Man kann nicht behaupten, dass die Radsaison 2017 für Chris Froome bisher nach Wunsch verlaufen ist. Der dreifache Gesamtsieger der Tour de France hat den von ihm gewohnten Leistungslevel in den wenigen Rennen, die er in diesem Jahr bestritten hat, nie erreicht. Froomes Bilanz der laufenden Saison: Platz 6 an der Herald Sun Tour in Australien, Platz 30 an der Katalonien-Rundfahrt, Platz 18 an der Tour de Romandie und Platz 4 an der Dauphiné-Rundfahrt, der eigentlichen Tour-Hauptprobe, wo er immerhin wieder in die Nähe der Spitze fuhr.

Zum Vergleich: Auf dem Weg zu seinen Tour-Triumphen 2013, 2015 und 2016 hatte der Brite im Vorfeld mindestens eine kleine Rundfahrt gewonnen – darunter immer die Dauphiné-Rundfahrt. Der 32-Jährige misste den fehlenden Erfolgserlebnissen allerdings keine allzu grosse Bedeutung zu: «Natürlich wäre es für das Selbstvertrauen und die Moral schön, wenn man vor der Tour de France schon etwas gewonnen hätte. Aber ich denke, dass ich aus meinen drei Gesamtsiegen an diesem Rennen genügend Vertrauen in meine Fähigkeiten schöpfen kann.»

«Meine grösste Herausforderung»

Sein solides Abschneiden am Dauphiné ist für den 32-Jährigen Grund genug, im Hinblick auf die «Grande Boucle» ein wenig Optimismus zu verbreiten, selbst wenn er im Kampf um den Dauphiné-Gesamtsieg letztlich chancenlos war. Er sagt: «Die Dinge haben sich seither in die erwünschte Richtung entwickelt. Mein Gewicht stimmt und alles ist so, wie ich es brauche.» Aber er betont auch: «Die diesjährige Tour wird zu meiner grössten Herausforderung.»

Apropos Herausforderung: An Konkurrenten, die Chris Froome vom Tour-Thron stürzen möchten, mangelt es nicht. Sein Ex-Edelhelfer und jetziger BMC-Leader Richie Porte wurde im Vorjahr Fünfter, obwohl er bereits in der zweiten Etappe wegen eines Defekts viel Zeit einbüsste. Der Australier ist ein begnadeter Zeitfahrer und dürfte seinem ehemaligen Chef bedrohlich nahe auf die Pelle rücken.

Da konnte er sich noch feiern lassen und Champagner trinken: Chris Froome als Tour-de-France-Gesamtsieger.

Da konnte er sich noch feiern lassen und Champagner trinken: Chris Froome als Tour-de-France-Gesamtsieger.

Aus französischer Sicht interessiert natürlich primär das Abschneiden des Vorjahreszweiten Romain Bardet. Seine Qualitäten in den Bergen sind unbestritten, dafür tut er sich im Kampf gegen die Uhr schwer. Der Vorteil des 26-Jährigen: Es gibt nach dem Prolog am vorletzten Tag nur noch ein Zeitfahren (22,5 km) in Marseille. Dafür stehen aber heuer nur drei Bergankünfte auf dem Programm. Im Vorjahr waren es noch deren fünf.

Reicht die Kraft bei Quintana?

Die fehlenden Bergankünfte könnten auch Nairo Quintana zum Verhängnis werden. Der Kolumbianer ist der beste Bergfahrer im Peloton, kann aber nicht Zeitfahren. Am Giro verlor er den Gesamtsieg am letzten Tag an Tom Dumoulin, weil er schlicht zu langsam war. Gegen einen Gesamtsieg Quintanas spricht auch seine Teilnahme an der Italien-Rundfahrt. Die beiden schwierigsten Etappenrennen der Welt erfolgreich zu bestreiten, ist punkto Energiereserven fast unmöglich.

Nairo Quintana ist der beste Bergfahrer, kann aber nicht Zeitfahren.

Nairo Quintana ist der beste Bergfahrer, kann aber nicht Zeitfahren.

Und der Rest? Der Tour-Sieger von 2009, Alberto Contador (34), hat angekündigt, noch ein letztes Mal Jagd auf das «Maillot jaune» zu machen. Astana hat mit Dauphiné-Sieger Jakob Fuglsang (Dä) und Fabio Aru (It) zwei heisse Eisen im Feuer. Und falls Nairo Quintana die Kräfte ausgehen, steht im Movistar-Team mit Alejandro Valverde ein valabler Ersatz bereit.