Goalie Ludovic Waeber ist der Top-Transfer des ZSC - auch wenn die Verpflichtung zunächst unsinnig schien

Weil er Leonardo Genoni nicht bekam, holte ZSC-Sportchef Sven Leuenberger Ludovic Waeber – ein Volltreffer.

Klaus Zaugg
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ZSC-Goalie Ludovic Waeber, hier im dritten Spiel gegen Lausanne, entpuppt sich immer mehr als Toptransfer.

ZSC-Goalie Ludovic Waeber, hier im dritten Spiel gegen Lausanne, entpuppt sich immer mehr als Toptransfer.

Bild: Martial Trezzini/Keystone

Ein gewöhnlicher Sportchef beugt sich den Vorgaben des Verwaltungsrates. Ein grosser Sportchef sucht nach neuen Lösungen, wenn seine Wünsche nicht erfüllt werden. Sven Leuenberger ist ein grosser Sportchef. Im Sommer 2018 orientiert sich Leonardo Genoni neu. Er unterschreibt noch vor seiner letzten Saison beim SCB einen Fünfjahresvertrag beim EV Zug (bis 2024). Was kaum jemand weiss: Nicht nur Zug hat sich um die Dienste des WM-Silberhelden bemüht. Auch ZSC-Sportchef Sven Leuenberger wollte Leonardo Genoni.

Auf den ersten Blick eigentlich unsinnig: Lukas Flüeler hatte soeben die ZSC Lions nach 2012, 2014 und 2018 zum dritten Mal zum Titel gehext. Im siebten Spiel auswärts in Lugano beim 2:0. Der wehrhafte Riese (193 cm, 103 kg) ist zudem erst 29. Im besten Alter. Aber er ist auch ein zerbrechlicher Riese mit einer langen Verletzungshistorie. Sven Leuenberger ahnt, ja er weiss: Er braucht einen neuen Meistergoalie.

Zwei Gründe verhinderten Genoni-Transfer

ZSC-Manager Peter Zahner bestätigt auf Anfrage das damalige Interesse an Leonardo Genoni, ohne auf Details einzugehen: «Wenn ein Torhüter mit seiner Klasse auf dem Markt ist, dann ist er bei jedem ambitionierten Klub und jedem Sportchef ein Thema. Wir haben diese Angelegenheit nur kurz besprochen und dann zu den Akten gelegt.» Auch Leonardo Genonis Agent Erich Wüthrich beglaubigt das damalige Interesse der Zürcher.

Wie wir heute wissen: Sven Leuenberger hat Leonardo Genoni nicht bekommen. Aus zwei Gründen. Aus finanziellen und speziellen.

Der finanzielle: Gewährsleute aus der Innerschweiz beziffern Leonardo Genonis Lohn in Zug ziemlich genau auf 840000 Franken brutto plus Prämien. Sei’s drum: Weil auch Lukas Flüeler mit Vertrag bis 2022 mit über 400000 Franken gelöhnt wird, hätte eine Verpflichtung von Leonardo Genoni den ZSC Lions aufgrund der Vertragssituation das wohl teuerste Goalie-Duo ausserhalb der NHL beschert. Aber Geld ist in Zürich so wenig ein Problem wie in Zug. Es geht um etwas anderes. Um den speziellen Grund: Lukas Flüeler ist bei den ZSC Lions aufgrund seiner grossen Verdienste hoch angesehen und bestens bis in die höchste Führungsebene vernetzt. Ihm ausgerechnet Leonardo Genoni vor die Nase zu setzen? Nein, das geht nicht.

Was tut nun der gewöhnliche Sportchef in dieser Situation? Er fügt sich und sagt: Dann eben nicht und wenn’s nicht gut kommt, kann ich darauf verweisen, dass ich ja den Genoni wollte. Der grosse Sportchef aber sucht eine Lösung. Getreu dem Grundsatz: «Gouverner c’est prévoir.» Dass er in Zukunft nicht auf Niklas Schlegel bauen kann, ist ihm klar. Nur SCB-Sportchef Alex Chatelain weiss es nicht und holt Niklas Schlegel als Nachfolger von Leonardo Genoni nach Bern. Und muss ihn schon nach 16 Spielen nach Lugano abschieben.

Ludovic Waeber, die Rolex vom Transfer-Wühltisch

Die Lösung ist eine Rolex vom Transfer-Wühltisch. Also ein hochtalentierter junger Torhüter, dessen Potenzial die Konkurrenz nicht erkannt hat. Im Sommer 2020 wird Sven Leuenberger fündig und verpflichtet Ludovic Waeber, 23 Jahre alt, Fribourg Gottérons weitgehend unbekannte Nummer 2. «Wir haben uns auch gestützt auf die Empfehlung von Stephan Siegfried (Torhütertrainer der ZSC Lions – die Red.) für Waeber entschieden.»

Der ehemalige Junioren-Internationale hat bei Fribourg keine Chance, an Reto Berra vorbeizukommen, und war zudem wegen Verletzungen vom Radar der Sportchefs verschwunden. Sven Leuenberger spricht zwar von allem Anfang an von einem «extrem talentierten Goalie mit dem Potenzial zur Nummer 1». Aber der «Flüeler-Clan» im Kosmos der ZSC Lions ist nicht beunruhigt.

Nun liegt die Entscheidung bei Trainer Rikard Grönborg. Und der Schwede vertraut bald schon auf Ludovic Waeber. Das wird zum ersten Mal allen klar, als der Schwede die vermeintliche Nummer zwei im verlorenen Cupfinal gegen den SC Bern einsetzt. Und nun ist Ludovic Waeber in den Playoffs der Mann der Stunde: zwei Siege (5:0, 3:0) in den drei Partien gegen das hoch dotierte Lausanne – und dazu mit Abstand die beste Fangquote (96,70 %), eine bessere sogar noch als die von Zugs Goalie Leonardo Genoni (90,91 %). Sein Transfer könnte sich als der smarteste in diesem Jahrhundert erweisen.