Auf der Nase eine blutende Schramme. Das Grinsen eine wunderbare Zahnlücke entblössend. Andres Ambühl ist auch bei seiner 15. WM-Teilnahme im Element. Beim 4:1-Sieg der Schweizer gegen Norwegen hat der Davoser zwei Tore erzielt.

Als ob es dafür noch eines Beweises gebraucht hätte, war dieses Spiel exemplarisch dafür, dass Ambühl auch mit 35 Jahren ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Nationalmannschaft ist.

Ob er sich bewusst sei, dass der WM-Torrekord von Bibi Torriani, einer der grössten Eishockey-Legenden unseres Landes, nur noch sieben Tore entfernt sei, wird er nach dem vierten Sieg im vierten WM-Spiel der Schweizer gefragt. Die Zahnlücke erscheint und eine für ihn typische Aussage ist zu hören: «Es müsste schon alles perfekt laufen, dass ich noch auf 28 komme.»

Einmalige Hingabe

Andres Ambühl ist ein Spieler frei von jeglichen Starallüren. Er ist einer der Menschen, die lieber Taten sprechen lassen als Worte. Und das schon seit vielen Jahren. 2004 wurde er vom damaligen Nationaltrainer Ralph Krueger, der gerade eben zum Headcoach des NHL-Teams der Buffalo Sabres ernannt wurde, zum ersten Mal für eine A-WM aufgeboten.

«An allererster Stelle ist er ein Team-Player. Ein absoluter Top-Charakter.» - Ralph Krueger Schweizer Nationaltrainer von 1997 bis 2010.

«An allererster Stelle ist er ein Team-Player. Ein absoluter Top-Charakter.» - Ralph Krueger Schweizer Nationaltrainer von 1997 bis 2010.

Krueger erinnert sich auch heute noch gerne an «Büehli»: «An allererster Stelle ist er ein Team-Player. Ein absoluter Top-Charakter, auf und neben dem Eis. Geschwindigkeit, harte Arbeit und ein aggressiver Stil sind seine Qualitäten. Seine Hingabe ans Nationalteam und seine Liebe für die internationalen Vergleiche einmalig», lässt er gegenüber dieser Zeitung via Text-Nachricht verlauten. Sechs gemeinsame WM- und zwei Olympia-Turniere erlebten Krueger und Ambühl.

Sean Simpsons Lobeshymne

Bei fünf Weltmeisterschaften und einmal Olympia stand Sean Simpson an der Bande. Auch der Kanadier findet nur lobende Worte für seinen ehemaligen Schützling: «Während meiner Zeit als Nationaltrainer hat Büehli kaum einmal ein Turnier verpasst, was für seine Bereitschaft für das Schweizer Eishockey spricht. Er hat auf dem Eis immer grossen Charakter und Willen gezeigt, war ein vorbildlicher Leader mit seinem Stil des harten Arbeiters. Er wurde von seinen Teamkollegen sowie dem Trainer-Staff immer gerne gemocht und respektiert, was eines der grössten Komplimente hinsichtlich seiner Persönlichkeit ist. Ich war immer sehr froh, dass ich ihn zu meinen Spielern zählen durfte, besonders, als wir in Stockholm die Silbermedaille gewannen.»

Bisherigen Rekordhalter ablösen

Geht es nicht noch mit dem Teufel zu und her, dann wird Andres Ambühl am kommenden Donnerstag, wenn die Schweizer mit allergrösster Wahrscheinlichkeit ihren WM-Viertelfinal bestreiten werden, Mathias Seger als Rekordhalter punkto WM-Einsätze für die Nationalmannschaft ablösen.

Es wäre sein 107. WM-Auftritt. Der legendäre ZSC-Lions-Captain hat zusammen mit Ambühl zehn WM-Turniere bestritten und an den Titelkämpfen 2011 in Kosice – dort wo möglicherweise der Viertelfinal stattfinden wird – sogar das Zimmer geteilt: «Büehli hat einen Motor, der läuft und läuft und läuft. Es ist grossartig, dass er auch mit 35 seine Leistung immer noch abrufen kann. Er erinnert mich ein wenig an meinen VW-Bus. Der ist auch nicht kleinzukriegen. Nur dass der Motor von Büehli getunt ist», erzählt «Segi» lachend.

«Gold wäre schöner»

Seger betont, dass es ihn extrem freuen würde, wenn ihm Andres Ambühl den Rekord abnimmt: «Es wurde Zeit, dass das endlich mal einer macht. Das mag ich ihm von ganzem Herzen gönnen. Er wird den Rekord nicht nur egalisieren, sondern sogar pulverisieren in den nächsten Jahren. Da muss man sich keine Sorgen machen.»

In einer Beziehung ticken Seger und Ambühl sowieso gleich: Rekorde haben für beide nur sekundäre Bedeutung: «Viel schöner wäre, wenn er eine Goldmedaille holen würde.» Andres Ambühl hätte mit Sicherheit nichts dagegen.