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«Ein sauberer Tod wäre schön» - Snowboard-Legende Terje Haakonsen ruht nicht

Ein lachender Terje Haakonsen in Laax: Obwohl unterdessen 44 Jahre alt ist er noch immer in vielen Dingen das Mass aller Dinge. Er ist die Überfigur im Snowboard-Sport.

Snowboard-Legende Terje Haakonsen wäre unlängst fast von einem Baum erschlagen worden. Im Interview spricht er über Gartenarbeit, ein Einwurf-Duell mit Fussballprofi Jon Arne Riise und seine Olympia-Abneigung.

Wenn er den Raum betritt, dann werden sogar die Stars der Szene wortkarg. Terje Haakonsen ist die Überfigur des Snowboards, ein Halbgott auf dem Brett, ein Mythos. In jungen Jahren gab er kaum Interviews, Bilder von ihm ohne Sonnenbrille gab es nicht und sind bis heute eine Seltenheit. Er kam, gewann und ging. Mit 15 Jahren wurde er Profi, mit 19 wurde er erstmals Weltmeister in der Halfpipe. Er krallte sich den Titel dreimal in Folge, letztmals 1997. Sie nannten ihn «den Ausserirdischen». Haakonsen konnte auch mal am Vorabend eines grossen Wettkampfs bis in die frühen Morgenstunden Party machenund flog dann der Konkurrenz doch um die Ohren. Als Snowboarden 1998 olympisch wurde, boykottierte er die Spiele.

Die Goldmedaille, die Gian Simmen 1998 gewann, hätte eigentlich Ihnen gehört, denken viele Experten ...

Terje Haakonsen: (Lächelt.) Ich kann nichts für mich beanspruchen. Man muss an einem Wettbewerb teilnehmen, um ihn gewinnen zu können. Aber das kam für mich bei Olympia nie infrage.

Warum?

Ich mag die Idee hinter Olympia, alle Sportarten zusammenzubringen. Aber schlecht ist das ganze Drumherum. Wie Menschen behandelt werden. Wie einige wenige wahnsinnig viel Geld machen. Oft geht es gar nicht um Sport, sondern darum, den Immobilienmarkt anzukurbeln.

War das schon immer Ihre Meinung?

Ich habe Olympia noch nie gemocht. «MTV Sports» lud mich 1994 nach Lillehammer ein. Ich sagte Dinge in die Kamera wie: «Schauen Sie, den Leuten ist es wichtiger, Coca-Cola-Pins an ihren Hüten zu tragen, als die Resultate zu kennen.» Ich habe auf die Ringe gepisst.

Snowboarden wurde trotzdem olympisch.

Ja, weil es ein Action-Sport ist. Das verkauft sich. Langlaufen ist in Norwegen das Grösste. In der weiten Welt aber kümmert Langlaufen niemanden. In Sotschi hatten nur der Eishockey-Final und der Eiskunstlauf-Final bessere Einschaltquoten als das Snowboarden.

Für viele Sportler ist es das Grösste, überhaupt an Olympia teilzunehmen.

Ich verstehe nicht warum. Mir ist klar, dass man als Athlet Titel gewinnen will. Aber der grösste Wettbewerb, den ich je gewonnen habe, war ein Contest eines Shops in Schweden.

Echt? Sie sind mehrfacher Welt- und Europameister.

Ja, das war in Åre 1996. Der Erste bekam 15 000 Dollar, mehr oder weniger die gesamte Weltspitze war dort, die Pipe war überragend. Das war mein grösster Sieg, weil bei jedem anderen Wettbewerb, immer ein paar der Besten fehlten.

Aber bei Olympia will doch jeder dabei sein.

Fast jeder. Die denken, Olympia sei das Grösste. Aber das ist es verdammt noch mal nicht. Es sind nicht die Besten, die teilnehmen. Da fährt das Bob-Team von Jamaika mit. Und Eddie the Eagle springt vom Schanzentisch. Pro Nation und Sportart dürfen nur vier Athleten starten.

Der Hype ums Snowboarden ist vorbei. Die Verkaufszahlen sind stark rückläufig, der Sport darbt. Warum?

Das hat viele Gründe. Snowboarden ist eine teure Sportart – genauso wie das Skifahren.Die beiden Sportarten bearbeiten denselben Markt. Das Snowboarden hat die Skibranche revolutioniert.

Wie meinen Sie das?

Wir haben das Skifahren auf ein neues Level gebracht. Heute gibt es Twintip-Ski, sie sind deutlich kürzer, taillierter. Die Skifahrer haben gemerkt, dass Parks Spass machen – und die Freeskier denken bis heute, dass Baggy-Kleider cool sind (lacht).

Aber das kann nicht alles sein.

Es haben Leute mitgeredet, die kein Gefühl für Snowboarden hatten, die dachten, das ist einfach eine Sportart mehr. Aber es geht hier um eine Kultur. Dafür haben all diese Verbandsleute kein Gespür. Aber der Sport ist von Politik durchdrungen.

Erklären Sie, bitte!

Alle Sportarten kämpfen um mehr oder weniger die gleichen Sponsoren, um TV-Zeit. Es gibt Leute, die sich über Jahre in diesen Bereichen bewegen, die so viele Beziehungen haben. Es ist so hart, da reinzukommen.

Sie sind Vater dreier Kinder. Fahren die eigentlich Snowboard?

Ja, alle drei können es. Der Älteste hat sein Talent eher in der Musik als im Sport. Aber die beiden jüngeren fahren oft. Allerdings nur aus Spass.

