Eishockey
Ein Abend mit Kari Jalonen: Freud und Leid eines Eishockeytrainers an der Bande

Wie tickt Kari Jalonen, der Coach des SC Bern und wie fühlt es sich an, mehr oder weniger machtlos das Spielgeschehen von Aussen zu beobachten? Wir haben Jalonen beim 6:2 seiner Mannschaft gegen Biel beobachtet und analysiert, wie er auf die jeweiligen Spielsituationen reagiert.

Marcel Kuchta
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Der lachende Finne: SCB-Cheftrainer Kari Jalonen mit einer für ihn eher ungewöhnlichen Gefühlsregung.

Der lachende Finne: SCB-Cheftrainer Kari Jalonen mit einer für ihn eher ungewöhnlichen Gefühlsregung.

KEYSTONE

Während die Mehrheit der über 17 000 Zuschauer in der ausverkauften Postfinance-Arena zusammen mit dem Moderator die Spielernamen der SCB-Akteure skandiert, schleicht er unbemerkt auf die Spielerbank: Headcoach Kari Jalonen.

Und mit ihm sein Assistent Samuel Tilkanen. Auf dem Eis lodern die Flammenwerfer, die beim Einlauf der Gladiatoren wirkungsvoll in Szene gesetzt werden. Jalonen schaut sich das gewohnte Spektakel geduldig an und hofft wohl innerlich, dass seine Spieler ähnlich feurig ans Werk gehen mögen.

Eine typische Bewegung

Das Licht in der zuvor abgedunkelten Arena geht an. Die vier Schiedsrichter fahren zur Begrüssung an den Spielerbänken vorbei. Jalonen nickt ihnen freundlich zu. Dann richtet sich sein Blick auf seine Notizen. Er macht eine seiner typischen Bewegungen, ein kurzer Wischer mit dem Handrücken unter der Nase durch, rückt seine Brille zurecht. Es geht los.

Beobachtet man Kari Jalonen während des Spielgeschehens, dann fällt ziemlich schnell vor allem eines auf. Sein Bewegungsradius tendiert gegen null. Er steht fast immer am selben Ort, in der Mitte hinter den Stürmern, während sich Assistent Tilkanen auf der anderen Seite um die Verteidiger kümmert.

Auch wenn es noch so heiss zu- und hergeht auf dem Eis: eine emotionale Reaktion ist kaum zu erkennen. Höchstens mal ein leichtes Durchstrecken des Rückens, wenn es vor dem eigenen Tor brennt.

Jalonen ballt die Faust

Das tut er auch in diesem dritten Playoff-Duell der Berner gegen den EHC Biel. Damien Riat trifft in der 7. Minute den Pfosten von Leonardo Genonis Gehäuse. Im Gegenzug fällt dann aber der Führungstreffer für den SCB.

Jan Mursak trifft zum 1:0. Kari Jalonen ballt die Faust, schreit kurz und klatscht mit Tilkanen ab. Das heisst: er streckt seine Faust hin, welche der Assistent seinerseits mit der Faust anstösst. Dasselbe passiert mit den Stürmern, die vom Eis kommen.

Sie erhalten vom Headcoach als Anerkennung einen kurzen «Fist-bump», wie die englische Bezeichnung lautet. Trotz der frühen Führung bleibt Kari Jalonen sichtlich angespannt. Die Miene ernsthaft. Immer wieder fährt die Zunge nervös über die Lippen.

Der Bewegungsradius von Trainer Kari Jalonen tendiert auch im Spiel gegen die Bieler gegen null.
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Jan Mursak (M.) gegen Anssi Salmela (l.) und Torhüeter Jonas Hiller (r.). Nach dem 1:0 durch Mursak gibt es für die Stümer einen «Fist-bump» von Jalonen.
Andrew Ebbett (l.) kämpft mit Mitspieler Yanik Burren (M.) gegen Dominik Diem (r.). Auch nach dem darauf folgenden 2:0 von Ebbett kann Jalonen sich nicht entspannen.
Während Ramon Untersander (M.) sein Tor zum 3:0 bejubelt, traut Jalonen dem Frieden nicht.
Daniele Grassi (r.) im Duell mit dem Berner Marc-Antoine Pouliot (l.). Es ist eine kampfbetonte Partie, Jalonen bleibt hingegen immer ruhig, auch, als den Berner der Treffer zum 4:0 aberkannt wird.
Als hätte er es geahnt, fällt schliesslich das 3:1 durch Damien Brunner für die Bieler. Jalonen verlangt nach einer «Coaches challenge», der Treffer ist allerdings regulär.
Doch auch Gregory Sciaroni (r.) kann nachsetzten, erzielt das 4:1 und jubelt danach mit Yanik Burren (l.). Jalonen zeigt weniger Euphorie.
Erst nach dem 5:1 zeigt sich ein kleines Lächeln auf Jalonens Gesicht. Auch der Torschütze Mark Arcobello feiert den Treffer mit Calle Andersson, Andrew Ebbett und Simon Moser (v.l.n.r.)
Die Berner haben den Sieg so gut wie im Sack, daran kann auch das 5:2 von Mathieu Tschantre (l.) nichts ändern. Jalonen bleibt entspannt.
Am Schluss gewinnt Bern 6:2, auch dank einem zweiten Treffer von Jan Mursak (l.) der sich hier mit Ramon Untersander (r.) freut.
Nach dem Sieg meint Jalonen dann doch, dass die Playoffs die schönste Zeit des Jahres seien. Bis zum nächsten Spiel kann der SCB-Trainer erst einmal entspannen.

