Kim freut sich, uns zu treffen. Obwohl wir gerade sein Training gestört haben. Der olympische Spirit hat uns erfasst, als wir im Skigebiet von Yongpyong die Slalomstangen sehen: «Cool, dass es hier eine Rennpiste für Touristen gibt.» Doch nach ein paar Schwüngen hören wir Schreie.

Wir verstehen nicht, was uns der Mann zuruft, doch seine Handbewegungen sind unmissverständlich: sofort raus aus dem Kurs. Nur wenige Sekunden später hören wir das «klack, klack, klack» von Schienbeinschonern, die auf Torstangen treffen – und schon braust einer in rasantem Tempo an uns vorbei.

Ein koreanischer Nachwuchsathlet arbeitet an seinen Slalomkünsten.

Ein koreanischer Nachwuchsathlet arbeitet an seinen Slalomkünsten.

So haben wir Kim kennen gelernt. Kim ist Trainer von koreanischen Nachwuchsrennfahrern und hat sich den steilsten Abschnitt der «New-Gold-Piste» ausgesucht, um mit seinen Schützlingen an deren Technik zu arbeiten. «Neues Gold» – es ist ein passender Name für den Trainingshang.

Kims Jungs sollen irgendwann um Medaillen fahren. «Wow, Switzerland! Very, very good», sagt Kim, als er erfährt, woher wir kommen. Er hat die Medaillengewinne von Ramon Zenhäusern und Co. mitbekommen. Als der Walliser Silber im Slalom gewann, klassierte sich Donghyun Jung auf Rang 28. Es war das beste Alpin-Resultat der Gastgeber.

Der Schweizer Berg Dragon Peak

Das Skifahren ist in Korea eine Randsportart. Während die Eishalle unten am Meer beim Shorttrack jeden Tag rappelvoll ist, blieben die Tribünen in Yongpyong weitgehend leer. «Es fühlte sich fast an wie bei einem FIS-Rennen», beschrieb Ramon Zenhäusern die Kulisse. Die Rennen der dritthöchsten Kategorie locken selbst in Europa nur wenig Zuschauer an.

Doch am Dragon Peak, dem Drachengipfel, der mit 1458 Meter über Meer der höchste Punkt des Skigebiets ist, wurden die Olympia-Medaillen im Slalom und Riesenslalom verteilt. 1998, als der Ski-Weltcup hier zum ersten Mal gastierte, gewann Michael von Grünigen im Riesenslalom. Es ist ein Schweizer Berg!

In 30 Sekunden zu Ramsch

Plötzlich flitzt ein Kind an uns vorbei und stürzt wenige Meter später. Seine Ski bleiben im Schnee liegen, während er den Hang runterrutscht. Wir sammeln sie ein und helfen. Der Vater sagt: «Thank you. He okay, he okay.» Besser Englisch kann der Koreaner nicht. Er und sein Sohn tragen rote Jacken von Swiss Ski. Selbst die Sponsoren sind aufgenäht. Da fühlte sich der Spross vermutlich zu sehr als ein Nachfolger von Michael von Grünigen.

Im Skigeschäft gibt es Miet-Skischuhe wie aus einem Ramsch-Shop aus China.

Im Skigeschäft gibt es Miet-Skischuhe wie aus einem Ramsch-Shop aus China.

Nur gut 2,5 der über 50 Millionen Südkoreaner fahren Ski. Die meisten in Teamjacken und nicht besonders gut. So trifft man auf der Piste auf vermeintliche Norweger, Schweden und eben Schweizer. An der Talstation kostet die Swiss-Ski-Jacke 820 Franken. Überhaupt ist das Skifahren in Yongpyong nicht billig. Eine Tageskarte kostet für einen Erwachsenen 65 Franken. Ski und Skischuhe kosten 43.50 Franken in der Variante Premium und 28.50 Franken in der Basis-Ausführung.

Wir entscheiden uns beim Blick auf die vom Tal sichtbaren Pisten für die günstige Variante und erhalten Einheitsskischuhe, die es so oder ähnlich wohl im Ramsch-Shop aus China gibt. Dafür ist der Servicemann schnell. Keine 30 Sekunden vergehen, und die Bindung ist auf unser Gewicht eingestellt. Keine Minute verstreicht, bis wir loskönnen und den Gedanken verdrängen, ob das Material auch wirklich sicher ist.

Das Liftpersonal ist immer freundlich: Es lacht, verbeugt sich und winkt.

Das Liftpersonal ist immer freundlich: Es lacht, verbeugt sich und winkt.

Immerhin die Ski sind gut und am Lift wird man fröhlich lächelnd begrüsst. Die Angestellten in orangen Jacken verbeugen sich und winken, dann schauen sie auf das Ticket und wünschen viel Spass. Wie freundlich, denkt man – und schon verneigt sich beim Platznehmen auf dem Sessel der Nächste. Der Kunde ist König. Nur Fragen sollte man keine haben. Weil Koreaner nicht gerne Nein sagen, lautet die Antwort immer: «Yes.» Auch auf die Frage, ob er von hier sei oder aus dem rund 200 Kilometer entfernten Seoul.

Oben angekommen steht schon der nächste Mann in Orange da und verneigt sich. «Enjoy!», ruft er hinterher. Und es macht durchaus Spass, hier zu fahren. Der Schnee ist griffig. Die Pisten sind wunderbar präpariert. Zu Beginn gibt es meist schöne und steile Hänge. Leider nur für ein paar Fahrsekunden. Dann wird es flach, bis unten zu den Sesselliften.

Das Skigebiet in Yongpyong ist das älteste von insgesamt 18 in Südkorea. 1975 wurde es eröffnet und bietet heute rund 25 Pistenkilometer und 14 Sessellifte. Wie alle Ressorts ist es in privatem Besitz. Zur Anlage gehören zudem ein Golfplatz, zahlreiche Hotels mit insgesamt 25 000 Betten, mehrere Restaurants sowie ein Wasservergnügungspark. Das Geschäft läuft einigermassen gut. Trotz der Winterspiele kommen auch normale Ski-Touristen.

Bevor die Ski versorgt werden, wird der Schnee mit Luftdruckpistolen entfernt.

Bevor die Ski versorgt werden, wird der Schnee mit Luftdruckpistolen entfernt.

Olympia tötet

Im rund eine halbe Fahrstunde entfernten Phoenix Park ist das anders. Zwar sind die Hotels in der Anlage gut ausgelastet, weil hier viele Journalisten untergebracht sind. Doch im nah gelegenen Dorf klagen die Skigeschäfte: «Die Olympischen Spiele töten uns!» Während in Yongpyong nur vier Pisten für die Spiele gesperrt wurden, ist das Skigebiet in Bokwang, wo die Freestyle-Wettbewerbe stattfinden, komplett für Touristen geschlossen. Die lokalen Skivermieter verlieren so ihre wichtigste Einnahmequelle. Und das für mehrere Wochen.

In Yongpyong ist keine Kritik zu vernehmen. Unten angekommen schaut man von der Piste auf das House of Switzerland. Dort gibt es Raclette und Bratwurst. Und für einen Moment fühlt man sich wie in den Skiferien in der Schweiz. Doch nur bis zur Skirückgabe. Dort muss man den Schnee mit Luftdruckpistolen von seinem Material entfernen.

P.s. Falls es in vier Jahren an den Winterspielen in Peking nicht klappt mit einer Alpin-Medaille für die diesjährigen Gastgeber – wir sind unschuldig. Kim und seine Jungs konnten ihr Training nach dem Intermezzo plangemäss fortsetzen.