Tennis
«Ein 38-Jähriger sorgt für derartige Emotionen – was Federer hier in Australien auslöst, ist unerreicht»

CH-Media-Tennis-Experte Simon Häring beschreibt im Interview, wie Melbourne auf den Viertelfinal-Sieg von Roger Federer reagiert. Und wagt einen Ausblick auf den Halbfinal.

Etienne Wuillemin
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Was für eine Erlösung: Roger Federer jubelt nach 3,5 Stunden über seinen Viertelfinal-Sieg.
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Er bezwingt den US-Amerikaner Tennys Sandgren in fünf Sätzen.
Der angeschlagene Federer steht nun in der Runde der letzten Vier.
Für den Maestro war das Match mehrmals schon fast gelaufen.
Sandgren konnte aber keinen seiner sieben Matchbälle nutzen.
Wegen Meckerns wird Federer im dritten Satz verwarnt.
Ebenfalls im dritten Satz muss sich Federer behandeln lassen.
Federer im Interview mit Ex-Tennisprofi Jim Courier nach dem Spiel.
Sandgren in Aktion.
Was für eine Leistung von Federer (hier in einem früheren Match in Melbourne).

Was für eine Erlösung: Roger Federer jubelt nach 3,5 Stunden über seinen Viertelfinal-Sieg.

Keystone

Was für eine Wende von Roger Federer! Was für ein Wahnsinns-Spiel! Wie war gerade die Stimmung in Melbourne?

Simon Häring: Es war ein komisches Spiel, in dem Federer ab Mitte des dritten Satzes eigentlich wie der sichere Verlierer aussah, nachdem er sich wegen einer Verletzung an der Leiste hat behandeln lassen müssen. Er schlug danach auch im Schnitt zehn Stundenkilometer weniger hart auf. Er profitierte auch von Sandgrens Nervosität bei den Matchbällen. Anfang des fünften Satzes wirkte er dann aber wieder frischer. Und die Stimmung war elektrisierend. Hier bewegt eben keiner so die Massen wie Federer. Es gibt immer noch einen Superlativ.

Was ist da genau passiert in diesem Spiel?

Kurz gesagt? Federer gewann ein Spiel, das er eigentlich schon verloren hatte. Er sagte danach ja auch, er glaube an Wunder. Sandgren nutzte seine Chancen nicht. Vermutlich zittert die Hand in einem Grand-Slam-Viertelfinal gegen eine Ikone wie Roger Federer in den letzten Zügen ihrer Karriere eben noch etwas mehr als sowieso. Diese Erfahrung musste auch schon John Millman machen, der eigentlich nur im Tiebreak des fünften Satzes nicht gut gespielt hatte. Sandgren verlor das Spiel im vierten Satz, Federer gewann es im fünften, in dem er sich von seinen körperlichen Problemen erholt hatte. Das Adrenalin war heute wohl seine wichtigste Waffe. Sie lässt auch Schmerzen ausblenden.

Federer hat sieben Matchbälle abgewehrt – wie geht das?

Das ist die Faszination des Tennis. Es ist ein Duell auf Distanz, dessen Ausgang bis zum letzten Punkt ungewiss ist. Man darf nicht vergessen, dass Tennis ein Spiel der Momente ist: Man kann weniger Punkte als der Gegner für sich entscheiden, aber wenn es die richtigen sind, gewinnt man. Man erinnere sich nur an den Wimbledon-Final 2019, in dem Federer 14 Punkte mehr gewann als Novak Djokovic, aber eben die drei Tiebreaks verlor. Federer spielte heute zwar gut, aber er hatte auch Glück, dass Sandgren im entscheidenden Moment nicht sein bestes Tennis spielte. Ein Ass, oder ein guter erster Aufschlag von Sandgren und die Australian Open 2020 wären für Federer zu Ende gewesen.

Hat er schon mal ein vergleichbares Spiel gewonnen?

