Interview

Nicola Spirig ist die Ernährerin, ihr Mann Reto Hug Hausmann, er sagt: «Ein Mann, der alleine mit einem Kind reist? Für viele unbegreiflich»

Reto Hug und Nicola Spirig im Garten ihres Hauses in Bachenbülach.

Reto Hug und Nicola Spirig im Garten ihres Hauses in Bachenbülach.

Triathlon-Olympia-Siegerin Nicola Spirig ist Mutter von drei Kindern und die Ernährerin der Familie. Ihr Mann, Reto Hug, ist Hausmann und sagt: «Nicola bringt das Geld nach Hause und ich schaue, dass es für uns als Familie stimmt.» Ein Gespräch über Rollenbilder und Vorurteile.

Der Mann geht zur Arbeit, die Frau bleibt mit den Kindern zu Hause – in der Schweiz ist dies auch im Jahr 2020 noch das übliche Familienmodell. Nur in rund fünf Prozent der Paarhaushalte ist der Mann hauptsächlich für Hausarbeit und Kinderbetreuung zuständig. Bei drei Vierteln der Haushalte mit Kindern unter 25 Jahren ist es die Frau. Bei Olympiasiegerin Nicola Spirig und ihrem Mann Reto Hug ist es umgekehrt – sie ist die Ernährerin, er besorgt den Haushalt. Sie setzen sich so zuweilen auch kritischen Kommentaren aus. Dabei steht die Familie immer an erster Stelle, und zwar weit vor dem Sport. Das Protokoll eines Besuchs im Garten einer gewöhnlichen Familie mit ungewöhnlichem Modell.

Nicola Spirig, als klar war, dass die Olympischen Spiele verschoben werden, haben Sie sich lange Zeit gelassen, um zu entscheiden, ob sie weitermachen. Weshalb?

Spirig: Wir haben immer gesagt, dass wir nach den Olympischen Spielen entscheiden, wie unser Leben danach aussehen soll. Wenn Reto gesagt hätte, dass er sich jetzt schon eine Veränderung wünscht, hätte ich ganz sicher nicht weitergemacht. Die zweite Frage betraf die familiäre Situation, was für alle die beste Entscheidung ist und wie wir gewisse organisatorische Probleme lösen könnten. Unser Ältester, Yannis, ist im nächsten Jahr statt in der ersten in der zweiten Klasse, das ändert nicht viel. Und unsere jüngeren Kinder, Malea und Alexis, sind noch nicht im Kindergarten. Die dritte Frage war, ob ich mit meinem Team weitermachen kann - das geht vom Mechaniker über den Trainer bis zu unserer Nanny, die uns tageweise unterstützt und sehr flexibel ist, was bei unserem Lebensstil sehr wertvoll ist. Für mich war klar, dass ich nur weitermachen will, wenn ich das mit meinem alten Team tun kann. Deshalb war es nicht nur mein Entscheid, sondern ein Entscheid von uns allen.

Sie sind 38-jährig, der Triathlon ist auch sehr trainingsintensiv. War es auch eine Frage der Motivation?

Spirig: Sicher. Aber auch die Frage, ob ich überzeugt davon bin, dass mein Körper das noch mitmacht, dass ich meine Erwartungen erfüllen kann. Das spielte auch eine wichtige Rolle. Viel wichtiger waren aber andere Dinge, die Familie hat immer oberste Priorität. Der Sport ist meine Leidenschaft, aber die Familie ist meine Liebe und geht immer vor. Deshalb muss es vor allem für uns als Familie stimmen.

