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Ein Prinz ist er schon, aber noch kein König

Erling Braut Haaland: Jubeln ohne Ende.

Erling Braut Haaland: Jubeln ohne Ende.

Der 19-jährige Norweger Erling Braut Haaland hat bei Dortmund und auf der europäischen Bühne eingeschlagen wie noch keiner vor ihm

Junge ist ein Phänomen. Nur 83 Sekunden hat Erling Braut Haaland für sein erstes Bundesligator gebraucht, und bloss 102 Sekunden, um in der Champions League einzunetzen. Auf seinem Saisonkonto stehen nach 31 Spielen für Salzburg und Dortmund 40 Tore. Welch eine Hammerbilanz.
Zahlen schrecken gerne ab, um sich auf etwas einzulassen. Bei Haaland aber ist es ein Muss. Weil sie deutlich machen, mit welch gewaltiger Power dieser 19-Jährige im Herbst die Fussballbühne geentert hat. Ja, in der Geschichte der Bundesliga haben es auch schon sechs andere Spieler geschafft, mit drei Toren zu debütieren wie Haaland beim 5:3 des BVB in Augsburg. Und ja, in der Champions League hat Wayne Rooney mit drei Toren für Manchester United einen ebenso beeindruckenden Einstand abgeliefert, wie der Norweger beim 6:2 Salzburgs gegen Genk. Doch in der Kombination von Meisterschaft und Europacup hat noch keiner so aufgetrumpft wie Haaland. 23 Minuten hat er für die drei Tore in der Liga, 43 Minuten für jene in der Königsklasse gebraucht. Bevor die Statistiken langweilen, noch dies: Mit 48 (40 Tore, 8 Assists) Punkten führt Haaland vor Kylian Mbappé (47) und Robert Lewandowski (44) die europäische Skorerliste an.

Mini Jakobsen: Auch in den kühnsten Träumen nicht erwartet

In Trondheim, hoch oben im Norden, verfolgt Mini Jakobsen mit Argusaugen Haalands Entwicklung. Der 54-Jährige hat 65 Länderspiele für Norwegen bestritten, 80-mal für YB gespielt und lange als Experte für das norwegische Fernsehen gearbeitet. «Besser hätte es auch in den kühnsten Träumen nicht laufen können», sagt Jakobsen. Vor einem Jahr sei Haaland noch ein gewöhnlicher Fussballer gewesen, der zwar ein paar Tore für Molde geschossen habe, den aber auch in Norwegen nur wenige gekannt hätten.

Jetzt aber berichten die norwegischen Medien in Mannschaftsstärke aus Dortmund. «Mittlerweile wissen die Leute, was er macht, aber ein Volksheld oder gar ein König ist er deswegen noch nicht. Ein Prinz jedoch schon», sagt Jakobsen. Würde Haaland jetzt durch Trondheim laufen, gäbe es keinen Massenauflauf und auch die Mädchen würden nicht kreischen. «Bei Martin Ödegaard aber schon. Der ist im Fussball unsere Nummer 1», sagt Jakobsen. Der 21-Jährige spielt bei San Sebastian, gehört aber Real Madrid.

Weltrekord im Weitsprung aus dem Stand – als Fünfjähriger

In Basel entgeht auch Jasper van der Werff nicht, was Haaland gerade so alles leistet. Letztes Jahr war der Skandinavier noch sein Teamkollege bei Salzburg, bevor der eine zum FC Basel und der andere nach Dortmund zog. «Wegen meiner Verletzungen standen wir zwar nie in einem Pflichtspiel gemeinsam auf dem Platz», sagt van der Werff, «doch wir haben sehr oft miteinander trainiert, Testspiele bestritten und uns auch sonst getroffen.» Er habe gleich gespürt, dass Haaland mit seiner Wucht und seinem Torhunger etwas ganz Spezielles sei. «Er machte im Trainingszentrum viele freiwillige Zusatztrainings», so der 21-jährige Innenverteidiger.

Geboren am 21. Juli 2000 in Leeds – sein Vater Alf-Inge war Profi bei Nottingham, Leeds und Manchester City – ist Haalands Werdegang zunächst eher unspektakulär. Mit einer Ausnahme: Am 22. Januar 2006 springt der Fünfjährige im Weitsprung aus dem Stand 1,63 Meter weit – Weltrekord. Fussballerisch geht es für den Teenager, der innerhalb eines Jahres 12 Zentimeter wächst, von seinem Jugendverein Bryne zu Hoffenheim ins Probetraining. Dort soll Haaland einen starken Eindruck hinterlassen, sein Umfeld mit 5000 Euro pro Monat aber zu viel verlangt haben. So geht der Stürmer zu Molde, wo er auf den früheren Klassestürmer Ole Gunnar Solskjaer trifft, der als Trainer prädestiniert ist, ihn optimal zu fördern.

Salzburgs Trainer Jesse Marsch: Elektrisierend

Im Januar 2019 wechselt der 18-Jährige für acht Millionen Euro zu Salzburg. Er braucht zwar ein halbes Jahr Geduld, schiesst dann aber für Norwegens U20 bei der WM gegen Honduras neun Tore und startet danach mit den Salzburgern so richtig durch: 22 Spiele, 28 Tore. Der amerikanische Trainer Jesse Marsch sagt: «Electrifying» – elektrisierend. Teamkollege Zlatko Junuzovic sagt: «Er kann noch ein wenig am Kopfballspiel arbeiten, aber nicht am Kopf an sich.» Er meint die Mentalität. «Haaland ist total auf den Fussball fokussiert. Wenn wir mal in die Stadt gingen, war er nur selten dabei. Aber er war überhaupt nicht arrogant oder introvertiert», sagt Van der Werff. «Als ich verletzt war, hat er sich immer wieder nach meinem Befinden erkundigt.»

Im Januar wollen 100 Klubs Haaland verpflichten. Wer glaubt, er würde sich wegen Solksjaer für Manchester United entscheiden, sieht sich getäuscht. Diesmal wählt Papa Alf-Inge zusammen mit Star-Berater Mino Raiola den BVB als nächste Stufe auf der Leiter nach oben. 20 Millionen Euro legen die Westfalen hin, wegen der Ausstiegsklausel ein Schnäppchen. Seit 2016 hatten sie Haaland 28-mal beobachtet. Die «Red Devils» sollen ihm laut englischen Medien zwar ein 60-Millionen-Euro-Paket angeboten haben, nicht aber eine Ausstiegsklausel. Der BVB dagegen akzeptiert eine solche – sie dürfte 2022 bei 75 Millionen Euro liegen –, bietet ein Jahressalär von 8 Millionen Euro und der Linksfuss unterschreibt bis 2024.

Haaland, der erst zwei A-Länderspiele (ohne Tor) bestritten hat, fegt wie ein Orkan über die Bundesliga. «Ein Wunder. So etwas habe ich noch nie gesehen», sagt BVB-Trainer ­Lucien Favre. «Ein Tier!», sagt PSG-Trainer Thomas Tuchel nach Haalands zwei Toren in der Champions League. Heute Samstag spielt Dortmund in der Bundesliga in Mönchengladbach, am Mittwoch in der Königsklasse in Paris. Stand jetzt kann nur das Corona-Virus den phänomenalen Norweger stoppen. Van der Werff sagt: «Er wird ein Weltstar.»

Autor

Markus Brütsch

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