Tatsächlich hat Federer nun schon 24 Spiele gewonnen, in denen er Matchbälle gegen sich hatte. Und einmal sogar schon, in dem es deren 7 waren. 2003 in Cincinnati gegen den Australier Scott Draper war das. 2014 wehrte er in Shanghai in seinem ersten Spiel gegen Leonardo Mayer fünf Matchbälle ab. Und gewann danach sogar das Turnier. Bei einem Grand-Slam-Turnier ist es erst das vierte Mal, dass Federer nach Matchbällen gegen sich noch gewinnt. Die schlechte Nachricht: Noch nie gewann er danach auch das Turnier.

Zwischendurch sah Federer ziemlich angeschlagen aus, er hat sich kaum mehr bewegt und gefühlt ging jeder zweite Ball meterweise ins Aus. Ist schon bekannt, was für Probleme er hatte?

Offenbar sind es Probleme mit der Leiste. Es ist gut möglich, dass er sich in 48 Stunden von so einer Blessur gut erholt. Allerdings wird Federer nicht sagen, wo es überall zwickt. Er ist ja noch im Turnier. Auf dem Platz sagte er: «Ich nehme nicht gerne solche Behandlungspausen, weil es ein Zeichen von Schwäche ist.» Und Schwächen will man bekanntlich nicht zeigen, wenn man noch um den Titel spielen will.

Es ist schon die zweite dramatische, kräfteraubende Wende nach dem Sieg in der 3. Runde gegen John Millman. Reicht seine Energie für den Halbfinal gegen – aller Voraussicht nach – Novak Djokovic?

Schwierig zu sagen. Sein Physiotherapeut Daniel Troxler ist jedenfalls gefordert. Es gibt ja das Bonmot, wonach man Grand-Slam-Turniere in der ersten Woche nicht gewinnen, aber sehr wohl verlieren kann. Federer konnte leider bisher nicht den Eindruck hinterlassen, dass er Djokovic fordern könnte und hat schon gegen Millman Körner gelassen. Vielleicht sollte man jetzt weniger vom Turniersieg reden, als davon, dass ein 38-Jähriger in Australien noch einmal für solche Emotionen sorgt. Was Federer hier auslöst, ist unerreicht. Und wer weiss: Es sind ja nur noch zwei Spiele bis zum Titel. Vor drei Jahren hatte Federer jedenfalls noch mehr Probleme. Und am Ende gewann er.

