Playoff Rückblick

Eine Chronik der Emotionen — Rückblick auf die Playoffserien zwischen dem ZSC und Lugano

Playoffserien zwischen Zürich und Lugano sind immer eine emotionale Sache. Hier müsssen Larry Huras und seine Spieler mit dem Meisterpokal vor wütenden Lugano-Fans flüchten.

Playoffserien zwischen Zürich und Lugano sind immer eine emotionale Sache. Hier müsssen Larry Huras und seine Spieler mit dem Meisterpokal vor wütenden Lugano-Fans flüchten.

Die Playoff-Viertelfinalserie zwischen den ZSC Lions und dem HC Lugano setzt Emotionen auf beiden Seiten frei. Das ist nicht neu — Ein Rückblick auf die Jahre 1992, 2000 und 2001.

Viertelfinalserie 1992 – «Grande Lugano» gegen kleines Zürich

Die Ausgangslage präsentiert sich vor der Serie aus heutiger Sicht ungewohnt, ist aber sehr klar: Hier das «Grande Lugano» unter dem genialen Strategen John Slettvoll, da der kleine ZSC, der noch ohne den Zusatz «Lions» auskommt. Aber auch der ZSC hat zu der Zeit einen Kulttrainer an der Bande, er ist aber erst 35 Jahre alt und es handelt sich um sein erstes Engagement in der NLA. Der junge Coach heisst Arno del Curto, niemand kann zu der Zeit ahnen, welchen Legendenstatus er mit dem HC Davos erreichen wird. Der ZSC spielt damals nach Jahren des Pendelns erst seit zwei Saisons in der Nationalliga A, Lugano hat in fünf Jahren vier Meistertitel gewonnen.

Der Torhüter der Zürcher ist während des Viertelfinals 1992 ein vielbeschäftigter Mann.

Der Torhüter der Zürcher ist während des Viertelfinals 1992 ein vielbeschäftigter Mann.

So gehen die Beobachter von einer Serie nach dem Motto «kurz und schmerzlos» aus. Die Zürcher bestärken diese in ihren Einschätzungen indem sie eine Woche vor den Playoffs mit 11:3 gegen die Slettvoll-Truppe verlieren.

Der ZSC ist 1992 der krasse Aussenseiter.

Der ZSC ist 1992 der krasse Aussenseiter.

Als die Serie dann beginnt, verlieren die Luganesi überraschend die ersten beiden Spiele. Weil die Playoffs zu dieser Zeit noch im Best-of-Five Modus ausgetragen werden, steht Arno del Curtos Mannschaft damit nur noch einen Sieg vor dem Halbfinal. Dieser sagt daraufhin in einem Interview: «Ich nehme keine Gratulationen entgegen, die Tessiner können sich noch steigern.»

Die Lugano-Spieler nehmen den charismatischen Bündner wörtlich und schicken die Zürcher in Spiel 3 mit einer kränkenden 10:0-Packung zurück durch den Gotthard.

Arno del Curto als 35-Jähriger mit seinem ZSC.

Arno del Curto als 35-Jähriger mit seinem ZSC.

Schliesslich wird das vierte Spiel durch Krutow im Penaltyschiessen gewonnen, das Publikum dankte ihren Helden mit minutenlangen Standing Ovations.

Wladimir Krutows Penalty, ein entscheidender Beitrag zum Meistertitel.

Die NZZ spricht am nächsten Tag von einem «Eishockeywunder»  und die ZSC-Legende Walter Scheibli wird noch 20 Jahre später sagen: «Die Stimmung im Stadion war nie mehr so gut.»

ZSC-Legende Walter Scheibli:  «Die Stimmung im Stadion war nie mehr so gut.»

ZSC-Legende Walter Scheibli: «Die Stimmung im Stadion war nie mehr so gut.»

Finalserie 2000 – Auftritt von Seger und Vauclair

Als kurz nach der Jahrtausendwende die beiden Mannschaften erneut, diesmal im Final, aufeinandertreffen, haben sich die Vorzeichen gründlich geändert. Der Zürcher Schlittschuhclub ist zu den ZSC Lions geworden, nachdem er vom SVP-Doyen Walter Frey übernommen wurde. Plötzlich wurde aus dem kleinen ZSC ein Titelaspirant, der den zweiten Platz der Qualifikation erreichte. Auch in den Playoffs waren die Zürcher erfolgreich und schalteten mit Davos das Team ihres Ex-Trainers Del Curto aus. Im Halbfinal fiel ihnen Zug zum Opfer.

Die Wege der Luganesi und John Slettvoll haben sich ebenfalls getrennt, die Mannschaft ist aber in der Saison zuvor gegen den Erzrivalen Ambri Meister geworden. Trainer Jim Koleff führte den Klub in der Qualifikation 1999/2000 auf den ersten Platz.

Trotz der recht ähnlichen Palmarès der beiden Teams in der Qualfifikation gehen die Beobachter von einer kurzen Serie aus: «Lugano ist der Favorit, und das ist gut so», sagte ZSC-Coach Kent Ruhnke vor dem ersten Spiel.

