Titel verteidigt
Tadej Pogacar ist Gesamtsieger der 108. Tour de France

Der Belgier Wout van Aert gewinnt die letzten beiden Etappen der Tour de France 2021 – der Slowene Tadej Pogacar wird Gesamtsieger.

Tom Mustroph
Merken
Drucken
Teilen

Diese Tour de France war eine besondere. Ein Profi mit Erfahrung kam zurück und schien in einen Jungbrunnen gefallen. Mark Cavendish schien so schnell, so explosiv wie in jungen Jahren. Nach Zeiten der Depression, niedergedrückt auch durch eine Viruserkrankung, feierte der 36-Jährige eine Art Wiederauferstehung bei der Tour. Das grüne Trikot des besten Sprinters war schnell seines. Sein Ausstatter lieferte ihm schnell auch grüne Rennhosen; ja alles, was man färben konnte, wurde im Laufe der Zeit grün bei Cavendish. «Ich fühle mich ein bisschen wie Kermit, der Frosch», scherzte er. Aber dieses Froschsein genoss er.

Gelb war wiederum schnell die Farbe, in der Tadej Pogacar erschien. Nicht dass ihm Gelb modisch besser stand als Cavendish die grüne Kombination. Aber er fuhr sich souverän in das gelbe Trikot, das traditionell dem Gesamtführenden der Tour zusteht.

Siegerbild in Gelb und mit Löwe: Tadej Pogacar.

Siegerbild in Gelb und mit Löwe: Tadej Pogacar.

Bild: Keystone/ Guillaume Horcajuelo/EPA (Paris, 18. Juli 2021)

In Gefahr, dieses Leibchen wieder loszuwerden oder die Kollektion der Plüschlöwen des Gelbsponsors LCL nicht fortsetzen zu können, geriet Pogacar nie. Die Löwen drängten sich im Frontfenster des Teambusses von UAE.

Sieger Pogacar gab den (Pelo-)Ton an

Löwenhalter Pogacar war nicht nur souveräner Leader im Gesamtklassement. Der junge Slowene mauserte sich auch immer mehr zur Respektsperson im Peloton. Passte ihm mal eine Fluchtgruppenzusammensetzung nicht, liess er sein UAE-Team die Lücke schnell schliessen. Besonders in der dritten Woche sah man dies. Pogacar bediente den Tempoknopf im Peloton, er regulierte auch das Ventil, das Fahrer aus dem Feld entweichen oder eben nicht entweichen liess. Seine Herrschaftsrolle übte er nicht so offensichtlich dominant aus wie lange Jahre Chris Froome oder Lance Armstrong. Wirkungsvoll war aber auch sein Management.

An die Grenzen kam der Slowene dennoch. Am Mont Ventoux fuhr ihm Jonas Vingegaard davon. Der Däne, zwei Jahre älter, aber eine Tour de France weniger an Erfahrung als Pogacar, war die Entdeckung dieser Tour. Prächtig vertrat er seinen gestürzten Captain Primoz Roglic. Er setzte Pogacar auch im Zeitfahren zu, war am Samstag 15 Sekunden schneller.

Vingegaard könnte der nächste Sieger werden

Mehr als fünf Minuten liegt Vingegaard dennoch hinter dem Slowenen zurück. Und fair erkannte er auch dessen Überlegenheit an. «Ich habe etwa eine Minute auf Pogacar verloren, als ich auf Primoz wartete. Aber auf die Rangfolge bei der Tour hatte dies keinen Einfluss. Pogacar war einfach stärker», meinte Vingegaard. Dennoch, für ihn, nur als Ersatz für den Velosport-müden Tom Dumoulin überhaupt ins Tourteam gekommen, waren die drei Wochen in Frankreich fantastisch. Sie stellen seinen Durchbruch dar. Pogacar jedenfalls traut Vingegaard schon «sehr bald den Toursieg zu», wie er sagte. Dann wird sich das Jungspund-Duo dieser Tour mit dem abwesenden dritten Youngster Egan Bernal und einem wiederhergestellten Roglic messen müssen – Roglic und Vingegaard dann in einer inte­ressanten Konfiguration von Co-Leadern bei Jumbo-Visma.

Die Tour wird nicht zur One-Man-Show

Wie Pogacars unbändige Angriffslust einzudämmen ist, ­bewies vor allem Team Ineos Grenadiers bei den Pyrenäenetappen. Zwei davon gewann Pogacar zwar locker. Es zeigte sich aber auch, dass dabei nicht alle seine Ambitionen Realität wurden. «Ich wollte eigentlich früher angreifen, aber ich kam nicht weg», gestand er ein. Sein Mittel des langen Angriffs, das die Tour über lange Zeit so spektakulär aussehen liess, kann nur dann vollumfänglich wirken, wenn das Tempo nicht ganz so hoch, wenn kein Team vorn auf allen Kesseln fährt. Mit der alten Taktik der Teams Sky und Jumbo–Visma ist in Zukunft vielleicht auch Pogacar beizukommen.

