Analyse zur Ski-WM
Eine faszinierende Reise mit allen Gefühlen

Die Schweiz kann auf eine erfolgreiche Ski-WM zurückblicken. Mit Beat Feuz, Wendy Holdener und Luca Aerni kommen drei Weltmeister aus dem Swiss Ski-Team. Eine Analyse zum Ende der Ski-WM in St. Moritz.

Etienne Wuillemin
Etienne Wuillemin
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Die Schweizer Skirennfahrer hatten an dieser WM viel zu feiern. Wendy Holdener gewinnt die Kombination vor Michelle Gisin.

Die Schweizer Skirennfahrer hatten an dieser WM viel zu feiern. Wendy Holdener gewinnt die Kombination vor Michelle Gisin.

Keystone

Eigentlich reicht ein einziges Wort: Schade! Schade, dass die Ski-WM in St. Moritz bereits vorbei ist. Die vergangenen 14 Tage boten alles, was die Grossartigkeit des Sports ausmacht. Wir jubelten. Wir litten. Wir erlebten unendliche Freude, aber auch abgrundtiefes Drama. Die Rennen an der Heim-WM auf der «Pista Corviglia» nahmen uns mit auf eine faszinierende Reise voller Gefühle. Eine Reise, die viel zu schnell zu Ende ist. Und noch lange in Erinnerung bleiben wird.

St. Moritz war eine perfekt organisierte WM. Typisch schweizerisch eben. Auch das Publikum zog mit. Es kamen mehr Zuschauer als erwartet. Die Stimmung schwankte zwischen euphorisch und ausgelassen. Dazu hatten die Organisatoren mehrheitlich Wetterglück. Es waren wunderbare Bilder eines atemberaubenden Panoramas, die in die Welt hinausgeschickt wurden.

Lara Gut: Bronze im Super-G Sie hätte die Königin dieser WM werden sollen. Es kommt anders. Als grosse Favoritin auf den WMTitel im Super G gestartet, reicht es zu Platz 3. Beim Einfahren zum Kombinations-Slalom der Horror-Sturz. Kreuzband gerissen. Meniskus beschädigt. Saison-Ende. Aus der designierten Königin (25) ist die tragische Figur der WM geworden. Die ganze Ski-Welt leidet mit ihr.
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Wendy Holdener: Gold in der Kombination Irgendwann gehört er ihr, der Platz ganz zuoberst auf dem Podest. Nicht nur in der Kombination. Auch im Slalom. Irgendwann wird Wendy Holdener (23) den US-Überflieger Mikaela Shiffrin besiegen. Wir leiden mit. Und freuen uns bis dahin an Kombi-Siegen und zweiten Rängen. Sie kann für das Schweizer Highlight am letzten WM-Wochenende sorgen.
Michelle Gisin: Silber in der Kombination Wer eine grosse Schwester hat, die auch ein Ski-Star war und erst noch Olympiasiegerin, der hat es schwer. In St. Moritz ist Michelle Gisin erstmals aus dem Schatten von Dominique Gisin herausgetreten. Silber in der Kombination. Stark auch in der Abfahrt. Die quirlige 23-Jährige ist ein Versprechen für die Zukunft. Oder schon für den Slalom vom Samstag?
Beat Feuz: Gold in der Abfahrt Vielleicht ist er als Kind in einen Topf voller Gefühl fürs Skifahren gefallen. In seinem linken Knie war schon alles einmal kaputt, was kaputt sein kann. Vor fünf Jahren wusste nicht einmal er selbst, ob er je wieder Rennen fahren kann. Nun sorgt Beat Feuz, der sympathische 30-jährige Emmentaler, auch «Kugelblitz» genannt, für das emotionale Highlight der WM. Was für eine Geschichte!
Luca Aerni: Gold in der Kombination Gut unterwegs, schnelle Schwünge – und dann doch ausgeschieden. Wie häufig hat er das im Slalom erlebt! Dabei denkt sich der Zuschauer stets: Der Aerni, der könnte doch bald auf dem Podest landen! Und jetzt ist der 23-Jährige plötzlich da. Gold in der Kombination! Gold dank einem sensationellen Slalom-Lauf. Gold vielleicht auch dank der perfekten Position 30 nach der Abfahrt.
Mauro Caviezel: Bronze in der Kombination Immer wieder verletzt. Immer wieder abgeschrieben. Gar nie so richtig wahrgenommen. Das ist das Schicksal von Mauro Caviezel. 28 Jahre alt ist er mittlerweile. Zeitweise kann er nicht einmal mehr eine Treppe hochsteigen. Sein jüngerer Bruder Gino hat ihn längst überholt. Aber der Bündner gibt nicht auf. Und erfüllt sich in seinem Heimatkanton den Traum einer Medaille.
Wendy Holdener: Silber im Slalom Die Schwyzerin konnte sich im Slalom nicht gegen die US-Amerikanerin Mikaela Shiffrin durchsetzen, die in dieser Disziplin als unschlagbar gilt.