Das sind alle 103 Turniersiege von Roger Federer

103. Titel, Basel 2019 Alex De Minaur 6:2, 6:2
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102. Titel, Halle 2019 David Goffin 7:6, 6:1
101. Titel, Miami 2019 John Isner, 6:1, 6:4
100. Titel, Dubai 2019 Stefanos Tsitsipas. 6:4, 6:4
99. Titel, Basel 2018 Marius Copil, 7:6, 6:4
98. Titel, Stuttgart 2018 Milos Raonic, 6:4, 7:6
97. Titel, Rotterdam 2018 Grigor Dimitrov, 6:2, 6:2
96. Titel, Australian Open 2018 Marin Čilić, 6:2, 6:7, 6:3, 3:6, 6:1
95. Titel, Basel 2018 Juan Martín del Potro, 6:7, 6:4, 6:3
94. Titel, Shanghai 2017 Rafael Nadal, 6:4, 6:3.
93. Titel, Wimbledon 2017 Marin Cilic, 6:3, 6:1, 6:4
92. Titel, Halle 2017 Alexander Zverev, 6:1, 6:3
91. Titel, Miami 2017 Rafael Nadal, 6:3, 6:4
90. Titel, Indian Wells 2017 Stan Wawrinka, 6:4, 7:5.
89. Titel, Australian Open 2017 Rafael Nadal, 6:4, 3:6, 6:1, 3:6, 6:3.
88. Titel, Basel 2015 Rafael Nadal, 6:3, 5:7, 6:3.
87. Titel, Cincinnati 2015 Novak Djokovic, 7:6 (7:1), 6:3.
86. Titel, Halle 2015 Andreas Seppi, 7:6 (7:1), 6:4
85. Titel, Istanbul 2015 Pablo Cuevas, 6:3, 7:6 (13:11)
84. Titel, Dubai 2015 Novak Djokovic, 6:3, 7:5.
83. Titel, Brisbane 2015 Milos Raonic, 6:4, 7:6, 6:4. - Es war Federers 1000. ATP-Karriere-Sieg.
82. Titel, Basel 2014 David Goffin, 6:2, 6:2.
81. Titel, Schanghai 2014 Gilles Simon, 7:6 (8:6), 7:6 (7:2)
80. Titel, Cincinnati 2014 David Ferrer, 6:3, 1:6, 6:2.
79. Titel, Halle 2014 Alejandro Falla, 7:6, 7:6
78. Titel, Dubai 2014 Tomas Berdych, 3:6, 6:4, 6:3.
77. Titel, Halle 2013 Michail Juschni, 6:7 (5:7), 6:3, 6:4.
76. Titel, Cincinnati 2012 Novak Djokovic, 6:0, 7:6 (9:7)
75. Titel, Wimbledon 2012 Andy Murray 4:6, 7:5, 6:3, 6:4
74. Titel, Madrid 2012 Tomas Berdych 3:6, 7:5, 7:5.
73. Titel, Indian Wells 2012 John Isner, 7:6, 6:3.
72. Titel, Dubai 2012 Andy Murray, 7:5 6:4.
71. Titel, Rotterdam 2012 Juan Martin Del Potro, 6:1, 6:4.
Federer feiert 2011 an den ATP World Tour Finals in London den 70. Titel im 100. Final Jo-Wilfried Tsonga, 6:3, 6:7, 6:3
69. Titel in Paris-Bercy Jo-Wilfried Tsonga, 6:1, 7:6
68. Titel in Basel 2011 Kei Nishikori, 6:1, 6:3
67. Titel in Doha 2011 Nikolay Davydenko, 6:3, 6:4
66. Titel an den World Tour Finals in London 2010 Rafael Nadal, 6:3, 3:6, 6:1
65. Titel in Basel 2010 Novak Djokovic, 6:4, 3:6, 6:1
64. Titel in Stockholm 2010 Florian Mayer, 6:4, 6:3
63. Titel in Cincinnati 2010 Mardy Fish, 6:7, 7:6, 6:4
62. Titel: Federer gewinnt die Australian Open 2010 Andy Murray, 6:3, 6:4, 7:6
61. Titel in Cincinnati 2009 Novak Djokovic, 6:1, 7:5
60. Titel: Wimbledon 2010 Andy Roddick, 5:7, 7:6, 7:6, 3:6, 16:14
59. Titel: Ein emotionaler Titel! Federer gewinnt 2009 endlich die French Open in Paris Robin Söderling, 6:1, 7:6, 6:4
58. Final in Madrid 2009 Rafael Nadal, 6:4, 6:4
57. Final in Basel 2008 David Nalbandian, 6:3, 6:4
56. Titel: Federer gewinnt die US Open 2008 Andy Murray, 6:2, 7:5, 6:2
55. Titel in Halle 2008 Halle. Philipp Kohlschreiber, 6:3, 6:4
54. Titel in Estoril 2008 Nikolay Davydenk0, 7:6, 1:2 (w.o.)
53. Titel in Schanghai 2007 David Ferrer, 6:2, 6:3, 6:2
52. Titel in Basel 2007 Jarkko Nieminen, 6:3, 6:4
