Eine Million für schnelle Langlauf-Skis

Im Langlauf findet seit Jahren ein Wettrüsten beim Material statt – auch die Schweiz hat den Aufwand innert acht Jahren verdoppelt. Jetzt sucht der internationale Skiverband Mittel, um die Kosten einzudämmen.

Rainer Sommerhalder
Merken
Drucken
Teilen
Skipfleger, und erst noch mit dem richtigen Namen: Roger Wachs schleift und wachst die Loipenlatten. (Bild: Swiss Ski)

Skipfleger, und erst noch mit dem richtigen Namen: Roger Wachs schleift und wachst die Loipenlatten. (Bild: Swiss Ski)

Hippolyt Kempf ist in seinem Element. Für den Langlaufchef von Swiss Ski fühlt sich das Thema «Skizubereitung» wie ein Heimspiel vor ausverkauftem Haus an. «Ich habe in meinem Leben relativ viel überlegt», sagt der Horwer und beginnt zu reden. Fragen stellen muss man ihm dabei eigentlich nicht.

Alles begann mit der Weltmeisterschaft 2011 in Oslo. Dario Colognas Form hätte gepasst, aber er blieb mit seinen Ski buchstäblich im feuchten norwegischen Schnee kleben. Ein Desaster fürs Schweizer Team. Aber auch der Start zu einer imposanten Entwicklung unter Federführung von Kempf und Roger Wachs, dem Chef Service und Material. Sie haben mit viel Aufwand und grosser Hartnäckigkeit der Skipräparation im Schweizer Langlauf zu einer ganz neuen Qualität verholfen. «Wir haben bewusst den Kontakt zur Forschung und Industrie gesucht. Intelligente Köpfe machten sich Gedanken darüber, welche Innovationen uns helfen könnten.»

Die Norweger mieten eine ganze Skifabrik

Roger Wachs hat die Skizubereitung komplett neu organisiert und die Prozesse bis ins kleinste Detail optimiert. Mit der Konsequenz, dass sich heute rund doppelt so viele Personen bei Swiss Ski um den Materialbereich der Langläufer kümmern wie noch vor acht Jahren. Servicechef Wachs hat für den Weltcup sechs, für den Continentalcup vier und für die Tests der Skischliffe zwei Serviceleute zur Verfügung. An einem Wochenende wie jetzt in Davos sind alle Mitarbeiter im Einsatz.

Zudem hat sich der Job heute für vier Personen von der Saisonarbeit zur Ganzjahresbeschäftigung entwickelt. Denn bereits während des Sommers geschieht Entscheidendes. Das Material wird bestellt und bewirtschaftet. Während die Norweger im Sommer einen einzigartigen Aufwand betreiben, damit die Ski ganz nach ihrem Gusto hergestellt werden, bemühen sich die Schweizer ihrerseits, nach der Serienanfertigung die Ersten in der Skifabrik zu sein, um eine grösstmögliche Auswahl für den Einkauf vorzufinden.

Die Ski aller Kader werden zentral in Pieterlen gelagert, gepflegt, vermessen und geschliffen. Im Sommer 2017 waren es beispielsweise 776 Paar Athletenski. Auch der Stock an Testski, mit denen man Wachs- und Schleiftests vornimmt, ist auf stolze 60 Paar angewachsen. «Wir kennen dadurch die Athletenski viel besser und finden viel schneller Lösungen für die Skipräparation im Winter», sagt Kempf. Der Aufwand für die Materiallogistik hat sich seit 2011 verdoppelt.

Weil die im Langlauf führenden Norweger beim allgemeinen Wettrüsten nach wie vor die Nase vorne haben und auf mindestens dreimal so viele Ressourcen zurückgreifen können, müssen Kempf und Roger Wachs mit ihrem Team effizienter und schneller sein. «Je mehr Zeit wir an einem Wettkampfort für Materialtests auf der Strecke haben, umso grösser ist die Chance, dass der Athlet im Wettkampf den besten Ski unter den Füssen hat», erklärt Kempf die letztlich simple Gleichung.

Sieben Arbeitsschritte bis zum perfekten Ski

Die Effizienzsteigerung in den Abläufen bewirkt, dass das Serviceteam vor einem Rennen heute viel mehr Varianten testen kann. In der Regel benötigt man vier Tage, bis der ideale Mix gefunden ist. Kempf spricht von sieben Arbeitsschritten: den richtigen Ski, den richtigen Belag, den richtigen Schliff, das richtige Wachs, das richtige Fluor, die richtige Handstruktur und das richtige Flüssigwachs finden. Wie komplex dies ist, zeigt das Beispiel des Fluorwachses. Alleine dafür gibt es über 60 verschiedene Produkte der Wachsfirmen. Jeden einzelnen Arbeitsschritt hat das Team in den letzten Jahren optimiert. «Die Wahrscheinlichkeit, dass du als Athlet einen guten Ski hast, ist heute viel ­höher.»

Dazu trägt auch bei, dass Kempf viel in den Bereich Forschung investiert hat. Schneeanalyse, Wetteranalyse, Skispannungsanalyse, Zeitmesssysteme – überall gehören die Schweizer zu den Trendsettern. «Im Bereich der Testverfahren sind wir weltweit führend», sagt der Langlaufchef von Swiss Ski. Wissen im Skiservice ist begehrt. Erst vor einem Jahr haben die Norweger einen Schweizer Servicemann abgeworben, andere Mitarbeiter wurden mehrfach angefragt. Damit bei einem solchen Wechsel der Wissenstransfer nicht zu gross ist, arbeitet das Team nach einem speziellen Modell. Für jeden Zubereitungsschritt des Skis gibt es Spezialisten. Wie der Ski als Ganzes funktioniert, wissen jedoch nur Servicechef Roger Wachs und sein Stellvertreter.

Flüssigwachs für 5000 Franken

Das Aufrüsten hat seinen Preis. Zwischen 600 000 und 800 000 Franken beträgt alleine der jährliche Aufwand dafür, dass die Kaderathleten bei den Rennen optimales Material unter ihren Füssen haben. So kostet etwa nur schon das Flüssigwachs für eine Weltmeisterschaft rund 5000 Franken. Dieses macht rund zwei Prozent der Skileistung aus. Dazu kommen Investitionen wie der Wachstruck (350 000 Franken), die Schleifmaschine (250 000)oder zuletzt der Skiselector (17 000), mit welchen man alle Ski millimetergenau vermessen kann. Rechnet man diese Anschaffungen aufs Jahr, so investiert Swiss Ski eine knappe Million Franken, damit Dario Cologna und Co. bestmögliches Material zur Verfügung haben.

Hippolyt Kempfs radikale Vorschläge

Bei anderen Nationen liegt dieser Betrag nochmals deutlich höher. Es überrascht also nicht, dass die FIS derzeit nach Wegen sucht, das technologische Wettrüsten einzudämmen. Obwohl Hippolyt Kempf vor vier Jahren selber radikale Vorschläge wie ein Testverbot auf der Strecke zur Sprache brachte, ist er heute gegen eine Regulierung. Er sieht darin einen riesigen strategischen Nachteil für die Schweiz. «Die Entwicklung würde dann nicht vor Ort, sondern im Hintergrund geschehen. Nationen wie Norwegen, welche eine grosse Ski- und Wachsindustrie im eigenen Land haben, wären bei der Forschung und Entwicklung noch mehr bevorteilt.» Eine Einigung innerhalb der FIS auf ein kostendämmendes Modell scheint also in weiter Ferne.