Nicola Spirig

Mutter, Olympia-Siegerin und JuristinNicola Spirig ist 38 Jahre alt und seit 2012 mit dem ehemaligen Profitriathleten Reto Hug verheiratet. Das Paar wohnt in Bachenbülach im Kanton Zürich und hat drei Kinder: Yannis (7 Jahre), Malea (3 Jahre) und Alexis (1 Jahr). Im Juniorenalter gehörte Spirig zu den grössten Schweizer Leichtathletiktalenten. Bald wechselte sie zum Triathlon. Ihr grösster Erfolg war der Olympiasieg 2012 in London. Vier Jahre später in Rio gewann Nicola Spirig die Silbermedaille. Dazu ist sie sechsfache Europameisterin. Spirig ist studierte Juristin. 2013 gründete sie die Nicola Spirig Stiftung, die Kindern aus allen sozialen Schichten den Zugang zum Sport ermöglichen soll. Daneben versucht sie bei vielen Kids Cup by Nicola Spirig-Veranstaltungen live vor Ort zu sein und ist Botschafterin der Laureus-Stiftung. (sih)

Mutter, Olympia-Siegerin und Juristin

Nicola Spirig ist 38 Jahre alt und seit 2012 mit dem ehemaligen Profitriathleten Reto Hug verheiratet. Das Paar wohnt in Bachenbülach im Kanton Zürich und hat drei Kinder: Yannis (7 Jahre), Malea (3 Jahre) und Alexis (1 Jahr). Im Juniorenalter gehörte Spirig zu den grössten Schweizer Leichtathletiktalenten. Bald wechselte sie zum Triathlon. Ihr grösster Erfolg war der Olympiasieg 2012 in London. Vier Jahre später in Rio gewann Nicola Spirig die Silbermedaille. Dazu ist sie sechsfache Europameisterin. Spirig ist studierte Juristin. 2013 gründete sie die Nicola Spirig Stiftung, die Kindern aus allen sozialen Schichten den Zugang zum Sport ermöglichen soll. Daneben versucht sie bei vielen Kids Cup by Nicola Spirig-Veranstaltungen live vor Ort zu sein und ist Botschafterin der Laureus-Stiftung. (sih)

Reto Hug

Vater, Europameister und PhysiotherapeutReto Hug ist 45 Jahre alt und seit 2012 mit Triathlon-Olympia-Siegerin Nicola Spirig verheiratet. Das Paar wohnt in Bachenbülach im Kanton Zürich und hat drei Kinder: Yannis (7 Jahre), Malea (3 Jahre) und Alexis (1 Jahr). 1999 wurde er über die Kurzdistanz Europameister, bei Weltmeisterschaften gewann er ein Mal Silber und ein Mal Bronze. 2000 wurde er bei den Olympischen Spielen in Sydney Achter. 2004 in Athen und 2008 in Peking nahm er erneut an Olympischen Spielen teil. 2012 beendete Reto Hug seine Karriere. Danach war er für kurze Zeit Sportchef bei Swiss Triathlon. Hug ist gelernter Elektromonteur und Medizintechniker. Noch während seiner sportlichen Laufbahn machte er die Ausbildung zum Physiotherapeuten. Seit 2013 ist er Hausmann und organisiert u.a. den schweizweiten Kids Cup by Nicola Spirig. (sih)

Vater, Europameister und Physiotherapeut

Reto Hug ist 45 Jahre alt und seit 2012 mit Triathlon-Olympia-Siegerin Nicola Spirig verheiratet. Das Paar wohnt in Bachenbülach im Kanton Zürich und hat drei Kinder: Yannis (7 Jahre), Malea (3 Jahre) und Alexis (1 Jahr). 1999 wurde er über die Kurzdistanz Europameister, bei Weltmeisterschaften gewann er ein Mal Silber und ein Mal Bronze. 2000 wurde er bei den Olympischen Spielen in Sydney Achter. 2004 in Athen und 2008 in Peking nahm er erneut an Olympischen Spielen teil. 2012 beendete Reto Hug seine Karriere. Danach war er für kurze Zeit Sportchef bei Swiss Triathlon. Hug ist gelernter Elektromonteur und Medizintechniker. Noch während seiner sportlichen Laufbahn machte er die Ausbildung zum Physiotherapeuten. Seit 2013 ist er Hausmann und organisiert u.a. den schweizweiten Kids Cup by Nicola Spirig. (sih)

Wie haben Sie die letzten Monate und vor allem die Ungewissheit vor der Verschiebung der Olympischen Spiele erlebt, Reto?