Nach einem ungefährdeten 5:2 Sieg der Tessiner titelt die Basler Zeitung: «Die Hierarchien auf Schweizer Eis waren noch nie so ausgeprägt.»

Die nun Lions heissenden Zürcher lassen sich von den Luganesi herumschubsen.

Die nun Lions heissenden Zürcher lassen sich von den Luganesi herumschubsen.

Verschiedene Medien warnen, wenn der ZSC in Spiel 2 nicht zurückschlagen könne, drohe der Final einseitig zu werden.

Die Lions liefern das Gewünschte und gewinnen drei Spiele hintereinander. Sie stehen damit plötzlich nur noch einen Sieg vor dem unerwarteten Meistertitel. Doch Phillipe Bozon macht ihnen mit seinem Hattrick einen Strich durch die Rechnung. Die Solothurner Zeitung schreibt trotzdem: «Bei Lugano liegen die Nerven blank»

Die vor dem Aus stehenden Tessiner wehren sich mit allen Mitteln.

Die vor dem Aus stehenden Tessiner wehren sich mit allen Mitteln.

Spiel 6 findet am ersten Apriltag also wieder im Hallenstadion statt, wo die Luganesi versuchen, ihre Nervenstärke zu beweisen. Dies tun sie, in dem sie dreimal die Führung der Lions zunichtemachen. Zehn Sekunden vor Schluss erzielt der Schweiz-Kanadier Adrien Plavsic das spiel- und meisterschaftsentscheidende Tor. Die ZSC-Anhänger können erstmals nach 39 Jahren einen Schweizermeistertitel bejubeln. 

Nach 39 Jahren endlich wieder Meister! Die Meisterfeier der Zürcher kann sich sehen lassen:

Auch zwei Spieler, die auch heuer eine Rolle spielen, stehen an jenem 1. April auf dem Eis: Matthias Seger, damals 22-jährig und der zwei Jahre jüngere Julien Vauclair.

Finalserie 2001 – «Die Schande von Lugano»

Als es im Jahr darauf zur Final-Reprise kommt, hat sich einzig auf der Trainerposition der ZSC Lions etwas geändert. Kent Ruhnke trainiert neu den SC Bern, Larry Huras kam vom Lugano-Rivalen Ambri-Piotta nach Zürich. Ansonsten hat es kaum Verschiebungen gegeben, Lugano holte sich erneut den Qualifikationssieg, der ZSC landete auf dem zweiten Platz.

Die Luganesi ziehen in der schnell auf 3:1 davon und stehen kurz davor, sich für die erlittenen Demütigungen von 1992 und 2000 zu revanchieren.

Die Serie wird hochemotional geführt: Nach dem Spiel randalieren etwa hundert ZSC-Fans in der Stadt Zürich und stossen schwer mit den Sicherheitskräften zusammen. Kurz vor dem vierten Spiel hat die Zürcher Polizei einen Car mit Lugano-Fans aus Sicherheitsbedenken zur Umkehr gezwungen. Als Reaktion sperren die Verantwortlichen Luganos auf Anraten der Polizei alle Zürcher Fans aus der Resega aus.  

Die Zürcher gleichen die Serie schliesslich trotz der vielen Nebengeräusche aus.

Auch an der Finalissima sind keine Zürcher Anhänger willkommen. Die Tessiner Polizei teilt dem Fanclub Zürich Nord mit, die Zürcher Anhänger hätten keinen Schutz durch die Kantonspolizei zu erwarten. Kurz wird sogar die Verlegung des Spiels auf neutralen Boden diskutiert.

Die ZSC-Fans müssen endgültig in Zürich bleiben. Dort geht vier Stunden vor dem Spiel eine Nachricht ein: «Wenn der ZSC gewinnt, geht hier eine Bombe hoch!», wird an das SRF und zwei Lokalradios gesendet. Im Hallenstadion finden sich über 9000 Zuschauer zum Public Viewing ein. Im Tessin bewachen derweil 180 Polizisten das Aussengelände der Resega, in der Halle halten 70 zivile Sicherheitskräfte die Fans in Schach. 

Trotz der schwierigen Umstände spielen die beiden Mannschaften ein packendes Eishockeyspiel, welches der ZSC durch einen Kunstschuss des heutigen Teleclub-Experten Morgan Samuelsson in der Verlängerung gewinnt.

Morgan Samuelsson als Spieler der ZSC Lions.

Morgan Samuelsson als Spieler der ZSC Lions.

Daraufhin brechen im Tessin alle Dämme. Während die Spieler des ZSC ihre Auszeichnungen entgegen nehmen wollen, greifen Lugano-Fans diese mit Feuerwerkskörpern an. Die «Fans» schiessen mit Leuchtpetarden und Raketen auf die Spieler, die daraufhin mit dem Meisterpokal in die Kabine flüchten müssen. Schliesslich können die Lugano-Spieler das Geschehen aber beruhigen.

Der Abend bleibt der Hockey-Schweiz als «Schandnacht von Lugano» noch lange in Erinnerung. Der HC Lugano muss eine Busse von 40‘000 Franken bezahlen und drei Heimspiele ohne Publikum austragen. (lei)

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