Lara Gut: Bronze im Super-G Sie hätte die Königin dieser WM werden sollen. Es kommt anders. Als grosse Favoritin auf den WMTitel im Super G gestartet, reicht es zu Platz 3. Beim Einfahren zum Kombinations-Slalom der Horror-Sturz. Kreuzband gerissen. Meniskus beschädigt. Saison-Ende. Aus der designierten Königin (25) ist die tragische Figur der WM geworden. Die ganze Ski-Welt leidet mit ihr.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Wäre da nur nicht der Schock des verantwortungslosen Unfalls mit einem Militär-Show-Flieger. Mit viel Glück ist St. Moritz am vergangenen Freitag um eine Tragödie gekommen. Die LuftKamera, die ungebremst in den Zielraum krachte, weil der Flieger zu nah ranflog und das Tragseil durchtrennt hatte, hätte Menschen töten können. Das ist grobfahrlässig und nichts weniger als ein Skandal. Noch laufen die Untersuchungen. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

König aus Österreich und viel Grund zur Schweizer Freude

Die letzte sportliche Erkenntnis aus St. Moritz heisst: Der König ist ein Österreicher. Marcel Hirscher hat dank seinen Siegen im Riesenslalom und Slalom seine Nation spät, aber doch noch an die Spitze des Medaillenspiegels geführt. Er ist mit drei persönlichen Medaillen der herausragende Athlet dieser WM.

Die Schweiz wurde also in letzter Sekunde doch noch überflügelt. Das ändert trotzdem nichts daran, dass Helvetia stolz sein darf auf die Leistungen ihrer Fahrerinnen und Fahrer. Sieben Medaillen, davon drei goldene, das ist so gut wie nie mehr seit 1989 in Vail. Ist das der Beweis dafür, dass es mit Swiss Ski aufwärtsgeht?

Sicher ist das noch nicht – aber gut möglich. Weil sechs verschiedene Fahrerinnen und Fahrer Medaillen gewannen. Und viele aus dem Schweizer Team auf den Punkt zur Höchstform fanden. Dieses Fazit wurde im Vorfeld kaum für möglich gehalten. Und ist darum umso erfreulicher. Beat Feuz bescherte uns mit seinem Triumph in der Abfahrt den emotionalen Höhepunkt. Vor den Augen von Roger Federer. Wendy Holdener schenkte uns nach dem Sieg in der Kombination am letzten Wochenende mit Slalom-Silber noch einmal grosse Emotionen. Es waren beides grandiose Meisterstücke.

Der lange Weg für Lara Gut und eine Olympia-Wette

Und trotzdem erlebten wir auch wieder einmal, wie nahe Freud und Leid im Sport beisammen sind. Für die designierte Königin Lara Gut wurde die WM zur grossen Tragödie. Sie musste im Vorfeld fast schon die ganze Last alleine tragen. Getrieben von der Sorge, die Heim-WM könnte zum Desaster werden, beruhigten wir uns immer wieder mit dem Gedanken: Lara Gut wird es schon richten.

Doch das Schicksal hat es böse gemeint mit ihr. Anstatt sich über Titel zu freuen, fällt sie nun nach ihrem Kreuzband- und Meniskusriss lange aus. Der Weg zurück wird lange und zermürbend – es wird die wohl grösste Prüfung ihrer Karriere. Doch es gibt Grund zur Hoffnung. In einer SMS an Didier Cuche gab sich Lara Gut überzeugt, dass ihr diese Erfahrung helfen wird. Und sie hofft, etwas gelassener auf die grosse Bühne zurückzukehren. Die Wette gilt: Lara Gut wird an den Olympischen Spielen im nächsten Winter eindrucksvoll zurückschlagen.

Apropos Olympia: Während der WM stimmte die Bündner Bevölkerung auch darüber ab, ob, sie die Olympischen Spiele 2026 will. Das Ergebnis ist eindeutig: Nein! Das muss nicht heissen, dass es definitiv keine Schweizer Kandidatur gibt, weil auch eine Westschweizer Bewerbung in Zusammenarbeit mit dem Wallis noch im Rennen ist. Aber es zeigt eben doch, wie viele Schweizer denken: Eine Ski-WM organisieren mag toll sein – aber da ist die Grenze erreicht.

Wo die Grenze für das mehrheitlich junge Schweizer Ski-Team liegt, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzuschätzen. Nach dieser grossartigen WM im eigenen Land bleibt indes zu hoffen, dass sich die Euphorie auch auf den Pisten bemerkbar macht – nämlich, dass die Lust aufs Skifahren von klein bis gross endlich wieder steigt.