Hug: Die Ungewissheit war stressig, da habe ich mit Nicola schon mitgelitten. Für uns als Familie war die Verschiebung dann eine Erleichterung, weil wir damit Gewissheit hatten und weiterplanen konnten. Für mich war dann schnell klar, dass wir noch ein Jahr so weitermachen, wenn Nicola die Motivation aufbringt.

Wie war es für Sie, Nicola?

Spirig: Ich habe normal trainiert. Am Anfang gab es eine Zeit, in der sich alles sehr schnell geändert hat. In der die Massnahmen innert wenigen Tagen immer restriktiver wurden. Zu Beginn waren die Hallenbäder noch offen, aber nur für 50 Personen. Dann nur noch jene in Magglingen und Tenero. Am Ende auch die nicht mehr, die Spiele aber noch nicht abgesagt. Für mich war das eine schwierige Phase. Ich konnte nicht einfach eine vierjährige Vorbereitung abbrechen. Ich musste weiter so tun, als würden die Spiele stattfinden.

Das bedeutete auch, dass Sie sich überlegen mussten, wo sie ihr Schwimmtraining absolvieren.

Spirig: Nach Tenero oder Magglingen zu gehen, war für mich wegen der Familie keine Option. Also musste ich eine andere Lösung finden. Aus dem Umfeld habe ich dann schon zu hören bekommen, dass es doch Wichtigeres gebe als die Frage, wo ich jetzt noch schwimmen kann. Da sagte ich: ‹Ja, völlig klar, gibt es Wichtigeres.› Aber es ist mein Job. Und ich muss versuchen, meinen Job auch in dieser Zeit möglichst gut zu machen. Mir war dabei einfach wichtig, dass ich alle Regeln beachte, und innerhalb der Regeln möglichst gut trainiere.


Wie haben Sie die Zeit des Lockdowns als Familie erlebt?

Spirig: Ich habe zwar weiter trainiert, aber hatte keine Events mehr, keine Termine. Bei den Kindern war es das Gleiche – kein Unterricht in der Schule, keine Freizeitaktivitäten, keine Treffen mit Freunden. Das haben wir schon gespürt, haben das als Familie aber auch genossen. Es hat uns näher zusammen gebracht, wir haben die Zeit zu Hause sehr geschätzt. Wir sind aber auch sehr privilegiert, das ist uns bewusst. Wir haben einen Garten und der Wald ist nahe.

Hug: Mein Alltag hat sich kaum verändert. Wie bei vielen war das Home Schooling die grösste Herausforderung. Yannis, unser Ältester, geht in die erste Klasse, dort wird die Basis gelegt. Und weil das Lesen und Rechnen noch nicht so selbstständig geht wie bei älteren Kindern, brauchte das sehr viel Aufmerksamkeit und Betreuung.

Nicola Spirig ist die Ernährerin, ihr Mann Reto Hug organisiert seit vielen Jahren das Familienleben

Nicola Spirig ist die Ernährerin, ihr Mann Reto Hug organisiert seit vielen Jahren das Familienleben

Reto, Sie sind seit vielen Jahren Hausmann. Das Modell ist auch im Jahr 2020 noch ungewöhnlich. Glauben Sie, dass die letzten Monate zu einem Umdenken führen?

Hug: Vielleicht, ja. Viele arbeiteten von Zuhause aus, und hatten die Kinder um sich. Oft habe ich gehört: «Oh, das ist noch streng.» Ich glaube, vielen ist dadurch bewusst geworden, dass das Leben als Hausmann oder Hausfrau nicht nur aus Ausflügen, Badi und Käffele besteht. Es ist streng. Für viele Eltern, meistens ist es der Mann, das ist in unserer Gesellschaft einfach so, beschränkt sich die gemeinsame Zeit mit den Kindern auf die Wochenenden und Ferien. Für mich ist es ein grosses Privileg, so viel Zeit mit den Kindern verbringen zu dürfen. Ich habe eine Bindung, die unbezahlbar ist. Die Zeit ist kurz, in der man diese Beziehung und Nähe aufbauen kann. Bei Yannis zum Beispiel fand eine erste Ablösung statt, als er in den Kindergarten kam und sich sein Umfeld änderte.

