Sport Awards
Ein Wirbelsturm der Gefühle

Am Sonntagabend wurden im Rahmen der Credit Suisse Sports Awards in verschiedenen Kategorien die erfolgreichsten Schweizer Sportler des Jahres 2016 gekürt. Zeit, um anhand einer Analyse auf ein erfolgreiches Schweizer Sportjahr zurückzublicken.

Etienne Wuillemin
Etienne Wuillemin
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Der emotionalste Sport-Moment 2016: Fabian Cancellara gewinnt in Rio zum Abschluss seiner grossartigen Karriere noch einmal Olympia-Gold.

Der emotionalste Sport-Moment 2016: Fabian Cancellara gewinnt in Rio zum Abschluss seiner grossartigen Karriere noch einmal Olympia-Gold.

Keystone

Ein bisschen Wehmut liegt in seiner Stimme. Es ist nach 16 Jahren als Profi sein Abschied von der grossen Bühne. Fabian Cancellara schreitet als Olympiasieger und Schweizer Sportler des Jahres in sein neues Leben. «Merci, liebe Schweiz», sagt er ganz am Ende, «und tragt Sorge zu euch!» Cancellaras Dankesrede ist der Höhepunkt eines Abends, an dem sich der Schweizer Sport selbst feiert. Und das zurecht.

Fabian Cancellara freut sich über die Auszeichnung zum Schweizer Sportler des Jahres. Es ist die zweite Auszeichnung nach 2008.
17 Bilder
Lara Gut, die den Titel das erste Mal in Empfang nehmen durfte, konnte nicht live vor Ort sein.
Schlagersaengerin Helene Fischer singt an den Credit Suisse Sports Awards
Schlagersaengerin Helene Fischer singt an den Credit Suisse Sports Awards
Schwinger Armon Orlik erhaelt den Preis «Newcomer des Jahres 2016», an den Credit Suisse Sports Awards 2016
Zoltan Jordanov, Nationaltrainer der Schweizer Kunstturnerinnen, erhaelt den Preis «Trainer des Jahres 2016»
Lara gut, die Sportlerin des Jahres 2016.
Der Leichtgewichts-Vierer mit Mario Gyr, Lucas Tramer, Simon Niepmann und Simon Schuerch, hinten von links, erhält den Preis «Team des Jahres 2016», überreicht von Koebi Kuhn
Marcel Hug, hier im Jahr 2015, wurde erneut zum Behindertensportler des Jahres gewählt.
Der Leichtgewichts-Vierer mit Simon Schürch, vorne, erhält den Preis "Team des Jahres 2016"o
Der Schweizer Mundart-Popsänger Trauffer, rechts, unterhält sich mit Moderatorin Steffi Buchli
Der Schweizer Mundart-Popsänger Trauffer singt an den Credit Suisse Sports Awards
Fabian Cancellara, rechts, und Stefanie Cancellara, links
Marcel Hug posiert an den Credit Suisse Sports Awards
Bundsrat Guy Parmelin, links, und Ehefrau Caroline Parmelin posieren an den Credit Suisse Sports Awards 2016
Thomas Gottstein, CEO Credit Suisse Schweiz, links, und Roger de Weck, Generaldirektor SRG SSR, rechts
Matthias Glarner, rechts, und Claudia Hediger

Fabian Cancellara freut sich über die Auszeichnung zum Schweizer Sportler des Jahres. Es ist die zweite Auszeichnung nach 2008.

Keystone

Woran aber zuerst denken, wenn wir die vergangenen Monate Revue passieren lassen? An die Olympiasieger Cancellara, Schurter und den Leichtgewichts-Vierer der Ruderer? An Lara Gut, die den Gesamtweltcup holte? An Stan Wawrinka, der abermals ein Grand-Slam-Turnier gewann? Oder doch an die Schweizer Fussballer, die eine erstaunliche Metamorphose vollzogen und an der EM etwas Euphorie ins Land zurückbrachten?

Es fällt schwer, bei dieser Fülle einen einzigen Höhepunkt herauszupicken. Die Schweizer Sportlerinnen und Sportler waren schlicht zu gut.

