Eigentlich war man sich sicher, dass der Schweizer Kombinierer Tim Hug gestern nach seinem letzten WM-Einsatz vor die Medien tritt und sagt: «Das war’s!»

Tat der 31-jährige Solothurner aber nicht. Zwar gab Hug zu, dass «der Entscheid vor einem Monat noch zu 99 Prozent klar war. Und meine Mutter wäre wohl sehr froh, wenn fertig ist.» Aber nach einer mehr als durchzogenen Saison kamen bei Hug just auf die WM hin die Lockerheit und damit auch die Freude und der Hunger zurück.

Und vor dem Saisonhöhepunkt wollte er sich nicht durch Gedanken zum Rücktritt ablenken lassen. Gestern nun sagte Hug: «Wenn das ganze Package für nächste Saison stimmt, dann könnte ich es mir vorstellen, nochmals anzutreten.» Nach den zwei verbleibenden Weltcup-Veranstaltungen will der Student der erneuerbaren Energien und Umwelttechnik einen definitiven Entscheid fällen. «Es wird eine Mischung aus Bauch- und Kopfentscheid werden.»

Der 26. Platz in seinem zweiten WM-Wettkampf wird ihm dabei nicht als Referenz dienen. Hug erwischte auf der Schanze ganz schlechte Bedingungen. «Ich habe in dieser Lotterie nicht gerade den Sechser gezogen», meinte er mit einer Spur Sarkasmus. In der Loipe bewies Hug dann aber seine gute Form. Auf den siegreichen Norweger Jarl Magnus Riiber verlor er auf den 10 Kilometern nur noch 16  Sekunden und machte insgesamt elf Positionen gut.

Weit weg von der Konkurrenz

Bei Swiss Ski geht man trotz Hugs momentaner Teilzeit-Euphorie davon aus, dass der letzte verbliebene Nordisch-Kombinierer auf internationalem Niveau zurücktritt. Weil die Beiträge des Skiverbands an die Sparte Nordische Kombination weiterhin eher nach unten zeigen, wird das von Hug angesprochene «Package» kaum höheren Ansprüchen genügen.

In diesem Winter war Hug als Söldner im norwegischen Team unterwegs, was zwar neue Inspiration, aber auch einen grossen Organisations- und Zeitaufwand bedeutete.

Was aber passiert, wenn es keinen Tim Hug mehr im Weltcup gibt? Stirbt diese traditionelle Sportart, die in Seefeld gar die grössten Zuschauermassen anzog, dann in der Schweiz aus? Und dies 31 Jahre nach dem Olympiasieg von Hippolyt Kempf.

Zwar gibt es auf Stufe Skiklubs bis Regionalverband einige wenige potenzielle Kombinierer, von denen einer sich bereits punktuell im Alpencup versucht. Aber bereits auf der tiefsten Wettkampfstufe «wird uns schonungslos aufgezeigt, wie weit weg wir von internationaler Konkurrenzfähigkeit sind», wie Disziplinenchef Berni Schödler ausführt.

Und eine Karriereleiter ist nicht einmal im Ansatz vorhanden. Ausserhalb von Klubstrukturen existiert derzeit kein Betreuungsangebot für allfällige Talente. Wer derzeit als NordischKombinierer bei Swiss Ski anklopft, erhält als Antwort: «Niemand zuhause!»

Für Schödler ist deshalb klar, dass es nun einen Grundsatzentscheid des Präsidiums von Swiss Ski braucht, ob man diese traditionelle Sportart in der Schweiz fördern wolle oder die Lichter löscht. So wie derzeit mache es keinen Sinn. Man müsse eine klare Entscheidung fällen und diesen Entscheid ebenso klar kommunizieren, fordert Berni Schödler. «Derzeit sind wir weder Fisch noch Vogel».

Tim Hug, ein Fall fürs Museum?

Man müsste Strukturen und ein Betreuerteam aufbauen, das sich der Talente annimmt oder solche bewusst zu Kombinierern formt. Aber das kostet Geld. Für das norwegische Team zum Beispiel waren in Seefeld 14  Betreuungspersonen im Einsatz.

Angesichts des finanziellen Aufwands für mehr als ungewisse Erfolgsaussichten ist eher zu erwarten, dass Hug seinen Enkeln eines Tages erzählen wird, er sei der Letzte seiner Art gewesen. Ein Fall fürs Museum, wenn er denn eines Tages zurücktreten wird.