Spirig: Da muss ich dir ein Kompliment machen, Reto. Zu Beginn ist die Bindung zur Mutter meiner Meinung nach von Natur aus grösser. Der Vater kann ja nicht aufstehen und stillen. Väter sagen sich dann oft: Ich kann mit einem Kleinkind nicht viel anfangen, und stillen kann ich auch nicht. Die Männer machen es sich damit zu einfach. Denn als Mann kann man trotzdem von Anfang an sehr vieles machen. Du, Reto, hattest schon mit Babys einen sehr guten Umgang.

Hug: Als Mann hast du einfach neun Monate Rückstand durch die Schwangerschaft. Man kann es sich als Mann dann auch einfach machen und sich dem ergeben, das wollte ich aber nicht.

Der ehemalige Eishockey-Spieler Mathias Seger und seine Frau Annina leben ein ähnliches Modell wie Sie. Er sagt, die Akzeptanz für die Rolle des Hausmanns sei nicht sehr gross. Wie erleben Sie das?

Hug: Diesen Menschen würde ich am liebsten sagen: ‹Mach es mal ein Woche, dann reden wir wieder.› Es ist schön, aber es ist nicht entspannt. Kinder zu haben, heisst, dass man nachts aufsteht, dass es morgens um sechs Uhr losgeht und dass bis neun Uhr abends Betrieb herrscht. Wenn dann Fragen kommen wie: ‹Was machst du so? Ah, du bist nur Hausmann.› Ach, ich kann damit umgehen. Das tut mir nicht weh. Es ist aber sicher so, dass unser Modell sehr selten ist. Nicola bringt das Geld nach Hause. Und ich schaue, dass wir als Familie funktionieren. Alle finden es eigentlich lässig. Aber niemand ist bereit, dafür etwas zu tun. Wenn man Umfragen sieht, auch bei den Jungen, dann sieht man, dass dieses Modell fest in den Köpfen verankert ist: die Frau bleibt zu Hause, der Mann arbeitet.

Wie erleben Sie das im Alltag?

Hug: Ein Beispiel: Einmal bin ich aus einem Trainingslager in Mexiko mit Yannis alleine zurückgereist. Ich hatte noch nie einen so entspannten Flug. Die Flugbegleiterinnen machten alles. Die fragten: ‹Ja, aber wo ist die Mutter?› Ein Mann alleine mit einem Kleinkind? Für sie war es unbegreiflich, dass ein Mann mit einem kleinen Kind alleine reisen kann. Für sie ging das gar nicht. Ein anderes Beispiel: Einmal ging ich in der Frauentoilette die Windeln wechseln, weil es bei den Männern keinen Wickeltisch hatte. Da schaute mich eine ältere Frau an und sagte staunend: ‹Sie machen das aber noch gut.› Sie war völlig überrascht, dass ein Mann Windeln wechseln kann.

Spirig: Wir haben unterschiedliche Stärken und Schwächen. Ich zum Beispiel bin handwerklich eine absolute Null (lacht). Ich mache es auch nicht gerne. Reto hingegen macht das Spass, er ist ja auch gelernter Elektriker. Ich lese dafür sehr gerne mit ihnen, backe viel, gehe mit ihnen in den Wald oder Blumen pflücken. Für die Kinder ist es eine Bereicherung, beide von uns so viel um sich zu haben und von beiden profitieren zu können. Man muss aber auch sagen, dass wir privilegiert sind, dass wir dieses Modell so leben können. Es gibt in der Schweiz sehr wenige viele Athletinnen, die genug Geld verdienen, um den Lebensunterhalt einer Familie bestreiten zu können.

2012 gewann Nicola Spirig in London Olympia-Gold, vier Jahre später holte sie in Rio de Janeiro Olympia-Silber.

2012 gewann Nicola Spirig in London Olympia-Gold, vier Jahre später holte sie in Rio de Janeiro Olympia-Silber.

Wurden Sie auch schon einmal mit negativen Äusserungen konfrontiert, weil Sie die Ernährerin sind?