Der Belgier Wout Van Aert feiert auf der Tribüne.

Der Belgier Wout Van Aert feiert auf der Tribüne.

Bild: Christophe Ena / AP

Der Tour droht also nicht unbedingt, zur One-Man-Show zu verkümmern. Fünf oder sechs Toursiege traut zwar auch Legende Eddy Merckx dem Slowenen zu. Dass der Belgier nicht von mehr Siegen sprach, deutet angesichts des jungen Alters des Protagonisten aber auch an, dass Merckx es für möglich hält, dass Pogacar mal bei einer Tour teilnimmt und sie nicht gewinnt.

Einiges an Arbeitsaufgaben für die Zukunft hielt diese Tour auch für die Organisatoren und den Weltverband UCI bereit. Die vielen Stürze in der ersten Woche waren teilweise durch den Parcours bedingt. Ein paar neue Regeln – wie die Ausweitung der Sturzzone bei Massensprints auf mindestens zehn Kilometer – würden da schon hilfreich sein. Von 3 auf 4,5 km wurde sie bei einer problematischen Ankunft bereits ganz spontan vor Ort erhöht.

Helfen könnte auch die Einhaltung bisher bestehender Regeln. Die am heftigsten kritisierte Ankunft in Pontivy auf der 3. Etappe enthielt eine abschüssige Zielgerade und einen Knick auf den letzten 200 m. «Der Radsportverband hat sich hier bei der Abnahme der Strecke nicht an die eigenen Regeln gehalten, die so etwas verbieten», kritisierte Bora-Teamchef Ralph Denk.

Kann Pogacar einen dritten Tour-Sieg in Folge feiern?

Damit ein grosser Teil der Favoriten nicht noch einmal so früh aus dem Rennen ausscheidet und der Kampf um Gelb so spannungsarm ist, müssen die Verantwortlichen nachbessern. Nächste Gelegenheit ist kurz nach Olympia bereits die Vuelta in Spanien.

Zu diesem Zeitpunkt will Pogacar allerdings im Feiermodus sein. Die leise Hoffnung der Konkurrenz ist, dass er viel feiert und die Rückkehr ins Training dadurch verpasst. Dann wird sich an den zweiten Toursieg vielleicht nicht gleich der dritte anschliessen.

Tour de France. Schlussklassement: 1. Pogacar (SLO) 82:56:36. 2. Vingegaard (DEN) 5:20 Minuten zurück. 3. Carapaz (ECU)) 7:03. 4. O’Connor (AUS) 10:02. 5. Kelderman (HOL) 10:13. 6. Mas (ESP) 11:43. 7. Luzenko (KAS) 12:23. 8. Martin (FRA) 15:33. 9. Bilbao (ESP) 16:04. 10. Uran (KOL) 18:34. – Ferner: 49. Stefan Küng (SUI) 2:22:03. 58. Michael Schär (SUI) 2:35:18. 59. Silvan Dillier (SUI) 2:35:43. 98. Marc Hirschi (SUI) 3:24:38. 103. Stefan Bissegger (SUI) 3:31:35. 136. Reto Hollenstein (SUI) 4:24:19.

21. Etappe. Chatou–Paris (108,4km): 1. Van Aert (BEL) 2:39:37. 2. Philipsen (BEL). 3. Cavendish (GBR). 4. Mezgec (SLO). 5. Greipel (DEU). 6. Van Poppel (HOL). – Ferner: 14. Dillier (SUI). 27. Schär (SUI). 46. Küng (SUI). 63. Bisssegger (SUI). 68. Hirschi (SUI). 77. Hollenstein (SUI), alle gleiche Zeit.

20. Etappe. Einzelzeitfahren Libourne– Saint-Emilion (30,8 km): 1. Van Aert (BEL) 35:53. 2. Asgreen (DEN) 0:21 Minuten zurück. 3. Vingegaard (DEN) 0:32. 4. Küng (SUI) 0:38. 5. Bissegger (SUI) 0:44. 6. Cattaneo (ITA) 0:49. 7. Bjerg (DEN) 0:52. 8. Pogacar (SLO) 0:57. – Ferner: 76. Schär 4:25. 101. Hirschi 4:45. 104. Hollenstein 4:56. 138. Dillier 6:04.