Lara Gut hat das Schweizer Sportjahr so richtig lanciert. Erstmals seit Vreni Schneider vor 21 Jahren fiel die grosse Kristallkugel wieder einer Schweizerin zu. Als Gesamtweltcupsiegerin hat sich Gut die Auszeichnung als Sportlerin des Jahres mehr als verdient. Der Erfolg von Gut ist auch eine Folge ihrer eigenen Ansprüche. Nur das Beste ist gut genug. Ein zweiter Rang ist für die Tessinerin eine Niederlage. Dieses Anspruchsdenken würde noch manchem Schweizer Sportler und mancher Schweizer Sportlerin guttun.

Die Fussballer nahmen den Schwung gleich mit. An der EM in Frankreich fanden sie endlich zu ihrer neuen Identität. Es ist eine Entwicklung, die man dem Team und ihrem Trainer Vladimir Petkovic nach den grossen Problemen kaum zugetraut hätte. Das Ende im Achtelfinal gegen Polen war zwar bitter. Aber es könnte auch ein Anfang gewesen sein. Dass der Start in die WM-Qualifikation danach gleich perfekt gelang – inklusive Sieg gegen Europameister Portugal – ist eine weitere Folge des neuen Spirits.

Für die grössten Wirbelstürme unserer Gefühle haben die Schweizer Sportlerinnen und Sportler aber an den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro gesorgt. Sieben Medaillen sind mehr, als die kühnsten Optimisten erwartet hätten. Und das, nachdem Roger Federer und Stan Wawrinka verletzungsbedingt absagen mussten.

Es war aber auch ein Jahr, das neue Gesichter ins Schweizer Scheinwerferlicht rückte. Zum Beispiel die sympathische, bodenständige Schützin Heidi Diethelm Gerber. Sie war es, die an Olympia die erste Medaille gewann. Und die Schweizer Erfolgswelle startete.

Oder Gianni Infantino. Auch nach den grossen Wirren rund um Sepp Blatter bleibt die Fifa in Schweizer Händen. Infantino hat eine faire Chance verdient, mehr jedenfalls als die ständige Vollgas-Kritik, der er sich ausgesetzt sieht. Oder Matthias Glarner. Der sympathische Berner ist ein zurückhaltender Schwingerkönig und stammt, ganz passend, aus einer Sportlerfamilie.

Wird der Gold-Fluch im Jahr 2017 endlich gebannt?

Bei aller Freude über die vielen Erfolge. Es gibt auch Dinge, die nachdenklich stimmen. Zuallererst die Frage: Schafft Roger Federer die Rückkehr an die Weltspitze noch einmal? Oder müssen wir uns langsam daran gewöhnen, ihn nur noch neben den Plätzen bewundern zu dürfen? Der Schweizer Sport ohne Federer – noch ist das undenkbar. Der Maestro selbst ist voller Zuversicht. Möge es so kommen.

Seit mehr als 20 Jahren mischt die kleine Schweiz auch in der Boliden-Welt der Formel 1 mit. Vieles ist Peter Sauber zu verdanken. Nun wurde der Rennstall im Juli an Investoren verkauft. Und die schleichende Entfremdung geht munter weiter. Wenigstens scheinen die meisten Arbeitsplätze in Hinwil gesichert.

2013 gewann die Schweizer Eishockeynationalmannschaft in Schweden WM-Silber. Es war ein Märchen. Aber eines, das alles andere als nachhaltig war. Selten war das Image der Hockey-Nati schlechter als derzeit. Unter dem neuen Verbandsboss Florian Kohler ist das Nationalteam zwar zu einem Goldesel geworden, aber eben auch zur Folklore-Veranstaltung. Änderungen dringend nötig!

Schliesslich muss auch Swiss Olympic dringend dafür sorgen, mehr Support aus der Politik zu erhalten. Ist der neue Präsident Jürg Stahl dem Druck gewachsen? Zweifel sind erlaubt. 2017 geht es auch um die Frage, ob sich die Schweiz für die Olympischen Winterspiele 2026 bewerben soll. Es wäre ein starkes Zeichen, wenn sich die Schweiz dafür entscheidet.

Nach den vielen Highlights 2016 ist das kommende Sportjahr eher ein ruhiges. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die Ski-WM im Februar in St. Moritz. Sowohl 1974 wie 2003 gab es an der WM im Engadin keine Schweizer Gold-Medaille. Wird nun dieser Fluch endlich gebannt? Die Hoffnungen sind berechtigt. Natürlich vor allem dank Lara Gut, unserer Sportlerin des Jahres 2016.

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