Als Silvan Dillier vor einem Jahr in Roubaix als Zweiter neben Sieger Peter Sagan auf dem Podest stand, da wurde ihm als Anerkennung für seinen grandiosen Ritt durch die «Hölle des Nordens» ein kleiner Pflasterstein überreicht. Eine Miniaturversion der berühmten Siegertrophäe, die Sagan in Empfang nehmen durfte.

Der spezielle Pokal steht nun in Dilliers Wohnzimmer, neben dem Fernseher, zusammen mit anderen Pokalen seiner Karriere, die ihm besonders wichtig sind. Jedes Mal, wenn er aber den Pflasterstein sieht, kommen die speziellen Erinnerungen an sein bisher bestes Rennen als Veloprofi auf:

An die über 210 Kilometer lange Flucht, an deren Ende er zusammen mit Weltmeister Peter Sagan um den Sieg sprintete. An die Wunden und Blasen an seinen Händen, die er sich während des Höllenritts über die insgesamt 29 Kopfsteinpflaster-Abschnitte zuzog. Und natürlich an die Emotionen, diesen Mix aus Enttäuschung über den verpassten, ganz grossen Coup und Stolz auf eine Leistung, die er selber kaum für möglich gehalten hatte.

Brutaler Verdrängungskampf

Seit jenem 8. April 2018 ist der Name des Aargauers jedenfalls einer breiteren Öffentlichkeit ein Begriff. Und auch im Fahrerfeld spürt der 28-Jährige seit jenem Effort eine andere Wahrnehmung: «Ich habe jetzt im Rennen etwas mehr Raum und werde nicht gleich von einer Position verdrängt.» Den Respekt der Konkurrenz hat sich der AG2R-Profi also erkämpft. Geschenkt wird ihm deswegen aber trotzdem nichts.

Im Gegenteil: Der Verdrängungskampf ist brutal. Das wird sich am Sonntag auf den 257 Kilometern zwischen dem Start nördlich von Paris, in Compiègne, und der Ziellinie im Velodrome von Roubaix, akzentuieren. Dillier erwartet von Anfang an heftige Positionskämpfe im Peloton. Die Favoriten wollen vor den entscheidenden Kopfsteinpflaster-Abschnitten von ihren Helfern in eine gute Ausgangslage manövriert werden.

Auf der anderen Seite wittern auch die «Underdogs», wie es Dillier letztes Jahr einer war, ihre Chance auf einen Überraschungscoup. Der Aargauer sagt: «In diesem Rennen ist es noch schwieriger als in allen anderen, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Da ist auch viel Glück dabei.»

Die Nummer zwei im Team

Auch deshalb ist es alles andere als wahrscheinlich, dass Silvan Dillier seinen Vorjahrescoup wiederholen kann. Und zwar aus zwei Gründen. Erstens fühlt er sich nicht so gut in Form wie erhofft.

Das war allerdings schon im Vorjahr ähnlich und hinderte ihn trotzdem nicht an seiner Parforce-Leistung. Zweitens steht er in der Teamhierarchie der AG2R-Equipe hinter dem Belgier Oliver Naesen, der in diesem Jahr schon Zweiter war bei Mailand-Sanremo, Dritter bei Gent–Wevelgem und Siebenter der Flandern-Rundfahrt. Wenn es am Ende des Rennens also hart auf hart geht, wird Dillier den Buckel entsprechend für seinen Teamleader krumm machen.

«Oliver ist im Moment abartig stark, er ist unsere klare Nummer 1», unterstreicht Silvan Dillier. «Ich werde sicher meine Freiheiten erhalten. Aber am Schluss werde ich, wenn wir beide vorne vertreten sein sollten, sicher für ihn fahren und meine eigenen Interessen zurückstellen.»
Was auch immer passiert: Paris–Roubaix, dieses Rennen, das er lange gehasst hat, hat bei Dillier einen Stein im Brett. Pardon, im Wohnzimmer.