kamen Salatic, Grichting, Bürki. Und darum herum konnte man die Jungen laufen lassen. Und diese wurden auch schneller besser. Momentan sehen wir diese Achse nicht. Umso besser, wenn Sie sie sehen. Aber Sie können ja nichts anderes sagen.

Es ist sehr wichtig, dass diese Jungen mein Vertrauen spüren. Es wäre sehr schlimm, wenn der Trainer kein Vertrauen hat. Ich kenne den Wert meiner jungen Spieler. Ich weiss, sie haben noch nicht alles gezeigt. Ich weiss aber auch, dass noch ein grosser Schritt nach vorne kommen muss.

Ich kann natürlich auch nicht zufrieden sein mit drei Niederlagen anfangs dieser Rückrunde. Und es ist auch kein Zufall, dass wir von sechs oder sieben Chancen wie gegen Sion alle verpassen. Das bedeutet: Es fehlt noch etwas.

Wie ertragen Sie es eigentlich, wenn Ihnen der Sportdirektor sagt, was Sie zu tun haben?

Das macht er nicht.

Wirklich? So haben wir es aber im «Blick» gelesen.

Nein, wirklich nicht. Manuel Huber hat viele Aufgaben. Da wäre es schwierig, auch noch taktische Überlegungen zu machen. In sportlichen Fragen hat er nie Einfluss genommen. Der Verein lässt mich zu 100 Prozent arbeiten.

Diese Geschichte mit den Jungen möchte ich kurz erklären: Die Frage war, welche jungen Spieler in die erste Mannschaft kommen. Das wollte ich nicht selbst entscheiden. Sonst hätte ich Politik gemacht. Es gibt viele gute Nachwuchs-Trainer bei uns, die jeden Tag mit den Jungen arbeiten. Dann sollen doch sie entscheiden, welche Spieler es verdient haben.

Ich bin nicht allwissend, nachdem ich zwei Trainings gesehen habe (lacht). Sie sehen: Alles läuft ganz normal.

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