Spirig: Nicht direkt, nein. Ich habe auch kein schlechtes Gewissen, weil ich weiss, dass die Kinder bei Reto genauso gut betreut sind wie bei mir. Aber man liest es vielleicht in einem Kommentar. Bei uns wird das sicher sehr kritisch gesehen, dass die Frau arbeiten gehe. Ein Beispiel: Ich habe ein Kollegin, die arbeitet 80 Prozent, ihr Mann ebenfalls. Die Kinder werden also relativ viel auswärtig betreut. Beim Mann heisst es dann: ‹Oh, super, du machst einen Papi-Tag.› Und bei der Frau heisst es: ‹Du Rabenmutter, du arbeitest 80 Prozent.› Dabei machen sie und ihr Mann genau das gleiche.

Was sagt das über unsere Gesellschaft aus, wenn gleiche Tätigkeiten von Mann und Frau so unterschiedlich bewertet werden?

Spirig: Ich glaube, unsere Gesellschaft ist auf das klassische Modell ausgerichtet. Für die meisten macht es mehr Sinn, dass der Mann zur Arbeit geht. Das beginnt schon beim Lohn. Das zeigt sich dann auch im Sport: Wenn der männliche Athlet ins Trainingslager fährt, bleiben Frau und Kinder Zuhause. Bei uns ist es so, dass meine Trainingslager in den Schulferien sind und gleichzeitig auch Familienferien sind.

Hug: Kürzlich hat ein Vater zu mir gesagt: ‹Hey, weisst du, ich gehe am Morgen extra früh aus dem Haus, bevor die Kinder aufstehen, und am Abend komme ich zurück, wenn die Kinder schon im Bett sind.› Und am Samstag braucht man dann noch Zeit für sich selbst. Da frage ich mich schon, weshalb man Kinder hat. Damit habe ich Mühe. Familie zu haben, bedeutet, seine Bedürfnisse zurückzustellen. Denn die Kinder stehen bei uns an erster Stelle. Wir wollen, dass sie die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen, für sie da sein und etwas mit ihnen erleben.

Reto Hugs grösster sportlicher Erfolg war der Gewinn der Silbermedaille bei den Weltmeisterschaften 2005.

Reto Hugs grösster sportlicher Erfolg war der Gewinn der Silbermedaille bei den Weltmeisterschaften 2005.

Spirig: Ich glaube nicht, dass es das ideale Familienmodell gibt. Es gibt doch so viele unterschiedliche Familien, so viele verschiedene Bedürfnisse. Es braucht die Freiheit, dass jede Familie entscheiden kann, wie es für sie stimmt. Ich würde mir wünschen, dass man alle Modelle als gleichwertig anschaut.

Im Herbst stimmen wir über den Vaterschaftsurlaub ab. Wie stehen Sie als Mann und Hausmann dazu?

Hug: Wenn man umzieht, erhält man mehr Freitage, als wenn man Vater wird. Das ist schon fragwürdig. Gerade beim ersten Kind, wenn alles neu ist, will man doch alles miterleben. Dazu kommt: Wenn alles gut geht, wenn Mutter und Kind gesund ist, dann ist das noch das eine. Was aber, wenn es Komplikationen gibt? Dann wäre es doch wichtig, wenn man als Mann die Frau unterstützen kann. Dann ist man als Mann gefordert und muss zeigen, dass man die Verantwortung annimmt. Deshalb fände ich es schön, wenn wir in der Schweiz einen Schritt machen könnten in Sachen Vaterschaftsurlaub.
Nach der Geburt des ersten Kindes arbeiteten Sie noch ein halbes Jahr, ehe sie entschieden, ihren Job zu kündigen, und Hausmann zu werden. Weshalb?

Hug: Mir war es wichtiger, dass wir als Familie glücklich sind.

