French Open

Ein Erdbeben-Drama als Grundstein: «Die ganze Familie musste grosse Opfer bringen»

Martina Hingis (rechts) mit Doppelpartnerin Yung-Jan Chan.

Martina Hingis (rechts) mit Doppelpartnerin Yung-Jan Chan.

Als sie zehn Jahre alt ist, sterben in ihrer Nachbarschaft 23 Menschen. Heute spielt Yung-Yan Chan mit Martina Hingis Doppel.

Alles oder nichts, es ist das Credo, das Yung-Jan Chan (27) zur erfolgreichsten Tennis-Spielerin Taiwans macht. Am 21. September 1999 verlieren beim Jiji-Erdbeben in Zentraltaiwan 2415 Menschen ihr Leben, darunter auch zahlreiche Schulkameraden der talentierten Tennisspielerin. «Die Häuser in unserer Strasse waren total beschädigt, 23 Menschen kamen ums Leben.» Die Chans überleben, aber sie verlieren ihr Dach über dem Kopf und verarmen. «Es hätte Jahre gedauert, bis alles wieder aufgebaut gewesen wäre», sagt Chan.

Der Schicksalsschlag veranlasst die Familie, zu der auch die jüngere Schwester Hao-Ching (23) gehört, in die Hauptstadt Taipeh zu ziehen. Die Eltern stellen den talentierten Tennis-Spielerinnen ein Ultimatum. Innert drei Jahren sollten sie ihre Karrieren in erfolgreiche Bahnen lenken. «Die ganze Familie musste grosse Opfer bringen. Es war für alle eine schwierige Zeit», sagt Chan, die es im Einzel vor zehn Jahren immerhin bis auf Position 50 der Weltrangliste schaffte, wegen der körperlichen Belastung aber inzwischen nur noch im Doppel antritt.

«Mit Martina kann ich über alles reden. Sie ist sehr entspannt, locker und für alles offen.»

Yung-Yan Chan:

«Mit Martina kann ich über alles reden. Sie ist sehr entspannt, locker und für alles offen.»

Wie so viele Geschichten im Tennis beginnt auch jene von Yung-Jan Chan zu Hause vor dem Fernseher. Sie ist erst neun Jahre alt, als sie 1999 in der Heimat den Final der French Open zwischen Martina Hingis und Steffi Graf verfolgt. «Ich habe damals zu meinem Vater gesagt: ‹Ich möchte einmal so werden wie Martina und gegen sie spielen.›»

Hingis wie Constantin

Woraufhin ihr Vater erwidert: «Dann musst du dich beeilen, schliesslich bist du neun Jahre jünger.» Mit ihrer Schwester Hao-Ching gewinnt sie 17 Doppel-Titel und stösst in der Weltrangliste bis auf Platz 5 vor. Einmal, vor drei Jahren in Eastbourne, gewinnt das Schwestern-Doppel sogar im Final gegen Martina Hingis, die damals mit der Italienerin Flavia Pennetta spielt.

Doch Ende 2016 bleiben die Erfolge aus, die Schwestern versuchen sich mit anderen Partnerinnen. Wie auch Martina Hingis. Bei ihr ist es ein wenig wie bei Sion-Präsident Christian Constantin: Bleiben die Resultate aus, schaut sie sich nach einer neuen Partnerin um. Ende Januar ist es wieder so weit, nachdem Hingis bei den Australian Open die Titelverteidigung verpasst. Chan wird ihre 37. Partnerin seit 1994.

#Repost @latishayjchan (@get_repost) ・・・ Onto QF! #round3checked 進入八強!#法國公開賽

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Seit Februar haben die beiden drei Titel gewonnen, bei den French Open steht das Duo nach drei Siegen in den Achtelfinals. Angst, dass sie irgendwann ohne Partnerin dasteht, weil der Erfolg ausbleibt, hat sie keine: «Wenn es nicht mehr klappt, trennen wir uns und bleiben trotzdem Freunde.»

Doch bisher ist die Partnerschaft eine Erfolgsgeschichte. Als sie im Februar offiziell machen, was zuvor während Tagen die Klatschspalten in Taiwan füllt, wirft das grosse Wellen. «Radio, das Fernsehen, Zeitungen – alle wollten etwas von uns, es war verrückt. Tennis ist sehr populär und Martina ist in Taiwan ein grosser Star», sagt Chan.

Sie erinnert sich daran, dass sich ihr auch zwei Tage nach dem ersten Gespräch noch die Nackenhaare aufgestellt hätten. «Ich dachte nur: ‹Verdammt, das ist Martina Hingis. Und sie will wirklich mit mir Doppel spielen.›» Heute, vier Monate später, sei die Beziehung bereits sehr eng. «Mit Martina kann ich über alles reden. Sie ist sehr entspannt, locker und für alles offen.»

Süsses Erfolgsgeheimnis

Helfen würde auch, dass sie sich für die gleichen Dinge interessieren. «Mode oder gutes Essen», sagt Chan. Zwar hätten sie noch keine Zeit zum Kochen gefunden, dafür erinnert sie sich gerne an das erste gemeinsame Turnier. «Ich hatte länger beim Duschen und Martina hatte bereits Kuchen organisiert. Ich dachte: Das ist genau das, was ich jetzt brauche.»

Martina Hingis und Yung-Yan Chan haben seit Februar drei Titel gewonnen.

Martina Hingis und Yung-Yan Chan haben seit Februar drei Titel gewonnen.

Sie und Hingis würden auf Opern-Torte stehen, ein Kuchen aus in Kaffeesirup getränkten Mandelbiskuitschichten, Ganache und Kaffee-Buttercreme, überzogen mit Schokolade. «In Paris hatten wir leider noch keine Gelegenheit», sagt Chan. Spätestens nach dem ersten gemeinsamen Grand-Slam-Titel dürfte sich das ändern.

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