Der Bewegungsradius von Trainer Kari Jalonen tendiert auch im Spiel gegen die Bieler gegen null.

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Der Austausch mit den Spielern ist minim. Anweisungen gibt der SCB-Headcoach nur ganz vereinzelt. Vor allem dann, wenn er seine Sturmlinien aufs Eis schickt. Hie und da tauscht er sich mit seinem Assistenten aus. Wobei die Initiative zumeist von Tilkanen ausgeht.

Das übliche Tor-Ritual

In der 14. Minute erzielt Andrew Ebbett das 2:0 für die Berner, die nun klar die bessere Mannschaft sind. Jalonen zelebriert sein übliches Tor-Ritual, wippt einmal kurz mit den Füssen und ist sofort wieder in seinem Coaching-Modus. Auch er weiss: seine Mannschaft hat während dieser Playoffs schon einige Male eine 2:0-Führung vergeigt. Es gibt keinen Grund, locker zu lassen.

Auch nicht, als Ramon Untersander schon weit im zweiten Durchgang das 3:0 gelingt. Man merkt, dass Kari Jalonen dem Frieden noch lange nicht traut. Und, als ob seine Vorahnung bestätigt wird, spitzt sich die Dramaturgie im dritten Abschnitt noch einmal zu.

Erst wird ein Berner Treffer, es wäre das wohl entscheidende 4:0 gewesen, nicht anerkannt, weil die Schiedsrichter das Spiel schon abgepfiffen hatten. Der SCB-Headcoach zeigt keine Reaktion. Er weiss, dass alles korrekt abgelaufen ist.

Der Coach erhebt Einspruch

Ein paar Minuten später erzielt Damien Brunner das erste Tor für die Bieler. Sofort geht Kari Jalonens Blick zu Samuel Tilkanen, der sich die Hand an seinen Knopf im Ohr drückt. War das nicht offside? Die Rückmeldung des Videocoaches auf der Tribüne lässt offenbar Interpretationsspielraum.

Tilkanen und Jalonen tauschen sich kurz aus. Dann folgt die Anweisung an SCB-Captain Simon Moser, beim Schiedsrichter eine «Coaches challenge» zu verlangen. Das heisst: die Linienrichter müssen auf den Videobildern noch einmal überprüfen, ob beim Angriff der Bieler nicht eine Offside-Position vorgelegen hat.

Jalonens Blick geht gespannt zum Videowürfel in der Postfinance-Arena, wo die verschiedenen Kamera-Einstellungen ebenfalls zu sehen sind. Auf den Szenen lässt sich aber nicht einwandfrei feststellen, dass der Bieler Spieler vor dem Puck ins gegnerische Drittel gefahren ist. Das Tor zählt. Jalonen nimmt es mit einem Nasenwischer zur Kenntnis und schickt seine nächste Sturmlinie aufs Eis.

Und dann lacht er sogar

Dort wird das Geschehen nochmals etwas hektischer. Die Bieler glauben wieder an ihre Chance, während sich bei einigen Berner Spielern Zweifel ins Selbstvertrauen einzuschleichen scheinen. Doch dann trifft Gregory Sciaroni in der 53. Minute zum 4:1. Jalonen jubelt, zieht die Hose hoch, wischt unter der Nase durch und richtet seine Brille.

Nachdem Mark Arcobello kurz darauf das 5:1 gelingt, ist auf dem Gesicht des sonst so ernsthaften Kari Jalonen sogar ein Lächeln erkennbar. Er weiss: jetzt kann nichts mehr passieren. Wobei er sich fast irrt.

Um ein Haar wird der Berner Headcoach dann noch von einem fehlgeleiteten Puck getroffen. Man könnte fast vermuten, dass es für ihn der aufregendste Moment des ganzen Abends gewesen ist.

Aber war das Spiel für ihn wirklich so unaufgeregt, wie es gegen aussen wirkte? «Für Spieler und Trainer gilt während der Playoffs dasselbe: Es ist die schönste Zeit des Jahres», antworte Kari Jalonen nach dem Spiel auf die entsprechende Frage lachend und mit einem vielsagenden Blick. Im Wissen, dass seine Mannschaft nach dem überzeugenden 6:2-Heimsieg wieder zurück im Geschäft ist.