51. Titel: US Open-Sieg 2007 Novak Djokovic, 7:6, 7:6, 6:4
50. Titel in Cincinnati 2007 James Blake, 6:1, 6:4
49. Titel: Skpektakulärer Wimbledon-Triumph 2007 Rafael Nadal, 7:6, 4:6, 7:6, 2:6, 6:2
48. Titel in Hamburg 2007 Rafael Nadal, 2:6, 6:2, 6:0
47. Titel in Dubai 2007 Mikhail Juschni, 6:4, 6:3
46. Titel: Federers Sieg an den Australian Open 2007 Fernando Gonzalez, 7:6, 6:4, 6:4
45. Titel in Schanghai 2006 James Blake, 6:0, 6:3, 6:4
44. Titel in Basel 2006 Fernando Gonzalez, 6:3, 6:2, 7:6.
43. Titel in Madrid 2006 Fernando Gonzalez, 7:5, 6:1, 6:0
42. Titel in Tokio 2006 Tim Henman, 6:3, 6:3
41. Titel: Federer gewinnt 2006 auch die US Open Andy Roddick, 6:2, 4:6, 7:5, 6:1
40. Titel in Toronto 2006 Richard Gasquet, 2:6, 6:3, 6:2
39. Titel, Federer gewinnt 2006 Wimbledon Rafael Nadal, 6:0, 7:6, 6:7, 6:3
38. Titel in Hamburg 2006 Tomas Berdych, 6:0, 6:7, 6:2
37. Titel in Miami 2006 Ivan Ljubicic, 7:6, 7:6, 7:6
36. Titel in Indian Wells 2006 James Blake, 7:5, 6:3, 6:0
35. Titel: Ein emotionaler Titel: Federer gewinnt 2006 die Australian Open Marcos Baghdatis, 5:7, 7:5, 6:0, 6:2
34. Titel in Doha 2006 Gaël Monfils, 6:3, 7:5
33. Titel in Bangkok 2005 Andy Murray, 6:3, 7:5
32. Titel: Federer gewinnt 2005 die US Open Andre Agassi, 6:3, 2:6, 7:6, 6:1
31. Titel in Cincinnati 2005 Andy Roddick, 6:3, 7:5
Federer gewinnt Wimbledon 2005, sein 30. Titel Andy Roddick, 6:2, 7:6, 6:4
29. Titel in Halle 2005 Marat Safin, 6:4, 6:7, 6:4
28. Titel in Hamburg 2005 Richard Gasquet, 6:3, 7:5, 7:6
27. Titel in Miami 2005 Rafael Nadal, 2:6, 6:7, 7:6, 6:3, 6:1
26. Titel in Indian Wells 2005 Lleyton Hewitt, 6:2, 6:4, 6:4
25. Titel in Dubai 2005 Ivan Ljubicic, 6:1, 6:7, 6:3
24. Titel in Rotterdam 2005 Ivan Ljubicic, 5:7, 7:5, 7:6
23. Titel in Doha 2005 Ivan Ljubicic, 6:3, 6:1
22. Titel in Houston 2004 Lleyton Hewitt, 6:3, 6:2
21. Titel in Bangkok 2004 Andy Roddick, 6:4, 6:0
Federer gewinnt zum ersten Mal die US Open, sein insgesamt 20. Titel Lleyton Hewitt, 6:0, 7:6, 6:0
19. Titel in Toronto 2004 Andy Roddick, 7:5, 6:3
18. Titel in Gstaad 2004 Igor Andrejev, 6:2, 6:3, 5:7, 6:3
Der zweite Wimbledon-Titel 2004: Sein insgesamt 17. Titel Andy Roddick, 4:6, 7:5, 7:6, 6:4
16. Titel in Halle 2004 Mardy Fish, 6:0, 6:3
15. Titel in Hamburg 2004 Guillermo Coria, 4:6, 6:4, 6:2, 6:3
14. Titel in Indian Wells 2004 Tim Henman, 6:3, 6:3
13. Titel in Dubai 2004 Feliciano Lopez, 4:6, 6:1, 6:2
Der erste Autralian Open-Sieg: Jahr 2004, sein 12. Titel Marat Safin, 7:6, 6:4, 6:2
11. Titel in Houston 2003 Andre Agassi, 6:3, 6:0, 6:4
10. Titel in Wien 2003 Carlos Moya, 6:3, 6:3, 6:3
Federers erster Grand Slam-Sieg: Wimbledon 2003 Mark Philippoussis, 7:6, 6:2, 7:6
8. Titel in Halle 2003 Nicolas Kiefer, 6:1, 6:3
7. Titel in München 2003 Jarkko Nieminen, 6:1, 6:4
6. Titel in Dubai 2003 Jiri Novak, 6:1, 7:6
5. Titel in Marseille 2003 Jonas Bjorkman, 6:2, 7:6
4. Titel in Wien 2002 Jiri Novak, 6:4, 6:1, 3:6, 6:4
3. Titel in Hamburg 2002 Marat Safin, 6:1, 6:3, 6:4
2. Titel in Sydney 2002 Juan Ignacio Chela, 6:3, 6:3
Roger Federers erster Titel auf der ATP-Tour, Mailand 2001 Julien Boutter, 6:4, 6:7, 6:4

103. Titel, Basel 2019 Alex De Minaur 6:2, 6:2

Keystone