Der kurze Film ist köstlich. Die Medaillen um den Hals, feiern die portugiesischen Stars Ronaldo und Pepe tanzend den Titel. 

Cristiano und Pepe feiern den Europameistertitel Portugals

Cristiano und Pepe feiern den Europameistertitel Portugals

Cristiano und Pepe feiern den Europameistertitel Portugals.

Es ist der Abend, an dem sie sensationell Europameister geworden sind. Auch der Mann, der sie zum grössten Erfolg in der Geschichte des portugiesischen Fussballs geführt hatte, gibt alles und ist mit seinen unkoordinierten Bewegungen, als hätte er schon zünftig gebechert, ein veritabler Blickfang. Zum Glück für Portugal ist Fernando Santos nicht Tänzer geworden, sondern ein aussergewöhnlich guter Trainer. Der geschafft hat, was vor ihm so prominente Namen wie Artur Jorge, Carlos Queiroz, Luiz Felipe Scolari und Paulo Bento vergeblich versucht hatten: Portugal einen Titel zu schenken.

Das Lob für die Schweiz

Gestern nun ist dieser Fernando Santos mit seinen EM-Helden zum WM-Qualifikationsspiel in der Schweiz eingetroffen. «Wir treffen auf einen sehr starken Gegner», sagte der 61-Jährige, «und auch wenn Shaqiri ausfällt, hat dieser mit Embolo noch immer eine gute Waffe.» Zwar ist bei Portugal Eder, der im Final gegen Frankreich in der 117. Minute das goldene Tor geschossen hatte, mit dabei, es fehlen aber die Superstars Ronaldo und Renato Sanches.

Doch Santos bewies bei der EM, dass er flexibel genug ist, auf Ausfälle zu reagieren und gute Lösungen zu präsentieren. «Der Trainer hatte nach der Verletzung von Ronaldo einen Plan B. Und die Auswechslungen kamen zur richtigen Zeit», hatte Abwehrchef Pepe nach dem EM-Triumph ein dickes Lob für Santos parat. Schon im Halbfinal, als Pepe selber gegen Wales nicht zur Verfügung stand, hatte der Coach mit der Nomination des 34-jährigen Bruno Alves ins Schwarze getroffen.

Doch für den gebürtigen Lissabonner sind grosse Namen ohnehin weniger wichtig als die Mannschaft. «Grosse Turniere werden nicht von grossen Spielern gewonnen, sondern von grossen Mannschaften», lautet sein Credo. Dies, obwohl er mit Ronaldo einen der weltbesten Fussballer in seinem Team hat. 2003, wenige Wochen nach seiner Ankunft als Trainer von Sporting Lissabon, hatte Santos zusehen müssen, wie der 18-jährige Ronaldo nach Manchester verkauft wurde. Und ein Jahr später erlebte er als Radiokommentator, wie der aufgehende Stern Ronaldo mit Portugal den EM-Final gegen Griechenland 0:1 verlor.

Vielleicht ist es ein wenig weit hergeholt, möglicherweise aber ist an jenem traurigen Tag vor zwölf Jahren im Estadio da Luz etwas passiert, was mit dazu beigetragen hat, dass Santos nun ein Europameistertrainer ist. Es könnte ja sein, dass ihm an diesem Juliabend in Lissabon von Otto Rehhagel aufgezeigt worden war, wie man auch als krasser Aussenseiter auf höchster Ebene etwas Grosses schaffen kann.

Zwar wehrt sich Santos immer energisch dagegen, wenn er mit Griechenlands Europa- und Maurermeistertrainer verglichen wird, doch in ihrer Liebe zum Ergebnisfussball sind sie sich mit Sicherheit ähnlich. «Die Taktik kommt immer zuerst. Die Fähigkeiten der Spieler als Zweites», lautet Santos’ Maxime. «Wir haben gewonnen», sagte er bei der EM nach den erkrampften oder im Penaltyschiessen errungenen Siegen, «und mir ist egal, ob es schön war oder hässlich, gut oder schlecht.»

Santos hat es fertig gebracht, dass Superstar Ronaldo ohne zu murren die taktische Marschrichtung einhält und sich nicht zu schade ist, auch mal sechzig Meter zurückzurennen. Dass Ronaldo aber gleichwohl eine Ausnahmestellung hat, wurde während des Finals deutlich, als der 134-fache Nationalspieler nach seinem Ausscheiden begann, wacker zu coachen. Santos liess ihn gewähren, weil er wusste, dass er dadurch nicht an Autorität verlieren würde. «Cristiano ist fundamental für uns. Er hat zweimal versucht, auf das Feld zurückzukehren. Er war sehr wichtig, auf und neben dem Platz. Er hat immer daran geglaubt, dass heute die Nacht der Nächte sein würde», lobte Santos zu später Stunde in Paris seinen Captain.

Drei Mal in Griechenland

Die Nacht der Nächte war es auch für ihn, den Trainer, dessen bisher wichtigster Titel jener mit dem FC Porto aus dem Jahre 1999 gewesen war. Schon als 21-Jähriger hatte Santos seine Karriere als Fussballer beendet und sich zum Elektro- und Telekommunikationsingenieur ausbilden lassen. 13 Jahre arbeitete er daraufhin in seinem Beruf, ehe es ihn wieder zum Fussball zog.

Mit 33 wurde er Cheftrainer bei Estoril, dann bei Estrela Amadora und beim FC Porto. Danach begann ein Pendeln zwischen Portugal und Griechenland. AEK Athen, Panathinaikos Athen, Sporting Lissabon, AEK Athen, Benfica Lissabon (er wurde der erste portugiesische Trainer, der die drei Grossklubs Benfica, Porto und Sporting trainierte) und PAOK Thessaloniki waren seine Stationen, eher er 2010 tatsächlich Rehhagels Nachfolger bei Griechenland wurde. Er führte die Hellenen an die WM nach Brasilien, dort in die Achtelfinals, fühlte sich beim Out gegen Costa Rica aber so sehr von den Schiedsrichtern verschaukelt, dass ihm seine Schimpftiraden eine – später auf zwei Partien reduzierte − Sperre von acht Spielen eintrugen.

Was für den portugiesischen Verband kein Grund war, ihn nicht zu engagieren, nachdem der Start in die EM-Qualifikation mit einer 0:1-Heimniederlage gegen Albanien in die Hose gegangen war. Danach ging es nur noch aufwärts. Es gab sieben Siege in Folge, und seit Santos’ Amtsantritt ist Portugal in 14 Pflichtspielen ungeschlagen. Dass es heute im St. Jakob-Park ein Feuerwerk abbrennen wird, darf indes nicht erwartet werden. «Nur weil wir Europameister sind», so der Trainer, «ändern wir nichts an der Einstellung. Wir brauchen Demut, um erfolgreich zu sein.»