Machen Sie auch andere Sportarten mit Ihren Kindern?

Wir gehen manchmal langlaufen zusammen und dann Eisfischen.

Sie gehen langlaufen?

Langlauf ist richtig gut, um den Körper aufzubauen, vorzubereiten. All die Dinge,die Spass machen – Skateboarden, Fussball, Snowboarden –, setzen voraus, dass du physisch bereit bist. Deshalb geheich langlaufen, schwimmen, mache Yoga. Aber ich habe keinen Respekt vor Leuten, die nur Ausdauer trainieren.

Warum?

Ausdauersportarten sind Kinderzeug (lacht). Sie sind einfach, brauchen nicht viel Technik. Darum gibt es dort so viele Dopingfälle. Da geht es darum, wer den besten Treibstoff hat (lacht). Ausdauer kombiniert mit Technik, das bewundere ich. Das ist Erwachsenen-Sport.

Wie Fussball. Sie waren auch da sehr talentiert. Etliche Experten denken, dass Sie es zum Profi hätten schaffen können.

Ja, aber ich habe ziemlich früh aufgehört. Ich wünschte, ich hätte nicht so abrupt aufgehört. Aber ja, Fussball ist ein lustiges Spiel.

Sie spielten als Hobbykicker in der dritthöchsten norwegischen Liga.

Ja, das stimmt (lacht). Ich habe für unterschiedliche Teams gespielt in Norwegen während des Sommers. Da kam mir das Snowboarden schon auch entgegen. Ich habe jeweils Flickflack-Einwürfe gemacht und kam so ziemlich weit.

Sie haben doch mal einen Weitwurfwettbewerb gegen Ex-Liverpool-Verteidiger Jon Arne Riise gemacht?

Das war die Idee eines Journalisten. Wir machten aus, dass wir je fünfmal werfen. Wer weiterkommt, gewinnt. So gingen wir während der Länderspielpause zum Hotel der norwegischen Nationalmannschaft. Riise im Trainingsanzug, ich in meinen Jeans. Ich begann und er sah, dass ich ziemlich weit werfe. Er hat dann mit einem Arm geworfen, zudem den Fuss gehoben. Also sagte ich: «Das ist Foul-Einwurf.» Und er entgegnete: «Das kümmert mich einen Deut.»

Er war angefressen. Hat er verloren?

Oh ja, das war er. Obwohl ich meinen letzten Ball in einen Baum warf und er ziemlich viel früher zu Boden fiel, gewann ich. Als Gewinn hatte ich mir Tickets für den Champions-League-Final 2005 ausgehandelt.

Eines der besten Finalspiele je.

Ja, meine Sympathien gehören zwar eigentlich Chelsea, aber ich bin kein Hardcore-Fan, sondern mag einfach guten Fussball.

Sie haben Ihren sportlichen Zenit überschritten. Wie kommen Sie mit dem Älterwerden klar?

Viele Menschen werden im Alter gleichgültig. Es kümmert sie nichts mehr. Ich versuche, nicht so zu werden. Ich will nicht so sein. Es geht darum, sich dem Alter anzupassen und es anzunehmen.

Macht Ihnen der Tod Angst?

(Lacht.) Ich habe mit meiner Tochter unlängst darüber gesprochen. Irgendwann hat man dieses Gespräch mit seinen Kindern.

Was haben Sie ihr gesagt?

Es wird nicht mir wehtun. Schlimm ist es für die, die noch am Leben sind.

Da setzen Sie jetzt einiges voraus.

Ja, ein sauberer Tod wäre schön (lacht). Aber Angst habe ich nicht davor. Wir nehmen uns meist viel zu wichtig. Letztlich aber spielt es keine Rolle, was für Titel du gewonnen, welchen Song du geschrieben oder welchen Berg du bestiegen hast. Viel wichtiger ist es, der Menschheit zu dienen.

Machen Sie das?

Ich weiss es nicht, ich hoffe es. Auf jeden Fall gebe ich mein Bestes. Ich weiss, mein Einfluss liegt bei 0,00001 Prozent, aber ich tue, was ich kann. Ich will nicht gleichgültig werden.

Sie sind Extremsportler. Der Tod ist da quasi ständiger Begleiter.

Es spielt keine Rolle, ob du Extremsportler bist oder nicht. Jeder Mensch kommt in Situationen, in denen es einem nicht wohl ist. Letzthin übernachtete ich mit Freunden in einem Haus, auf das drei riesige Bäume fielen. Im Zimmer neben mir brachen Äste durchs Dach. Ich dachte zuerst, es sei ein Erdbeben, so heftig hat es das Haus durchgerüttelt.

Kein wirklich ein heldenhafter Tod.

Natürlich nicht. Aber letztlich spielt es keine Rolle. Das einzig Schlimme, wenn ich von einem Bus überfahren würde, wäre, dass ich nicht für meine Kinder da sein könnte. Das ist meine einzige Sorge.

Wie leben Sie daheim in Oslo?

Je älter ich werde, desto mehr versuche ich, die Büroarbeit jemanden anderen machen zu lassen. Ich geniesse es, zu kochen und im Garten zu arbeiten. Und dann gibts da noch den Alltag der Kinder, den mag ich auch. Ich fahre sie oft rum (lacht).

Sie waren früher ein Partykönig. Trinken Sie noch Alkohol?

Party gehörte immer dazu. Das ist noch heute so. Es geht vor allem darum, dass man ein Gleichgewicht findet. Einige vertragen mehr, andere weniger. Manche können rauchen und Cola trinken und sind trotzdem ganz vorne dabei.

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