Vielleicht wird das Haus des Fussballs ja demnächst von Muri bei Bern an den Lago Maggiore versetzt. Man wird nämlich den Eindruck nicht los, das Machtzentrum unseres Fussballs liege im Tessin. Der Nationalcoach Vladimir Petkovic hat hier seine zweite Heimat gefunden, der U21-Nationalcoach Mauro Lustrinelli ist ein Südschweizer und Claudio Sulser, der bisherige Delegierte des Nationalteams, lebt in Lugano.

Da mit Pierluigi Tami nun auch sein Nachfolger ein waschechter Tessiner ist, müsste man glauben, die Musik des Schweizer Fussballs spiele im Tessin. Indes: grosse Stricke haben sie ennet des Gotthards schon lange nicht mehr zerrissen. Wie dem auch sei.

Pierluigi Tami über seine Rolle als Nati-Direktor

Im Interview: Pierluigi Tami über seine Rolle als Nati-Direktor

Der Zentralvorstand des Schweizerischen Fussballverbandes hat heute den 57-jährigen Tami zum Direktor der Nationalmannschaften bestellt, wie die offizielle Bezeichnung lautet. Er wird die Stelle am 1. August antreten. Sie ist vorerst auf zwei Jahre begrenzt. Heinrich Schifferle, Präsident der Swiss Football League, die das Vorschlagsrecht hatte, bestätigte, dass ursprünglich Martin Andermatt, Peter Knäbel, Alain Sutter und eben Tami auf der Shortlist standen.

Sutter gegen Tami

Dass es am Ende noch darum ging, ob Sutter oder Tami das Rennen machen würden, hatte sich letzte Woche herumgesprochen. Ersterer sei in der Poleposition, sickerte durch. Warum es anders gekommen ist, gibt zu Spekulationen Anlass; Schifferle will nichts dazu sagen, wehrt sich vehement gegen die Meinung, Tami sei ein Notnagel.

Man hört, Sutter habe sich vor dem SFL-Komitee nicht besonders vorteilhaft präsentiert und womöglich gespürt, dass ihm die Felle davonschwimmen. Und dann abgesagt, um beim FC St. Gallen ein Projekt fortzuführen. Schifferle erläuterte, was in Tamis Pflichtenheft steht: Die Festlegung der sportlichen Ziele; die Führung des Nationaltrainers sowie des Staffs inklusive der U21; die Verwaltung des Budgets innerhalb des vorgegebenen Rahmens; das Prämienwesen und das Festlegen der Kommunikationsstrategie.

Tami seinerseits skizzierte seinen Werdegang und zählte seine Trainerstationen auf, was irgendwie schräg herüberkam. Wäre das doch eher die Pflicht des Liga-Präsidenten gewesen. Tami begründete, weshalb er nach seiner Trainertätigkeit beim FC Lugano ein Sabbatical genommen habe. Zusammen mit seinem Bruder habe er das von ihnen aufgebaute Ingenieurbüro verkauft. Der Tessiner sagte, dass er dann die Anfrage der Swiss Football League rasch mit Ja beantwortet habe.

«Ich will keine grosse Revolution»

Er sei jetzt vierzig Jahre im Fussball tätig, als Spieler in der NLA, als Trainer von Lugano und GC sowie zehn Jahre lang beim Verband als Nachwuchstrainer und im Staff der A-Nati-Coaches Köbi Kuhn und Ottmar Hitzfeld. «Ich denke, ich habe im Fussball alles gesehen und auch Erfahrung als Unternehmer gemacht. Ich bringe die Voraussetzungen für diesen Job mit. Die Herausforderung reizt mich», sagte Tami.

Er betonte, dass es ja eigentlich sehr gut laufe mit dem A-Team und dass auch er mithelfen wolle, dass dieses bei einem grossen Turnier endlich einmal in einen Viertelfinal vorstosse. «Aber ich will nicht stören», sagte er fast schon unterwürfig. «Ich will keine grosse Revolution. Wir haben in der EM-Qualifikation vier Punkte aus zwei Spielen geholt.»

Was aber will Tami ändern? Wo sieht er Defizite und Handlungsbedarf? «Ich muss nun in den nächsten Monaten einmal alle kennen lernen, im Verband und bei den Klubs. Erst dann werde ich meine Vorstellungen öffentlich machen», sagt Tami. Auf jeden Fall soll er mehr Kompetenzen haben als sein Vorgänger, der dieses Amt neben seinem Beruf als Anwalt ausführte.

Ob er schliesslich, wie von der Liga angedacht, auch Chef über alle Nationalteams bis hinunter zu den Jüngsten wird, ist offen. Nicht alle im Verband könnten sich mit dieser Lösung anfreunden. Vermutlich aber wird man sich auf einen Kompromiss einigen. Wie auch Tamis Wahl ein solcher ist.