Spirig: Reto hat damals beim Verband gearbeitet, während ich offen gelassen habe, ob ich weitermachen will. Ich habe dann mit dem Training begonnen und fühlte mich gut. Aber nach sechs Monaten hatten wir ein Gespräch, in dem wir sagten: Es geht nicht. Nicht, weil mein Körper nicht mehr mitgemacht hätte, oder weil die Motivation nicht mehr die gleiche gewesen wäre, sondern weil Yannis zu wenig von uns hatte. Für mich wäre es absolut in Ordnung gewesen, aufzuhören. Die andere Option war, dass Reto nicht mehr arbeitet. Ich habe eigentlich gedacht, dass ich nicht mehr weitermache nach London. Für uns war klar: Wir wollten eine Familie, und diese hatte fortan Priorität. Ich dachte, dass ich zum letzten Mal den Velokoffer packe. Es kam dann aber doch ganz anders.

Nicola Spirig nach dem Silber-Medaillengewinn in Rio de Janeiro mit Sohn Yannis und Ehemann Reto.

Nicola Spirig nach dem Silber-Medaillengewinn in Rio de Janeiro mit Sohn Yannis und Ehemann Reto.

Haben Sie sich aber schon konkret mit dem Gedanken auseinandergesetzt, wie es nach den Olympischen Spielen weitergeht?

Nicola: Viele Athleten fühlen sich freier, wenn sie wissen, was danach kommt. Ich plane zwar auch gerne, aber bei Olympischen Spielen ist es anders. Es ist etwas, wo ich meinen ganzen Fokus darauf legen will. Danach setzen wir uns zusammen und sehen, wie wir zusammen weiter gehen möchten. Wir haben sicher beide Dinge im Kopf, zum Teil kleine, die derzeit nicht möglich sind.

Zum Beispiel?

Spirig: Wir leben dieses Leben, weil es uns sehr viel Zeit mit der Familie ermöglicht. Das ist uns sehr wichtig und wird uns wichtig bleiben. Ich habe schon jetzt wahnsinnig viel Zeit mit den Kindern. Aber Tagesausflüge zum Beispiel sind fast unmöglich, weil ich immer irgend ein Training habe. Oder Haustiere sind auch so ein Thema. Da sage ich immer: ‹Kinder, nach den Olympischen Spielen könnt ihr wieder kommen (lacht).›

Hug: Bei uns überleben zum Teil nicht einmal die Kakteen. Deshalb haben wir im Moment nur Orchideen (lacht).

Haben Sie sich gefragt, wie ihr Leben ohne Sport aussehen wird?

Spirig: Sport ist unsere Leidenschaft, die wird uns erhalten bleiben. Als ich nach der ersten Geburt ein paar Tage nichts gemacht habe, sagte Reto zu mir: Geh doch wieder etwas machen, du wirst unausstehlich (lacht). Klar, der Spitzensport ist etwas anderes. Ich denke, die Schwierigkeit besteht darin, danach etwas zu finden, wofür man eine solche Leidenschaft hat wie für den Spitzensport. Davor habe ich Respekt. Andererseits hatte ich neben dem Sport immer noch andere Projekte: erst das Studium, dann eine Stiftung, jetzt natürlich die Kinder. Mein Leben war nie nur auf den Sport aufgebaut, weil mich auch andere Dinge interessieren, und weil ich das nie wollte. Ich habe mich nie nur durch den Sport definiert. Und ich glaube, das wird mir helfen. Natürlich werden mir gewisse Dinge fehlen, aber ich habe keine Angst vor der Zukunft. Der Sport ist zwar meine Leidenschaft, aber die Familie ist Liebe. Das hat für mich auch als Sportlerin Vorteile. Ich bin vielleicht nicht mehr so verbissen. Ich habe keine Zeit, mir lange Gedanken zu machen, weshalb es in einem Wettkampf oder Training nicht so gut gelaufen ist.

Seit 2012 sind Nicola Spirig und Reto Hug verheiratet.

Seit 2012 sind Nicola Spirig und Reto Hug verheiratet.

Dafür leidet wohl die Erholung.

Spirig: Klar, das ist nicht ideal, aber es gibt mir eine andere Art von Energie. Ich will es nicht anders. Es gibt sicher ab und zu Tage, an denen ich denke: Ah, die anderen gehen jetzt nach Hause ein Schläfchen machen. Daran erinnere ich mich tatsächlich noch (lacht).

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