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Eidgenössisches in Zug: Das Fest, das alle Dimensionen sprengt

Der neue Schwingerkönig: Christian Stucki triumphiert verdient am Eidgenössischen Schwingfest in Zug.

Der neue Schwingerkönig: Christian Stucki triumphiert verdient am Eidgenössischen Schwingfest in Zug.

Zug ist das grösste Eidgenössische der Geschichte – und Ueli Maurer sagt, das nächste 2022 in Pratteln dürfe noch grösser werden.

Ist es die Titanic, aufgebockt in der Werft vor ihrer Jungfernfahrt? Oder eher eine Arche Noah? Die eidgenössische Arena in Zug ist ein gewaltiges, atemberaubendes Bauwerk. Ein Maracanã, ein Kolosseum der Urchigen.

Das war auch 2013 in Burgdorf und 2016 in Estavayer ähnlich. Und doch anders. In Burgdorf war es eine Arena auf dem Lande. Idyllisch eingezwängt zwischen Waldsaum und Emme. Und 2016 spürten wir, ein wenig verloren auf den Weiten des Militärflughafens von Payerne, den welschen Charme des Unvollkommenen.

In Zug aber wirkt die Arena im Kontrast zur urbanen Kulisse der Wohnblocks im Hintergrund noch imposanter. Wie ein architektonisches Weltwunder. Mit 56 500 Plätzen. Und die Perfektion der Organisation ist beinahe unheimlich. Wer ein Ticket kauft, darf gratis mit der Eisenbahn reisen. Verkehrsstaus bleiben aus. Der Reisende mit Benzinkutsche fährt am Samstag und am Sonntag einfacher zum und vom Festgelände als bei einer Darbietung des EV Zug.

Die besten Bilder vom Eidgenössischen:

Die Zahl der Besucherinnen und Besucher am Freitagabend, Samstag und Sonntag auf dem Festgelände wird auf insgesamt mehr als 400 000 geschätzt. Zählen war nicht möglich. Jeden Tag mehr als 100 000. In der ganzen Geschichte unserer Eidgenossenschaft sind bisher nur bei zwei Anlässen noch mehr Menschen für ein einziges Ereignis zusammengeströmt: bei der Street Parade in Zürich und beim Begräbnis von General Henri Guisan im April 1960 in Lausanne.

Zug 2019 geht also als grösstes Schwingfest in die Geschichte ein. Zug nimmt nicht nur durch Rekordzahlen und eine perfekte Organisation den ersten Platz ein. In Zug sind sich zudem Brauchtum und Moderne, Stadt und Land, Urchige und Hipster so nahe gekommen wie noch nie. Natürlich fehlen die Abhandlungen über die Schönheit des Brauchtums nicht: Die Präsentationen der Treichler, der Kühe mit Hörnern, der Holztrompeter gehören zu jedem Eidgenössischen. Aber diesmal ist es nicht bloss ein Defilee helvetischen Brauchtums. Es ist eine Durchmischung dieser Folklore mit der Gegenwart des Sportes, die es zuvor so nicht gegeben hat.

Die Arena ist umtost vom Kommerz, umlagert von Krämern. Die Reklametafeln auf der Aussenseite sind nicht zu übersehen. Und nie zuvor hat es ein solches Gedränge rund um die Arena gegeben. Draussen hat die Welt also ihre moderne Ordnung, aufgeteilt in oben und unten. Die reichen, wichtigen und mächtigen Besucherinnen und Besucher residieren im grössten VIP-Tempel der eidgenössischen Geschichte: im Zuger Hockeystadion. Dort sind sie unter sich.

Ob VIP oder normaler Zuschauer: Am Sägemehl sind alle gleich

Aber der «Kern» ist ein ganz anderer. Betritt der Besucher die Arena, so ist es, als sei er nach einer Zeitreise auf einem anderen Planeten gelandet. Ruhe kehrt ein. Keine Werbebotschaften. Keine Hektik. Die Begeisterung des Publikums ist zu spüren. Die Stimmung sorgt für Gänsehaut. Sie ist diesem Fest aller Feste würdig. Im Anstand einer Oper näher als einem Fussballspiel. Es gibt zwar eine Ehrentribüne. Aber auch dort sind die Bänke aus dem gleichen harten Holz. Keine abgetrennten VIP-Logen hinter Glas. Am Sägemehl sind alle gleich. Bundespräsident Ueli Maurer hält in dieser vaterländischen Atmosphäre seine wohl gelungenste Ansprache.

Der Auftakt mag ein wenig kitschig sein. Unser Staatsoberhaupt wird in einer von vier edlen Pferden gezogenen Kutsche in die Arena gefahren. Wenn man weiss, wie leicht Pferde scheuen – eigentlich ein schier unverantwortbares Risiko. Was, wenn die Rösser in Panik geraten und samt bundesrätlicher Kutsche durchgebrannt wären? Die TV-Bilder hätten die Runde um den Globus gemacht.

Natürlich geht alles gut und selten hat ein Politiker mit träferen Worten den Nerv seines Publikums getroffen wie Ueli Maurer. Als roten Faden wählt er die Bezeichnung «Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest». Er sagt, «eidgenössisch» töne anders als «schweizerisch». «Eidgenössisch» sei auch älter. Er vergleicht die Situation der Schweiz in der Welt mit den Herausforderungen des Schwingers, der sich im Kampf bewähren muss, und auch die Schweiz behaupte sich im Wettstreit der erfolgreichsten, kreativsten Länder ganz vorne. Er verweist weiter auf den Begriff «Genossenschaft», die für gleiche Rechte und Pflichten für alle, für die direkte Demokratie stehe. Und schliesslich gelingt es ihm sogar, auch den «Älpler» mit der Moderne zu verknüpfen. Der «Älpler» stehe für Freiheit, Leistung und Verantwortung. Und ja, grösser dürfe das Fest künftig durchaus werden. Es gelte nur, eine Lehre des Zürcher Staatsschreibers Gottfried Kellers zu beherzigen:

Der Kern müsse gesund bleiben.

Es sind schöne Worte, die wunderbar zum Fest passen. Der einzige Störfaktor des Festaktes und eines Festes, das alle Dimensionen gesprengt hat, ist Gölä mit seinen lärmenden Gesangsversuchen. Er hat bei einem Eidgenössischen höchstens als voll zahlender Zuschauer etwas verloren.

Wenn die Zuger mit ihrem grandiosen Fest Gewinn machen sollten (was sie wohl werden), dann wird einem Sozialismus gehuldigt, der sogar Zugs Kultintellektuellen Josef Lang beschämt: Wird Geld verdient, geht ein Betrag in die Nachwuchskassen der Schwingklubs im Kanton. Üben ist ja in der Innerschweiz nötig, sonst gibt es nie einen zweiten König nach Harry Knüsel. Bleibt dann noch Geld, wird die Stundenentschädigung der rund 6000 Helfer von 8 auf 10 Franken angehoben. Und nur wenn dann noch etwas in der Festkasse ist, werden die gut 120 Mitglieder des OK bezahlt. Kein Innerschweizer König, aber wenigstens Geld und Geist in Zug.

Alle Schwingerkönige in Bildern:

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